12 Wochen im „Heiligen Land“

Prozession am Palmsonntag, mit Tausenden, die vom Ölberg herunter zum Löwentor nach Jerusalem pilgern.

Prozession am Palmsonntag, mit Tausenden, die vom Ölberg herunter zum Löwentor nach Jerusalem pilgern. Foto: Monika Schwarzenböck

Seit Anfang Februar bin ich (im normalen Leben Pastoralreferentin in der Klinikseelsorge) in Palästina, im Dorf Qubeibah-Emmaus, ca 12 km von Jerusalem entfernt. Ich habe hier 10 Wochen als Volontärin in einem Pflegeheim für gehandicapte, oft psychisch erkrankte und alte Frauen mitgearbeitet, und war in meiner Freizeit  viel in den erreichbaren Orten der Westbank und in Jerusalem  unterwegs, zu Fuß oder mit den öffentlichen Kleinbussen. Das ist auf Zeit ein Leben als Grenzgänger.

Das für uns nächst erreichbare Gate  ist eigentlich ein Militärtor, das aber aus praktischen Gründen – das Givat Zeev- Settlement braucht Arbeiter – in den letzten Jahren für den kleinen Grenzverkehr geöffnet wurde. Für die Autos mit entsprechender Erlaubnis kein Problem, für uns Fußgänger Glücksache: funktioniert  oft, bisweilen mit Verzögerung, denn manchmal ist die Drehtür einfach  verriegelt. Wenn geöffnet, knallt man Pass /Visum an eine verdreckte  Fensterscheibe, zu der ich mich grad strecken kann, und es ist kaum zu
erkennen, ob man durchgewunken wird oder nicht. Ich gehe auf gut  Glück, dann ist die Eisentür verschlossen- ach ja, die Klinke liegt  am Boden, man braucht die Fingernägel, um die Tür anzuheben. Drinnen  dann nochmal Passcheck, Gepäckcheck, nochmal  75 m Löwenkäfiggang wie zuvor. Dann noch knapp 200 m, und man ist auf einer Schnellstraße, die mehrere jüdische Siedlungen mit Jerusalem verbindet, und im Nu in einem anderen Leben…   Immerhin, mit 3 Verkehrsmittel und 1 – 2 Stunden ist man dann in der Altstadt von Jerusalem. Da kommen unsere arabischen Arbeitskolleginnen nie hin. Am Ostersonntag hat man uns übrigens nicht durchgelassen, wir mussten dann zum Qualandia- Checkpoint nach  Ramallah fahren. Den hatte ich jetzt des öfteren, zu Fuss oder mit den palästinensischen Bussen zu überqueren, da gibt es gleich ca. acht solcher Käfiggänge nebeneinander ( und offenbar keine Toilette).

Heute habe ich einer 1948 geborenen Heimbewohnerin Bilder vom Meer  gezeigt – ich war vor wenigen Tagen in Akko. Sie  hat das Meer noch  nie gesehen. „Warum dürfen die Juden aus aller Welt dieses Land hier Heimat nennen, und wir dürfen uns hier kaum bewegen? “ fragte sie. (Die  geschichtlichen Erklärungen in Akko erzählen übrigens, dass die Kreuzfahrer  in Israel eingedrungen sind….)

Die Siedlungen in der Altstadt und Ostjerusalem inklusive der angrenzenden arabischen Dörfer nehmen augenfällig zu,  außer den Fahnen stehen ja dann jeweils mehrere Soldaten rum. Seit den Wahlen hört die verstärkte Militär-Präsenz nicht auf:  palästinensischer Land-Day, Pessachwoche, Ostern, heute letzter  Pessachtag, der wichtigste… die vielen orthodoxen Juden hier verwandeln in ihrem oft wirklich speziellen Outfit Jerusalem in eine mittelalterliche Bühne. Ich war gestern früh noch im ansonsten  ganz jüdischen Nahariya im Norden Israels, da sah ich keinen Menschen  in solcher Kleidung. Aber, leider, auch die junge, hilfsbereite liberale Familie, mit der ich dort in Kontakt war, findet die Palästinenser “ gefährlich“.

Vor einem Jahr habe ich, zusammen mit meinem Mann,  eine von IPPNW und Pax Christi angebotene  Studien- und Begegnungsreise in die Westbank und nach Ostjerusalem unternommen. Kürzlich habe ich in Bethlehem unsern damaligen Reisebegleiter Rojer Salameh getroffen, und  zusammen mit zwei jungen Volontär-Kolleginnen sind wir wieder die Mauer in Bethlehem entlang gegangen. Das  Wall-Museum mit seinen eindrucksvollen Mauergeschichten wurde erweitert, unter anderem mit zwei Beiträgen, die Rojer  mit seinen Jugendlichen gestaltet hat. Der Gilo 300-Checkpoint, den wir im vergangenen Jahr in der morgendlichen  Durchquerung erlebt haben, hat ein blaues Blechdach bekommen – es kamen bei schlechtem Wetter wohl zu wenig Leute zur Arbeit…In Ramallah hab ich das Dunja-Brustkrebscenter wieder  besucht, es waren auch diesmal keine Patienten da. Dafür warteten  einige in der  Saint- Yves-Society (Rechtsbeistand für Palästinenser ) des lateinischen Patriarchats. Ich bin erstaunt, dass diese für mich so eindrucksvoll arbeitende Organisation bei den kirchlichen Menschen, mit denen ich bisher hier zusammentraf, nicht bekannt ist.

Die Stimmung der PalästinenserInnen ist, mit wem ich auch rede – Taxifahrer, Verkäufer, Lehrer, Hostelangestellte, arabische Krankenpflegende – gedrückt, schon gar nach der Wahl. Sie sehen in den eigenen Politikern auch keine Lösung. Einige O-Töne: „Ich bete nicht mehr um Frieden. Ich habe die Hoffnung dafür aufgegeben. Ich bete um ein bisschen Ruhe. Einfach nur Ruhe.“-  „Man fragt mich, warum ich nicht in ein anderes Land gehe. Aber wissen Sie, das hier ist meine Heimat. Ich will nicht woanders hin. Aber ich fühle mich manchmal, wie wenn mir der Hals zugedrückt wird und ich keine Luft mehr bekomme. Ich frage mich auch, ob es richtig war, Kinder in dieses Land zu setzen“ (ein 25jähriger Vater dreier kleiner Kinder.)-  „Mein Bruder wohnt in Ramallah und muss jeden Tag nach Jerusalem. Er kann sehr schlecht schlafen, er ist jede Nacht beunruhigt, ob er am nächstenTag über den Checkpoint kommt, und wie lange es dauern wird.“ Eine 40jährige Mutter: „ Gestern ist mein Sohn (23) aus dem Gefängnis entlassen worden, nach zweieinhalb Jahren. Er hatte seine politische Meinung auf Facebook gepostet.“ Ein Taxifahrer: „ Ich glaube, unsere Generation wird keinen Frieden kriegen. Irgendwann wird es wieder anders werden, aber wir werden es nicht erleben.“

Allerdings gab es eine Situation, in der ich auch noch anderes  erlebt habe: das  war die Prozession am Palmsonntag, mit Tausenden, die vom Ölberg herunter zum Löwentor nach Jerusalem herein kamen: das war unglaublich, welch frohe Aufbruchsstimmung da herrschte. Trotz der  vielen ausländischen Gruppen dominierten die palästinensischen  Christen mit ihren von Trommeln begleiteten Liedern, in denen unüberhörbar ein „Es gibt uns, trotz allen Hindernissen hier zu leben …“ mitschwang.  In ihren  Palmbuschen trugen sie die hier verbotene Palästina-Flagge. Und  – ich bin kein Fan von Selig-/Heiligsprechungen – doch dass jetzt zwei Palästinenser  zu solchen Ehren kommen (im Mai), wurde auf vielen Transparenten stolz mitgetragen, und da konnte ich mich einfach nur mit freuen.

Ich erinnerte mich, dass letztes Jahr mehrere unserer Referenten so enttäuscht / empört erzählt hatten, dass sie, ihre Partner oder Kinder keine Genehmigung für diese Prozession bekommen haben. Damals hab  ich nicht kapiert, warum gerade dieser Anlass so wichtig ist. Das ist mir jetzt sonnenklar. Das ist echt pulsierendes Leben und ein konstitutives Ereignis für die Christen hier, – und das Christentum hier ist arabisch. Aber leider sind auch heuer viele Christen an den Checkpoints zurückgewiesen worden. Der Patriarch/Erzbischof  spricht das hier klar an. Eigenartig, dass unsere Christengemeinden zu Hause so wenig solidarisch sind. Überhaupt bin ich schockiert, wie wenig die Holy-Land-Reisenden wissen. Nach Emmaus kommen nicht wenige Pilgergruppen – manche Pilger wussten nicht mal, dass sie damit auf palästinensischem Gebiet sind. Die israelischen Reiseleiter sprechen vom Zaun („Mauer gibt es nur wenige hundert Meter“.
Ohne unsere Reiseerfahrungen vom letzten Jahr  würde ich vieles jetzt nicht sehen und verstehen! Ich bin dankbar um das immer noch funktionierende Info-Netzwerk unter den ReisekollegInnen. Hier im Land ist es nicht einfach, etwas mitzubekommen. Und als Einzelperson, zumal mit schmalem bzw unsicherem Zeitbudget,  ist es schwierig, mit Organisationen in Kontakt zu kommen.

Dank  des vielen Regens heuer ist die Gegend wirklich besonders schön, mit  vielen Blumen und Blüten übersät… „Kommt und seht!“  Salam!

Monika Schwarzenböck

Nachtrag : Zum Ende meines Freiwilligeneinsatzes reise ich mit meinem Mann zwei Wochen durch Palästina und Israel – und erleben in den letzten Tagen sehr eindrückliches:

Samstagabend, 25.4.2015 Wir verbringen letzte Tage vor dem Heimflug  in Jerusalem. Endlich ist das Wetter wärmer geworden, der Abend lau, und wir genießen den Blick über die faszinierende nächtliche Stadt. Da sehen wir einen Blitz, hören einen Schuss, und wieder, und wieder… sehen aus der Ferne Ambulanzen fahren…zwischen dem Ölberg und Mount Scopus, Richtung Qualandia-Checkpoint. Bis Mitternacht geht das so. (2 Tage später lesen wir in Ha’aretz von der Erschießung eines Jugendlichen und der Verwundung fünf  israelischer Soldaten)

Montag, 26.4.2015: ein letzter Besuch auf dem wunderbaren, erhabenen Tempelberg. Mehrmals schreien die muslimischen Frauen, die in Gruppen an der Al-Aksa-Moschee sitzen; aus mehrfacher Beobachtung weiß ich: ihre Rufe bedeuten, dass Juden trotz Verbots per jüdischem Gesetz über den Platz gehen. Diese jüdischen Provokateure werden übrigens von den jordanischen Soldaten, die auf dem Tempelberg stationiert sind, eskortiert.  Als wir durch das Kettentor den Tempelplatz verlassen, stürmen ca.10 Polizisten vom nächstliegenden Haus auf den Tempelberg, und kommen kurz darauf mit zwei festgenommenen Frauen zurück, die sie sofort in ihren Stützpunkt bringen. An uns spaziert der junge jüdische Mann vorbei, den wir zuvor auf dem Tempelberg schon beobachtet hatten, und entschwindet aus der Szene. Ganz betroffen warteten wir, redeten mit einem Mann, der uns erklärte, dass es mehrmals jedenTag solche Schwierigkeiten gäbe. Nach seinen Erkundigungen haben die Frauen den jüdischen Mann wohl berührt, und er hat sich bedroht gefühlt… Es kommen zwei Frauen aus der Stadt, die deutlich besorgt gegenüber dem Polizeistützpunkt warten, d.h. unmittelbar neben uns stehen. Polizisten bringen sie in die nächste Seitengasse. Da kommt eine der beiden weinend zurück. Als sie die Polizisten wieder sieht, die sie erst zu der Seitengasse gebracht haben,  beschimpft die junge Frau sie  – daraufhin wird sie gepackt und auch weggebracht.

Ein Gedanke zu „12 Wochen im „Heiligen Land“

  1. Liebe Monika!

    Vielen Dank für Deinen beeindruckenden Bericht. Mit geht es auch so, dass ich sehr froh bin u.a. über Martin und Mechthild weiter über die Prozesse in Israel/Palästina informiert zu werden, Friedeses-Prozesse kann man es nur leider nicht nennen. Es gibt so wenig positive Entwicklungen. Wie gut, dass es engagierte Menschen wie Dich gibt, die sich auf diese Länder einlassen. Das tut gut. Ich wünsche Dir, dass Du Deine Erfahrungen mit vielen anderen teilen kannst und sie trotz alledem und alledem ermutigend wirken.
    Vielen Dank und lieben Gruß.
    In Erinnerung an die gemeinsame Zeit in Palästina
    Christel
    P.S. Ich brauchte die Schulferien, um in Ruhe lesen und antworten zu können.

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