„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer…“

Matthias Jochheim, IPPNW-Vorstandsvorsitzender

Matthias Jochheim, IPPNW-Vorstandsvorsitzender

Neonazimorde in Deutschland
von Matthias Jochheim

Hinter dem Schlafenden auf Goyas Bild tauchen die Nachtmahre und Chimären auf, das Unheimliche, Unfassbar-Bedrohliche des Albtraums.

Die Nachrichten dieser Tage haben etwas vergleichbar Gespenstisches und tief Beunruhigendes. Eine Bande brutaler Mörder treibt über viele Jahre ihr verbrecherisches, rassistisch motiviertes Unwesen in Deutschland, und kann sich dabei offenbar auf eine spezifische Blindheit der Staatsorgane stützen, wenn nicht sogar auf Formen einer klandestinen Zusammenarbeit mittels sogenannter V-Männer.

Es muss daran erinnert werden: Das Verbot der neofaschistischen NPD ist daran gescheitert, dass bereits vor Jahren das Bundesverfassungsgericht die Durchdringung führender NPD-Kader mit Staatsschutzagenten für so relevant hielt, dass die originäre Verfassungsfeindlichkeit der Partei als solcher nicht mehr zu beweisen war.

Die Verwobenheit des bundesdeutschen Staates mit seinem faschistischen Vorläufer hat weitere ebenso unheimliche Blüten getrieben: der führende Staatsrechtler und anerkannte Kommentator unseres Grundgesetzes, Theodor Maunz, war nicht nur dem Nazi-Staat schon mit seiner Expertise zu Diensten gewesen, sondern entpuppte sich nach seinem Tod als anonymer Schreiber eines neofaschistischen Periodikums, der „Nationalzeitung“.
Überhaupt sind die Beispiele der Kontinuität der deutschen Machtelite nach 1945 Legion.

Wenn wir Vernunft nicht nur als instrumentell, also als beliebigen Zwecken dienende Verstandestätigkeit verstehen, sondern als die menschliche Fähigkeit, durch Erkenntnis, durch folgerichtiges Lernen Lebensverhältnissen näher zu kommen, die im wahren Sinne human sind, dann ist der Faschismus die grausamste Manifestation des Verlusts und der Zerstörung von Vernunft.
Die deutschen Organisatoren des Zweiten Weltkriegs sind sicherlich mit großer Zweckrationalität vorgegangen, aber bei einem Projekt, das jeder Sinnhaftigkeit menschlicher Geschichte direkt feindlich war, und dass man in den Kategorien der Psychopathologie nur als Kombination von Verlust jeglichen humanen Mitgefühls und entfesselter Megalomanie beschreiben kann.
In den Begriffen der Psychopathologie kann dies auch als maligne Regression beschrieben werden, als massive Kultur-Zerstörung gegenüber dem schon erreichten Niveau des Zivilisatorischen.

Die Frage ist bis heute nicht beantwortet: woher die weiter wirksame Destruktion von Vernunft und Humanität in einer Gesellschaft, die doch diese Werte immer wieder als wesentlich hervorhebt?

Meine These: Es ist die Unvernunft, die Demokratiefeindlichkeit und Destruktivität der ökonomischen Prozesse, der „Terror der Ökonomie“. In diesem für die Gesellschaft und damit für alle Menschen entscheidend wichtigen Lebensbereich hat die Selbstbestimmung des Gemeinwesens keinen Einzug gehalten, hier gelten die kruden Gesetze der kapitalistischen Logik, des Kampfs „Jeder gegen jeden“, das Recht des Stärkeren. In unseren Tagen erleben wir überall auf dem Planeten die Angst vor der Destruktivität dieses scheinbar völlig unbeherrschbaren Prozesses. Eine Volksabstimmung in Griechenland wird zur Gefahr für die propagierte Sanierung der Kreditwirtschaft; überall in Europa gerät die soziale Lage der Bevölkerungsmehrheit in die Schieflage. Die von den Regierungen in die Wege geleiteten Maßnahmen stopfen erkennbar nur die aktuellsten Löcher, um für den weiteren Verlauf noch größere Defekte vorzubereiten.

Wenn es nicht gelingt, den Schlaf der Vernunft durch laute Alarmrufe zu beenden, und im wahrsten Sinne soziale, demokratische, friedliche und naturfreundliche Taten mit wachem Verstand und Energie gemeinsam in die Hand zu nehmen, werden die Nachtmahre des Hasses und der Zerstörung neue Schrecken über uns bringen.

Matthias Jochheim ist Arzt und Psychotherapeut und Vorstandsvorsitzender der deutschen Sektion der IPPNW.

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