Besuche in der Provinz

Flugblatt zum Referendum in Kiziltepe verteilt in Kurdisch, IPPNW-Delegationsreise in die Türkei, März 2017, Foto: IPPNW

Flugblatt zum Referendum in Kiziltepe verteilt in Kurdisch, IPPNW-Delegationsreise in die Türkei, März 2017, Foto: IPPNW

Wir sind mit der HDP Halkların Demokratik Partisi (Demokratische Partei der Völker) in Mardin in Südostanatolien verabredet. An der Polizeikontrolle am Ortseingang werden wir durchgewinkt. An der Artuklu Universität, wo noch vor kurzem das kurdologische Institut u.a. Lehrer ausgebildet und kurdische Lehrbücher entwickelt hat, hängen große rote türkische Fahnen ebenso wie am Rathaus, in dem wir im letzten Jahr den Oberbürgermeister Ahmet Türk getroffen haben.

Im Büro der Partei sprechen wir mit dem Kreisvorsitzenden Ali Aslan und den Abgeordneten Erol Dora, einem syrische orthodoxen Christen und Ali Atalan, einem Yeziden, der lange in Deutschland gelebt hat. Sie laden uns ein, mit ihnen nach Kiziltepe zu kommen, wo sie Flugblätter zum Referendum in den Geschäften verteilen wollen.

Die Kontrolle am Ortseingang ist unkompliziert. In einem sonnigen Park beginnt die Verteilaktion. Etwa 20 Parteimitglieder und die Abgeordneten verteilen Flugblätter, in denen auf türkisch und kurdisch „Nein“ steht und Erklärungen, warum das Referendum abgelehnt werden sollte. Die Stimmung scheint freundlich und entspannt, das Anliegen stößt auch in der Einkaufsstraße auf weitgehende Zustimmung. Da die Presse auf die Linie der Regierung eingeschränkt ist, ist dies die einzige Möglichkeit der Opposition, ihre Meinung zu verbreiten. Sie fühlen sich durch unsere Begleitung geschützt. Als wir müde sind und diskutieren, ob wir zum Auto zurückgehen sollen, werden wir von einer Gruppe von Zivilpolizisten angehalten, die unsere Ausweise einsammeln, fotografieren und an eine Zentrale übermitteln. Während sie auf Antwort warten, stellen sie viele Fragen zu unseren Zielen, zum Reiseweg. Als wir endlich unsere Ausweise zurück bekommen, hält uns einer der Polizisten noch eine böse Rede. Die Türkei sei eine Demokratie. Die Türken würden in Deutschland schlecht behandelt, sie aber würden uns gut behandeln und weiter fahren lassen. Sie würden uns aber im Auge behalten und wenn wir uns nicht an den ihnen angegebenen Reiseplan hielten, würden wir festgenommen. Wir verlassen Kiziltepe, ohne die HDP-Mitglieder noch einmal gesehen zu haben. Per Telefon erfahren wir später, dass sie unbehelligt ihre Aktion beenden konnten.

Zwei Tage später fahren wir nach Cizre, der Stadt, in der wir im letzten Jahr die zerstörten Stadtviertel gesehen hatten. Wir fahren lange an der syrischen Grenze entlang, die inzwischen über weite Strecken mit einer Betonmauer abgeriegelt ist. Der Ortseingang ist mit einer doppelten Kontrollstation gesichert. Wir passieren aber ohne Probleme. Ein Freund von der Menschenrechtsstiftung hat unseren Besuch organisiert.

Wir treffen im Haus der Gewerkschaft KESK (öffentlicher Dienst) auf Vertreter der Gesundheitsgewerkschaft SES und der Erziehungsgewerkschaft Egitim Sen. Noch bevor wir uns bekannt gemacht haben, zeigen sie uns die Bilder der während der Ausgangssperre getöteten Gewerkschaftsmitglieder. Ein Sanitäter, ein Krankenwagen Fahrer, die Verwundete aus einem umkämpften Viertel holen wollten. Sie erzählen aufgeregt und wenig chronologisch, vermischen gestern und heute und fallen immer wieder in ihre Erinnerungen an die schreckliche Zeit der Ausgangssperre, ein Verhalten, wie wir es von unseren traumatisierten Patienten kennen. Sie erzählen, dass die zerstörten Häuser inzwischen eingeebnet wurden, um die Spuren der Kriegsverbrechen zu verwischen.

Im Anschluss besuchen wir die Familie des inhaftierten Kollegen Serdar Küni, die unseren Besuch als Ermutigung und Stärkung bezeichnen. Nach dem Gespräch im Büro der HDP gehen wir mit dem Freund zum Essen in ein Restaurant. Wir haben uns noch kaum hin gesetzt, als Dolmetscher Ahmet und ich gerufen werden. Die Polizei ist da und fragt nach, was wir in der Stadt suchen. Wieder werden die Ausweise eingesammelt, fotografiert und an „die Zentrale“ geschickt. Kurze Zeit später kommen zwei Männer in Zivil, einer spricht ganz gut deutsch. Sie sind höflich, fragen aber sehr genau nach unseren Kontakten, versuchen herauszufinden, ob wir „im Auftrag“ unserer Organisation unterwegs sind. Das Gespräch dauert lange. Sie sind sehr gründlich und lassen nicht locker. Schließlich sind sie zufrieden gestellt, wir dürfen zu unserem warm gestellten Essen. Als wir die Stadt verlassen, werden wir von einem gepanzerten Fahrzeug begleitet – „nur zu unserer Sicherheit“.

Dr. Gisela Penteker