Büchel 65 – ein erster Bericht

Büchel65. Foto: atomwaffenfrei.jetzt

Büchel65. Foto: atomwaffenfrei.jetzt

Seit dem 26. März 2015 kommen Gruppen aus verschiedenen Städten und Gemeinden – darunter auch Freundeskreise, eine Geburtstagstafel und eine Gottesdienstgruppe – in die südliche Eifel, um vor dem Eingang zu Deutschlands bislang einzigem Atomwaffenstandort störend mit vielfältigen Aktionen des zivilen Ungehorsams präsent zu sein. Die Bereithaltung von Atomwaffen und die Androhung ihres Einsatzes sind ein Unrecht!

Das Datum der erfolgreichen Auftaktblockade wurde bewusst zur Erinnerung an den fünften Jahrestag des Bundestagsbeschlusses zum atomwaffenfreien Deutschland, gewählt. Dieser Beschluss wurde bisher von allen Bundesregierungen ignoriert. Politischen Druck, über Demonstrationen, Mahnwachen und legale Aktionen hinaus gegebenenfalls juristische Konsequenzen mitzutragen, ist angesichts der sich zuspitzenden militärischen Lage das Gebot der Stunde. Erst vor kurzem wurde die berühmte Doomsday Clock der internationalen Atomwissenschaftler auf drei Minuten vor zwölf vorgestellt.

Dem Aufruf von Büchel65 sind bisher über 20 Gruppen gefolgt. An möglichst vielen von 65 Tagen zwischen dem 26. März und dem 29. Mai, dem Ende der Konferenz zur Überprüfung des Atomwaffensperrvertrags (NPT-Konferenz) in New York, wird mit gewaltfreien Sitzblockaden unterschiedlicher Art versucht, das drängende Atomwaffenthema wieder auf die politische Tagesordnung zu setzen und langfristig Büchel als zentralen symbolischen Widerstandsort gegen Atomwaffen zu etablieren. Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg. Erste Schritte wurden schon vor einigen Jahren versucht (Inspektionen, Musikblockade, Aktionscamps) und sollen nun beschleunigt werden.

Bisher haben unterschiedlichen Gruppen acht Blockaden durchgeführt, an denen ich bei zwei aktiv teilnahm und drei mit begleiten durfte. Auch wenn Militär und die Polizei jegliche Störung des Betriebes im Keim zu ersticken versuchte, gelang es den oft zahlenmäßig kleinen Gruppen zumindest kurzfristig, den einfahrenden Verkehr zu stören, oder er musste umgeleitet werden. Natürlich ist die Gegenseite mit ihrem Gewaltpotential physisch überlegen, es konnte aber zumindest ein Platz direkt vor dem Haupttor aufrecht erhalten werden, wo unsere Botschaften auf Transparenten gezeigt und gesehen werden.

Was in den Köpfen der Menschen vor sich geht, die durch ein Spalier von  singenden Demonstranten, Friedensfahnen und Transparenten fahren, entzieht sich meiner Kenntnis. Eindruck und Interesse zeigen manche junge Polizisten, die noch Minuten zuvor die Blockierer von der Straße tragen mussten. Zum Beispiel fragte einer, was die „65“ hinter Büchel bedeute. Ausführlich kamen wir über den Sinn und das Konzept unserer Aktionen ins Gespräch. Nachdenklich nahm er unseren Flyer und zeigte ihn seinen meist noch jungen Polizeischülern. Es stellte sich heraus, dass die Polizeieinheiten, die von weiter weg zur Bewachung dieses Militärstützpunktes abkommandiert wurden, meist gar nicht wissen, was jenseits des Zaunes lagert und wofür die über sie hinwegbrausenden Tornados eingesetzt werden.

Auch wenn die Aktion für die häufig von weit weg kommenden Gruppen (unter anderem aus Rostock) nur kurz sein konnte, waren bisher alle Teilnehmer mit ihren Aktionen zufrieden und sahen ihre gewonnenen Erfahrungen als überaus wertvoll an. Junge Leute, die sich beteiligten, brachten richtig gute Stimmung mit, selbst wenn das Wetter mit orkanartigem Sturm, Regen, Kälte, Frost, aber auch ersten wärmenden Sonnenstrahlen durchaus durchwachsen war. Das machte Eindruck auf die, die unmittelbar beteiligt waren. Das Verhalten der Polizei änderte sich von nervöser Abwehr hin zu einer entspannten, freundlichen und respektvollen Haltung. „Eindruck hat mir vor allem die alte Frau gemacht, die in Regen und Kälte stundenlang mit ihrem Transparent am Straßenrand gesessen hat,“ war nur eine der Aussagen des Einsatzleiters.

Dass immer wieder neue Gruppen unterschiedlichsten Hintergrundes für zwei Tage in diese Region kommen, um für ihre Botschaft einer atomwaffenfreien Welt zu werben, macht auch bei den Ortsansässigen Eindruck. Es ist eine strukturarme Region, die von diesem Militärstützpunkt wirtschaftlich abhängig ist. PolitikerInnen haben den Menschen jahrelang eingehämmert, dass die Region weiter „veröden“ und verarmen wird, wenn der Militärstützpunkt mit seinem Flughafen verschwindet. Vielleicht entwickelt sich ja auch eine Debatte über eine nachhaltige Konversion, die ja in anderen Gegenden erfolgreich geführt wurde. Eine Abhängigkeit vom Militär ist ja die unsicherste wirtschaftliche Grundlage, wie überall auf der Welt zu beobachten ist. Zumindest konnten wir bei vorbeifahrenden Autofahrern schon vermehrt ein freundliches Zuwinken beobachten, während das ablehnende Hupen vor dem Mahnwachenplatz im Vergleich zu den Vorjahren nachgelassen hat. Die Situation ist sicherlich anders als in Gorleben oder Faslane-on-Clyde (Schottland), wo die ortsansässige Bevölkerung großartige Unterstützung gewährt. Trotzdem habe ich über die letzten drei Jahre den Eindruck, dass der Respekt vor den Protesten gestiegen ist.

Wir laden kleine und größere Gruppen ein, im Rahmen von Büchel65 in die südliche Eifel zu kommen und ihre Aktion des zivilen Ungehorsams gegen das Unrecht der Atomwaffen durchzuführen. Im Online-Blockadekalender gibt es für April und Mai noch genügend freie Tage. Es ist auch schön, wenn zwei, drei und mehr Gruppen eine größere Aktion gemeinsam planen. Vor Ort werden Personen des Orga-Teams die Gruppen in ihrer Aktionsvorbereitung und Durchführung begleiten, bei der Pressearbeit unterstützen und letztlich den Informationsfluss zwischen den Gruppen sicherstellen. Mehr Informationen zum Ablauf und zum Organisationsrahmen sind in unserem Flyer und auf der Homepage veröffentlicht. Hier kann man auch das aktuelle Medienecho und Einzelberichte von beteiligten Gruppen einsehen oder nachlesen, oder sich durch Bilder und Filme inspirieren lassen. Am 15. April und am 5. Mai haben sich die IPPNW-Regionalgruppen aus Bremen und Mannheim in Büchel angesagt: Sie können noch personelle Verstärkung brauchen. Allerdings wäre es schön, wenn noch weitere IPPNW-Gruppen hinzukämen, denn es geht ja um eins unserer ureigensten Themen.

Ernst-Ludwig Iskenius ist IPPNW-Mitglied und in Büchel vor Ort.

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