Ein Gefühl zwischen Leben und Tod

Jacob Stetinger (in der Mitte) war von 6.11. - 20.12.1986 als Kraftfahrer bei der Liquidierung der Havarie in Tschernobyl eingesetzt.

Jacob Stetinger (in der Mitte) war von 6.11. – 20.12.1986 als Kraftfahrer bei der Liquidierung der Havarie des AKW Tschernobyl eingesetzt.

Als wir im April 1986 von dem schrecklichen Unfall in einem Atomkraftwerk in der Ukraine erfahren haben, war ich bei der Bauverwaltung Stepnogorsk SUS als Kraftfahrer beschäftigt. Bereits im Mai 1986 wurden von unserer Bauabteilung erste Liquidatoren dorthin geschickt. Ende Oktober teilte mir mein Vorgesetzter mit, dass mein Name auf der Liquidatorenliste stünde und ich Anfang November fliegen müsse. Es bestand keine Möglichkeit, den Befehl zu verweigern. Wer sich weigerte, war ein Verräter am Vaterland.

Am 3. November 1986 kam ich im Pionierlager „Golubye Osera“ 120 km von Tschernobyl an. Vor dem Eingang standen Soldaten mit uns damals unbekannten Geräten. Später haben wir erfahren, dass es Strahlenmessgeräte waren. Jeden Tag nach Feierabend hat man uns von oben bis unten mit diesen Geräten gemessen. In der Kantine stand noch ein weiteres ungewöhnliches Gerät aus Japan – ähnlich einem Scanner. Man musste seine Hände davor halten. Wenn es grün leuchtete, durfte man in die Kantine, wenn es rot leuchtete, musste man erneut die Hände waschen.

Am 6. November 1986 erhielt ich dann von der Personalverwaltung der US 605 – die Bauverwaltung, die die gesamte Arbeit am Unglücksreaktor leitete – einen Passierschein. Mit diesem besonderen Dokument (russ. ВСЮДУ) war ich berechtigt im 30-km-Sperrgebiet, in Tschernobyl, Pripjat und auch am Unglücksreaktor 4 zu arbeiten bzw. mich zu bewegen. Man gab uns kurz Verhaltensanweisungen im Bezug auf die Strahlung. Es wurde uns erklärt, dass wir nicht mehr als 25 Röntgen abbekommen würden, weil der Körper bis zu 25 Röntgen gut vertrüge und man davon nicht krank würde. Der Fachmann für Strahlenschutz, der uns das erklärte, sagte auch, dass wir Glück hätten, weil durch den häufigen Regen der kontaminierte Staub am Boden bliebe und die Gefahr ihn einzuatmen gering wäre. Die gesamte Belehrung dauerte nur 5 Minuten. Wir haben ihn gefragt, wie lange das 30-km-Gebiet nach Beendigung des Baus des Sarkophags noch gesperrt bleiben müsste. Seine Antwort war 2-3 Jahre. Dann bekam jeder von uns ein Strahlenmessgerät, an dem man aber nichts selber ablesen konnte – dazu war ein weiteres Gerät nötig. Deswegen waren wir ahnungslos, wo und wie hoch die Strahlung wirklich war. Das Gerät wurde regelmäßig ausgetauscht und die Strahlenwerte aufgeschrieben – aber wir haben sie nicht erfahren.

Wir bekamen – wie beim Militär – Unterwäsche, normale Arbeitskleidung, Stiefel und Mundschutz als Atemschutz. Die Kleidung wurde jeden Tag gegen neue ausgetauscht.

Am 6. November 1986 führte mein Zwangseinsatz mich zum ersten Mal in die militärische Sperrzone um den Unglücksreaktor von Tschernobyl. Nach dem Frühstück sind wir mit dem Bus in das Sperrgebiet gefahren. Je näher wir der Sperrzone kamen, umso aufgeregter wurde ich. Vor der Einfahrt haben Miliz und Militär die Passierscheine kontrolliert. Dort hat alles so ausgesehen wie in Filmen über den Krieg, überall militärische Fahrzeuge und Soldaten. Die Städte Tschernobyl und Pripjat sahen traurig aus. Auf vielen Balkonen hing noch die Wäsche der Bewohner. Die Sachen waren mit der Zeit schwarz geworden. Weit und breit waren keine Zivilisten zu sehen. „Und hier irgendwo ist auch der unsichtbare Feind „friedliches Atom“, der mich verletzen oder noch schlimmer umbringen kann“, dachte ich. Es war ein schrecklicher Eindruck. Die Stadt Pripjat ist vier Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt. Überall standen großen Schilder „VORSICHT KONTAMINIERT“.

Jacob Stetinger (rechts) war von 6.11. - 20.12.1986 als Kraftfahrer bei der Liquidierung der Havarie in Tschernobyl eingesetzt.

Ich habe als Kraftfahrer gearbeitet, und zwar in den Bereichen der damaligen eingerichteten militärischen Sperrzone. Die Sperrzone, die sich unmittelbar um den Reaktor von Tschernobyl befand, war in drei Zonen aufgeteilt. Mein Arbeitsort, das Dorf Kapachi (russ. Капачи) lag ca. 1,5 km vom Unglücksreaktor entfernt. Es war so stark kontaminiert, dass die Behörde später alles abgerissen hat und es dem Erdboden gleichgemacht hat.

Mein erster Eindruck war erschreckend, weil überall abgebrannte, braun-gelbe Bäume standen. Am ersten Tag bekam ich starke Halsschmerzen und hatte einen merkwürdigen süßlich-metallischen Geschmack im Mund, dazu starke Kopfschmerzen, Husten und Müdigkeit. Am nächsten Tag bin ich in die medizinische Abteilung gegangen, wegen meiner starken Halsschmerzen. Dann kam vom Arzt der Befehl „Mund aufmachen“, er nahm Watte mit Jod und hat meinen Mund und Hals ausgepinselt. Dann habe ich noch drei Tabletten ohne Verpackung bekommen und konnte gehen. Er sagte mir, dass ich nach zwei bis drei Tagen keine Schmerzen mehr haben würde.

Der Arbeitstag begann sehr früh. Wir sind gegen 5.00 Uhr aufgestanden. Die Arbeitszeit ging von 6 bis 23 Uhr ohne Wochenende oder Feiertage, und so ging das fast zwei Monate. Meine Arbeitszeit in der 30-km-Zone betrug insgesamt 504 Stunden. Ich hatte zwei Kraftfahrzeuge. Eines war sauberer, mit dem konnte ich bis zur Zone 2 fahren und das andere Fahrzeug war ein sogenanntes „schmutziges Fahrzeug“ – es stammte aus der Sperrzone und durfte diese nicht verlassen. Mit dem „sauberen“ bin ich jeden Tag 120 km hin und zurück gefahren, aber nur auf den Straßen, die schon dekontaminiert waren. Das wurde streng kontrolliert.

Als ich den Unglücksreaktor das erste Mal sah, war das ein unbeschreibliches Gefühl. Ein Gefühl zwischen Leben und Tod. Genau so war auch das Sperrgebiet. Man musste immer aufpassen, wohin man tritt oder fährt. Es war immer eine Entscheidung zwischen Leben und Tod. Aber für die Leute, die uns in diesen Einsatz geschickt haben, hatte unser Leben keinen Wert. Sich ohne Geigerzähler dort aufzuhalten glich einer Kamikaze-Aktion. Die Arbeit in der Strahlenzone war so tückisch wie in einem Minenfeld. Denn das Gebiet war nicht gleichmäßig verstrahlt. Die Radioaktivität hatte sich punktuell niedergelassen. Völlig unberechenbar. Es gab Flächen in der Nähe des Unglücksreaktors, die weniger kontaminiert waren, als Bereiche in z.B. 1,5 km Entfernung, wie das Dorf „Kapachi“.

Bevor wir an einer Stelle anfingen zu arbeiten, haben wir die Strahlung messen lassen. Es kam vor, dass an einem Fleck der Geigerzähler voll ausschlug. Zehn Meter weiter jedoch war die Strahlung nur gering. Das konnte den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Aber wir konnten die Messung nicht selber durchführen, weil wir keine Geigerzähler hatten. Dafür war die Abteilung für Strahlenschutz zuständig. Die Leute vom Strahlenschutz waren nicht besonders gesprächig. Meiner Meinung nach haben sie Anweisungen von oben bekommen, darüber zu schweigen, wo und wie hoch die Strahlung ist.

Die Abteilung, der ich zugeordnet war, war zuständig für Wartung und Ersatzteile für Bagger und Traktoren, die am Unglücksreaktor eingesetzt wurden. Im Dorf „Kapachi“ gab es einen sogenannten Magilniki (Friedhof) für verstrahlte Technik. Dort wurde alles gesammelt, dann ist ein Panzer drübergefahren, und danach wurde es zubetoniert, manchmal aber auch nur mit Mutterboden überdeckt.

Mittagessen konnten wir in Kantinen in der gesperrten Zone. Etwa fünf Kilometer vom Reaktor entfernt stand eine Baracke – das war die Kantine für die Liquidatoren. Für UdSSR-Standards gab es dort eine gewaltige Auswahl an Essen: Unmengen an Fleisch und sogar Apfelsinen wurden aufgetischt, die es in der Sowjetunion nur selten gab. Die Tabletts waren doppelt so groß wie üblich. Weil im Sperrgebiet alles verseucht war, auch das Wasser, hatten wir immer eine oder mehrere Kisten Mineralwasser (Borgomi) im Auto. Für damalige Zeiten war es Luxus, jeden Tag Mineralwasser zu trinken. Wir haben sogar die Scheibenwaschanlage mit Mineralwasser nachgefüllt, weil das Umgebungswasser verseucht war.

Laut meinen Unterlagen habe ich eine Strahlenbelastung von nur 0,7 Röntgen erhalten. Da die Kontrollen, die durchgeführt wurden, auch von KGB-Mitgliedern durchgeführt worden sind, ist nicht davon auszugehen, dass die aufgeführte Strahlenwerte den tatsächlichen entsprochen haben, sondern dass hier vieles, wie auch in der Öffentlichkeitsarbeit der UdSSR, zurückgehalten worden ist. Einmal ist mir an einem Kontrollpunkt für Radioaktivität die Ausfahrt verweigert worden, weil das Fahrzeug nach dem Waschen noch 2,5 Röntgen zeigte. Ich musste zurück und das Fahrzeug wurde noch mal gewaschen, bis die Werte nur noch bei 0,9 Röntgen lagen. Dieser Wert wurde dann beglaubigt mit einer Unterschrift und einem roten Stempel.

Jeder Liquidator kann nur von dem Kapitel, an dem er selber teilnahm, berichten und manchmal ist das ein schmaler Bereich, weil die Menschen wie am Fließband nach Tschernobyl geschickt, verstrahlt und danach wieder in verschiedene Ecken der UdSSR zurückgebracht wurden. Die meisten von ihnen – jungen Menschen (z.B. auch die Wehrpflichtigen) – wurden aus der ganzen Sowjetunion für einen kurzen, heldenhaften Einsatz nach Tschernobyl gebracht. Wo Roboter nicht weiter konnten, weil die Strahlung zu hoch war, wurden Liquidatoren eingesetzt. Heute behaupten die Länder der ehemaligen UdSSR, die Zahl derer zu kennen, die damals in Tschernobyl eingesetzt wurde – aber mein Name ist nach 27 Jahren nirgendwo erwähnt.

Unter den Liquidatoren gibt es Tausende von Opfern, Tote und Versehrte. Es werden immer noch behinderte Kinder geboren. Wir haben dort gearbeitet und unser Leben riskiert. Aber auch heute nach 27 Jahren wollen viele Länder das Leid der unzähligen Liquidatoren nicht anerkennen. Die Behörden haben uns weder ausreichend über Strahlenschutz aufgeklärt noch medizinisch untersucht. Als ich zurückkam, hat meine medizinische Karte einen roten Strich bekommen. Das bedeutete für die Ärzte, dass ich in Tschernobyl war und dass sie, falls ich krank werde, nicht schreiben sollten, dass dies mit Tschernobyl zu tun haben könne.

Für die Arbeit als Liquidator in der 30-km-Sperrzone habe ich mehrere Auszeichnungen, Abzeichen und Dankesbriefe erhalten. Alle diese Unterlagen habe ich aufbewahrt. Aber niemand hat mir damals gesagt, dass ich meine Gesundheit in der Sperrzone lassen würde.

Jakob Stetinger

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