Zu Gast in Japan – Die Friedenszeremonie in Hiroshima

Friedenszeremonie am 6. August 2015 in Hiroshima, Photo: City of Hiroshima / CTBTO, CC-BY-SA-2.0

Friedenszeremonie am 6. August 2015 in Hiroshima, Photo: City of Hiroshima / CTBTO, CC-BY-SA 2.0

Am 6. August war es endlich so weit. Die heiß ersehnte Peace Ceremony fand statt, weshalb wir uns schon um sieben Uhr morgens trafen, um Plätze zu reservieren. Es war wahnsinnig viel los im Peace Park. Von allen Seiten wurde man mit Megaphonen, lauten Schreien und dazwischen den Sutren rezitierenden Mönchen beschallt. Unzählige Fernsehteams und Delegationen aus aller Welt waren da, und man hatte wirklich das Gefühl, an diesem Tag schaue alle Welt auf Hiroshima. Als wir dann unsere Plätze einnahmen, hatten wir fast noch eine Stunde Wartezeit zu überstehen. Es war schon kurz nach sieben wahnsinnig heiß und schwül und durch die Lautsprecher wurde permanent die Anweisung durchgegeben, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Vor uns saßen zwei ältere Damen aus Hiroshima, die uns die Wartezeit damit versüßten, uns in die hohe Kunst des Kranichfaltens einzuweisen, worüber selbst die Japaner unter uns staunten.

Die Zeremonie selbst beginnt üblicherweise damit, dass die Namen der an den Folgen des Atombombenabwurfes Gestorbenen aktualisiert werden. Danach begann der Bürgermeister von Hiroshima die „Friedensdeklaration“ des aktuellen Jahres zu verlesen. In diesem Jahr erwähnte er beispielsweise den Atombomben-Dom, der weiterhin über Hiroshima „wachen“ wird. Lange Zeit nach dem Krieg war der Erhalt dieses Monuments umstritten. Einerseits gab es viele, die es nicht ertragen konnten, täglich an die schlimmen Erlebnisse nach dem Atombombenabwurf erinnert zu werden, und andererseits gab es die Fraktion, die um dessen Erhalt als Mahnmal des Friedens kämpfte. Und sich im Jahr 1966 mit dessen dauerhaften Erhalt durchsetzte. Viele der Gegner des Atombombendoms waren Jahre nach dessen endgültigem Erhalt froh darüber, da er für sie, nachdem sie die Erlebnisse halbwegs verarbeitet hatten, auch Hoffnung in sich trug. Heutzutage ist die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Hiroshimas froh, dass der Genbaku-Domu auch weiterhin existieren wird. Später erwähnte der Bürgermeister auch die über 15.000 Nuklearwaffen, die noch immer vorhanden sind. Zur Angst vor einem Nuklearkrieg komme auch die Angst vor dem nuklearen Terrorismus hinzu. Hiroshima setzt sich dafür ein, alle Atomwaffen bis zum Jahre 2020 weltweit zu verbieten.

Auch dass das Durchschnittsalter der Hibakusha nun 80 Jahre beträgt und man versucht, ihre Botschaft für die Nachwelt zu erhalten, schnitt er an. Schon seit langer Zeit wird versucht, die Berichte der Hibakusha zu digitalisieren. Da hierbei aber der emotionale Zugang oftmals limitiert ist, hat man vor einigen Jahren das Projekt „Botschafter des Friedens“ ins Leben gerufen, bei dem jüngere Japaner darin geschult werden, die Botschaft der Hibakusha weiterzugeben. Sie lernen die Berichte der Überlebenden und nehmen gleichzeitig an Workshops teil, um zu lernen, wie sie diese Nachricht am besten weitergeben. Es wird sich in naher Zukunft zeigen, ob dieses Projekt Erfolg hat. Man wird natürlich nie verhindern können, dass ein nicht allzu kleiner Teil der Botschaft verloren geht, sobald diejenigen gestorben sind, die diese Zeit selbst erlebt haben – doch denke ich, dass dieses Projekt in Kombination mit Videoaufnahmen der Hibakusha sicherlich die derzeit einzigen Möglichkeiten darstellen, die Nachricht überhaupt weiterzugeben.

Vielleicht interpretiere ich in seine Rede zu viel hinein, da es meinem Wunschdenken entspricht, doch hatte ich das Gefühl, dass der Bürgermeister Hiroshimas mit diesem Satz zum Thema, wie man weltweiten Frieden erreichen könne, zumindest eine kleine Botschaft an den Premierminister senden wollte, der direkt vor ihm saß: „Im nächsten Schritt muss man durch das gewonnene Vertrauen weitreichende Sicherheitssysteme aufbauen, welche nicht auf militärischer Macht basieren. Mit Beharrlichkeit und Ausdauer muss man daran arbeiten, solche Systeme zu verwirklichen und es erfordert die weltweite Anpreisung des Pfades des wahren Friedens, der in unserer pazifistischen Verfassung liegt“.

Desweiteren bat er Präsident Obama, doch nach Hiroshima zu kommen um die wahren Folgen des Atombombenabwurfes zu sehen und die Erfahrungen der Hibakusha zu hören, um die Diskussionen um die Abschaffung von Atomwaffen weltweit voranzutreiben.

Pünktlich um 8:15 Uhr wurde die Friedensglocke geläutet und eine Schweigeminute abgehalten. In der ganzen Stadt legten die Menschen für eine Minute ihre Arbeit nieder, um den Opfern des Atombombenabwurfes zu gedenken. Danach wurden symbolisch die Tauben freigelassen und schließlich trat der Premierminister Abe auf, um das Wort an die Besucher Hiroshimas zu richten. Doch eher unüblich für Japan, wurde sein Auftauchen mit vielen Rufen à la „Verschwinde aus Hiroshima“, „Lügner, leg dein Amt nieder!“ begleitet. Auch während der Rede, die ich, soweit ich sie verstand, sehr allgemein gehalten war, wurden seine Worte oft mit Rufen aus dem Publikum kommentiert. Er sprach über die Notwendigkeit des Friedens, dass man Hiroshima nie vergessen solle und viele andere leere Worte, die im krassen Gegensatz zu seinem politischen Handeln stehen. Mir geht das Thema mittlerweile sehr ans Herz, zumal ich viele Japaner kennengelernt habe, die verzweifelt sind und große Angst davor haben, dass die Situation im Pazifik wieder eskaliert und dass in Japan, ähnlich wie vor dem Zweiten Weltkrieg, der rechte Flügel wieder am Erstarken ist. Ich habe einige Universitätsdozenten getroffen, die damals beim IPPNW-Weltkongress in Hiroshima 2012 dabei waren und die von der Stellungsnahme der deutschen IPPNW sehr beeindruckt waren und mir voller Enthusiasmus davon berichteten, aber gleichzeitig auch mit der Bitte verbunden, doch irgendwie zu helfen. Es ist eine wahnsinnig schwierige Situation, aus der die Japaner wahrscheinlich nur selbst herausfinden können, doch trotzdem möchte man irgendwas tun.

Ich fühle mich von der IPPNW wahnsinnig gut betreut und ich habe das Gefühl, dass alle ihr Bestes geben, wenn ich den Wunsch habe, irgendwelche Einrichtung zu sehen, oder mit bestimmten Menschen zu sprechen. Sie ermöglichen mir hier sehr vieles und ich fühle mich dank der IPPNW Japan hier wirklich unglaublich wohl, doch es ärgert mich momentan ziemlich, dass die IPPNW Japan sich möglichst neutral gibt. Wie ich von Mitarbeitern hier hörte, möchte man sich, was die Verfassungsänderung und die Atomkraft angeht, nicht eindeutig positionieren, da man die Regierung fürchtet und vielen Ärzten doch ein guter Kontakt zur Obrigkeit wichtig ist. Die Abschaffung von Nuklearwaffen fordern sie gern, weil man hierzu einfach nur ins gleiche Horn wie alle andern blasen muss, aber alles was die Regierung erzürnen könnte, wäre zu problematisch. Vielleicht weiß ich einfach noch nicht genug über die Wichtigkeit der Regierungsbeziehungen, doch angesichts der momentanen politischen Situation in Japan denke ich, dass man sich eindeutig positionieren sollte. Schließlich wissen wir ja nur allzu gut, was passiert, wenn jeder sich nur duckt und keiner die Stimme erhebt. Zitat eines Mitarbeiters der IPPNW Japan: „Wir hoffen einfach darauf, dass der Premierminister, wie die meisten seiner Vorgänger, vorzeitig sein Amt niederlegt“.

Auf jeden Fall wollte ich mich nach der Demonstration mit Tigerman treffen. Er ist ein Japaner, der sehr gut Deutsch spricht, gute Kontakte zu IPPNW Deutschland hat und mir freundlicherweise den Trip nach Fukushima organisieren möchte. Wir trafen uns direkt vorm Atombombendom, zusammen mit einigen Bundestagsabgeordneten, die eine Japanerin interviewen wollten, die schon oftmals in den Irak gereist ist, um vor allem Kinderkrankenhäuser in Basra zu unterstützen und auf deren Lage aufmerksam zu machen. Da man im Golfkrieg DU-Munition eingesetzt hat, leidet die Bevölkerung noch heute unter den Folgen: Die Mortalität durch Leukämie war zeitweise die höchste weltweit, was natürlich auch auf das fehlende medizinische Personal/Equipment zurückzuführen ist. Noch heute werden Kinder mit Missbildungen geboren. Frau Oe organisierte hierfür einen Austausch mit irakischen Ärzten. In den Jahren seit Beginn des Projektes 2009 hatten so bis heute neun Ärzte die Chance, in Hiroshima eine umfassendere Ausbildung in der Behandlung von Leukämien zu erhalten, als es im Irak möglich wäre. Dabei hatte sie viele Hürden zu überwinden, wobei das Finden von willigen Ärzten in Japan, die dieses Projekt unterstützen, das Geringste war.

In ihrem neusten Projekt organisiert sie „Kuraufenthalte“ in Hiroshima für Kinder aus der Region um Fukushima, in der es noch immer viele radioaktive Hotspots gibt, von der die Menschen oftmals nichts wissen, da diese Zahlen zurückgehalten werden. Seit dem Reaktorunfall vor vier Jahren werden dort regelmäßig Screening-Untersuchungen auf Schilddrüsenkrebs durchgeführt. Momentan liegt der Prozentsatz an gefundenen Zysten und knotigen Veränderungen bei knapp 58% der untersuchten Kinder, Tendenz steigend. Hiervon wurde mittlerweile bei 127 Fällen eindeutig Schilddrüsenkrebs festgestellt. Die Regierung sieht natürlich keinen Zusammenhang zwischen steigender Krebszahlen und Reaktorunfall. Die Zahlen werden, wenn überhaupt, in den Lokalzeitungen veröffentlicht und die Krankenhäuser werden von der Regierung wohl wahnsinnig unter Druck gesetzt. Ich denke, dass ich mehr darüber erfahren werde, wenn ich in der Region selbst bin.

Die Bürger Hiroshimas fühlen sich natürlich mit dem Schicksal der Menschen in Fukushima verbunden. Laut Frau Oe leiden die Menschen unter der gleichen Diskriminierung, die auch die Hibakusha von Hiroshima über sich ergehen lassen mussten. Ich konnte es kaum glauben, als sie uns erzählte, dass sich viele Bewohner der Präfektur Fukushima nur noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln in andere Regionen Japans trauten, da vielen die Autos demoliert und mit wüsten Beschimpfungen besprüht wurden, die Menschen einen Bogen um sie machen und auch Partnerschaften und Ehen deswegen in die Brüche gehen, weil viele Japaner Angst vor den ihrer Meinung nach „strahlenden“ Menschen aus Fukushima haben. Die gleichen Geschichten hörte ich nur wenige Tage zuvor von den Hibakusha aus Hiroshima.

Patrick Schmidt ist Medizinstudent aus Leipzig. Mit dem Austauschprogramm „famulieren & engagieren“ ist er derzeit für zwei Monate in Hiroshima.