Die Welt vor dem Atomkrieg?

Symposium „Die Welt vor dem Atomkrieg – Wo bleibt der Widerstand?“, 15. September 2018 Ausstellungsfoyer Kammermusiksaal der Philharmonie, Foto: IPPNW

„Die Welt vor dem Atomkrieg – Wo bleibt der Widerstand?“ – das war der Titel einer gemeinsamen Veranstaltung von IPPNW, ICAN und der Initiative „Neue Entspannungspolitik JETZT“ am 17.September 2018 in der Berliner Philharmonie.
Christian Brückner, bekannt als Hörspiel- und Synchronsprecher, eröffnete das Symposium mit einer Lesung von Texten von Günther Anders und Robert Jungk. Die Schriftsteller, die beide den zweiten Weltkrieg, die Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sowie die Verhärtung der Fronten des Kalten Krieges miterlebten, beschäftigten sich in ihren Publikationen umfänglich mit der permanent drohenden nuklearen Eskalation.

Brückner las ihre Texte über die Geschichte der Atombombe, die Unmittelbarkeit eines Atomkrieges und die Ohnmacht der Bevölkerung vor dem Fall des Eisernen Vorhangs. Thema der Texte war auch die Weltuntergangsuhr, die heute auf 2 Minuten vor 12 steht und damit so nah an einer atomaren Katastrophe wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr.

In der darauffolgenden Podiumsdiskussion unter Moderation von Aino Weyers (IPPNW-Medizinstudierende) diskutierten Ute Finckh-Krämer, ehemalige SPD-Abgeordnete und Mitglied der Initiative „Neue Entspannungspolitik JETZT“, Knut Fleckenstein, Außenpolitischer Sprecher der SPD im Europäischen Parlament, Anne Balzer, Vorstandsmitglied von ICAN Deutschland und Ernst Ulrich von Weizsäcker, SPD-Politiker und Ko-Präsident des Club of Rome, über die Symptome des abermals steigenden Risikos einer (atomaren) Katastrophe.

Finckh-Krämer kam auf die bereits genannte Weltuntergangsuhr zu sprechen, die sich heute nicht nur auf nukleare Bedrohungen, sondern auch die Klimakatastrophe mit einbezieht. Somit sei ein Atomkrieg nicht so wahrscheinlich wie zur Zeiten des Kalten Krieges, nichtsdestotrotz sei die Gefahr des Einsatzes von Atomwaffen nicht zu unterschätzen. Ihre Meinung nach stelle nicht unbedingt eine direkte militärische Konfrontation zweier Atommächte die größte Gefahr dar, sondern vielmehr technisches Versagen, beispielsweise eines Frühwarnsystems, das fälschlicherweise gegnerische Sprengköpfe detektiert. Finckh-Krämer machte darauf aufmerksam, dass in der Vergangenheit mehrfach ein Mensch die Befehlskette durchbrochen, so die Fehler der Technik wettgemacht und damit einen Atomkrieg verhindert habe. Bei stetiger Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz und der einhergehenden Ratifizierung vieler Arbeitsplätze könnte sich das aber bald ändern.

Knut Fleckenstein bemängelte angesichts der sich erneut verhärtenden Fronten von NATO und Russland, dass nach der Ukraine-Krise viele wichtige Beziehungen zu Moskau, wie der NATO-Russland-Rat, gekappt wurden. Er halte die Annexion der Krim zwar für völkerrechtswidrig und daher auch Sanktionen teilweise für gerechtfertigt, verwies gleichzeitig aber auch auf die schwache Wirtschaft Russlands und die darunter vermehrt leidende Bevölkerung. Bei ökonomischen Schwierigkeiten werde ein äußerer Feind gesucht, der inneren Zusammenhalt stärkt.

Anne Balzer (ICAN Deutschland) machte auf die kontinuierliche Arbeit ICANs aufmerksam: Man werbe weiterhin mit zahlreichen Aktionen und Veranstaltungen für die Unterstützung des Atomwaffenverbotsvertrags, den bereits über 60 Staaten unterschrieben haben. Außerdem nannte sie die Erfolge hinsichtlich eines Investitionsumdenkens verschiedener Banken: Auf Druck von ICAN hätte beispielsweise die Deutsche Bank Investitionen im Bereich Atomwaffen gestoppt. Jedoch müssten nicht nur Wirtschaft und die Politik, sondern auch die Gesellschaft für Themen wie die nukleare Bedrohung sensibilisiert werden. Nur eine aufmerksame und aktive Öffentlichkeit könne die Regierung zum Handeln bewegen.

Ernst Ulrich von Weizsäcker bemängelte eine Reihe von besorgniserregenden Entwicklungen, die auch schon 1972 im Bericht des Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ kritisiert wurden: Das ständige demographische und wirtschaftliche Wachstum führe zweifelsohne zum unausweichlichen Kollaps des Ökosystems der Erde, wenn es kein kollektives Umdenken zu Nachhaltigkeit und Konsum gäbe. Weizsäcker forderte eine zweite Aufklärung, für die man – wie die Wirtschaft – global interagieren müsse.

Laut Ute Finckh-Krämer gibt es allerdings auch Grund zur Hoffnung: Die internationale Ächtung von Atomwaffen sei gestiegen, zudem erweise sich ein Verbot von Atomwaffentests mit der Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen (engl: comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty Organization, CTBTO) als durchsetzbar.

Anne Balzer sah das etwas anders und entgegnete, dass man prinzipiell nicht von einer Entspannung der Lage reden könne. Verstärkt werde auf kleinere Waffen mit geringerer Sprengkraft gesetzt, wodurch die psychologische Hürde des Einsatzes derselben sinkt – trotzdem wäre bei sogenannten ‚Mini-Atombomben‘ mit den gleichen katastrophalen Folgen wie beim Hiroshima-Abwurf zu rechnen.

In der darauffolgenden Fragerunde hatten die Zuschauer sehr viel Gesprächsbedarf. Vor allem die Rüstungspolitik der SPD stand in der Kritik: Man biete den Koalitionspartnern nicht die Stirn und ließe Wahlversprechen uneingelöst. Ute Finckh-Krämer erwiderte, dass ihre Partei vor allem „konventionelle Abrüstung“ vorantreibe. Damit seien die Bemühungen der SPD gemeint, ein Umdenken bei denjenigen Bürgern herbeizuführen, die Atomwaffen weiterhin für einen Garant für Sicherheit halten. Zudem würden in Zeiten des Klimawandels große Teile der Bevölkerung Atomwaffen nicht mehr als Gefahr erkennen. Balzer fügte hinzu, dass die meisten ihrer Mitstudierenden von den in Deutschland stationierten nuklearen Sprengköpfen nichts wüssten. Man müsse dem Desinteresse großer Teile der Bevölkerung entgegenwirken, um mehr Druck auf politischer Ebene zu kreieren.

Der schnell vorangeschrittenen Zeit geschuldet, stoppte Aino Weyers um 18 Uhr die rege Diskussion. So endete ein gelungenes Symposium, das aufgrund der Zusammensetzung aus Lesung und Debatte die immer noch allgegenwärtige Gefahr eines Atomkriegs auf mehreren Ebenen verdeutlichen konnte.

Thomas Marx studiert Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

Ein Gedanke zu „Die Welt vor dem Atomkrieg?

  1. „Die meisten wüssten von den nuklearen Sprengköpfen nichts.“ „Man müsse dem Desinteresse großer Teile der Bevölkerung entgegenwirken, um mehr Druck auf politischer Ebene zu kreieren.“ Wie könnte man das besser als mit ständigen Aktionen des Zivilen Ungehorsams? Wir müssen einen gesellschaftlichen Konflikt zuspitzen so wie es zur Zeit im Hambacher Forst zum Kohlausstieg und Klimawandel passiert. Wurde über solche Strategien auf dem Symposium gesprochen? Ernst-Ludwig Iskenius

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