Ein trauriger Nachmittag am Flughafen

Demonstration gegen Abschiebungen nach Afghanistan am 14.12.2016 am Frankfurter Flughafen. Foto: IPPNW

Demonstration gegen Abschiebungen nach Afghanistan am 14.12.2016 am Frankfurter Flughafen. Foto: IPPNW

Den ganzen Tag waberte es durch die Nachrichten, die erste Massenabschiebung nach Afghanistan sollte heute passieren. Wann? Wo? Alles etwas unklar; es gibt viele Gerüchte. Am Nachmittag kam dann die Nachricht, es sollte der Frankfurter Flughafen sein, 18:40 Abflug, Demo um 17:30 Uhr im Terminal 1, Halle B. Der Frankfurter Flughafen wurde sicher mit Bedacht ausgewählt, ist er als der größte deutsche Flughafen doch so riesig und so unübersichtlich, dass die normalen DemonstrantInnen  keine Chance haben, einen Blick auf die „Abschüblinge“ wie diese Menschen so zynisch genannt werden, geschweige denn auf das Flugzeug zu erhaschen. Aktionen um eine Abschiebung tatsächlich zu verzögern oder gar zu verhindern, sind in diesem Flughafen schlicht unmöglich.
Das könnte nur die Crew des Fliegers, wie es 2001 die Vereinigung Cockpit auch ihren Mitglieden empfahl. Wie ist das heute? Wie fühlt sich ein Pilot oder ein Flugbegleiter, der diesen verzweifelten Menschen in die Augen schauen muss? Das spielt sich in Frankfurt alles irgendwo ab, weit weg von den Menschen, die draußen demonstrieren.

Ich bin sehr früh gekommen, mehr als eine halbe Stunde vor Demonstrationsbeginn, aber die Halle war schon gut gefüllt, überwiegend zu diesem Zeitpunkt mit Afghanen, Frauen, Kindern und Männern jeden Alters. Außerdem jede Menge JournalistInnen, Kamerateams von praktisch allen Sendern. Es ist eine bedrückende Atmosphäre, voller Angst und Zorn. Einige Frauen weinen. Eine erzählt, eine Afghanin sei ohnmächtig geworden und es habe ewig gedauert, bis der Krankenwagen gekommen sei. Viele tragen Pappschilder „Wir sind Hindus“ oder  „Samir soll leben“, auch andere Namen sind zu sehen, offensichtlich kennen die Demonstrierenden sie persönlich.

Transparente werden ausgerollt, „Solidarity beyond borders“ „Solidarität statt Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“ „Stop Deportation and Persecution – Equal Rights for Refugees!“ „Afghanistan is not safe!“ Und eines direkt am Eingang „Jetzt sicher: Reiseland Afghanistan: Spannende Städte, abwechslungsreiches Hinterland. Tauchen Sie ein in diese Märchenwelt.“ Man versucht es mit Humor, ebenso spielt der Schalmeienchor mit vielen falschen Tönen „Brüder zur Sonne zur Freiheit“.

Inzwischen ist die Halle B richtig voll mit Demonstranten, normale Passagiere sieht man kaum noch. Die Polizei, die sich aber dezent im Hintergrund hält, hat sie wohl umgeleitet wie man an den gesperrten Rolltreppen vermuten kann. Von den Parteien ist die Linke gut vertreten, sowohl die Frankfurter Römer Fraktion als auch die Landtagsfraktion mit Janine Wissler und Willi van Ooyen.

Von den anderen Parteien habe ich keine Vertreter gesehen. Hessen hat ja eine Schwarz-Grüne Landesregierung, Wirtschaftsminister ist Tarek al-Wazir, der als solcher für die hessische Landesregierung im Aufsichtsrat der Fraport sitzt. Er ist Offenbacher, ich kannte ihn schon bevor er bei den Grünen Karriere machte. Was ist aus diesem engagierten jungen Mann geworden, der sich damals vor langer, langer Zeit mit uns gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus engagierte? Warum hat sich Hessen nicht geweigert, dieses dreckige Geschäft mit den Abschiebungen zu übernehmen wie sechs andere Bundesländer? Für mich gibt es in meinem politischen Leben kaum eine größere Enttäuschung als der Werdegang dieses Grünen, an dem nichts mehr grün ist.

Der absolute „Star“ für die Journalisten ist aber Günter Burkhard von Pro Asyl, der ein Interview nach dem anderen vor den Kameras gibt. Er wird immer wieder nach der Sicherheitslage in Afghanistan befragt; auch nach Personen, die abgeschoben werden. Einige CDUler hatten behauptet, es seien alles Kriminelle. Nicht nur er hält dagegen, auch KundgebungsrednerInnen kennen einzelne und beteuern immer wieder, sie kennen diesen oder jenen; es seien voll integrierte Bürger mit Arbeit, einer habe gerade geheiratet und ein Kind bekommen. Einige der „Abschüblinge“ seien krank, einer sei aus einer bayrischen psychiatrischen Klinik herausgeholt worden. Und dass Afghanistan sicher sei, glaubt sowieso keine/r!

Mit dem Lautsprecher/Megaphon gibt es immer wieder Probleme. Vieles ist von hinten schwer zu verstehen, was ich aber von den Afghaninnen und Afghanen hören konnte, hat mich schwer geschockt. Eine Frau rief immer wieder. „Hilfe, Hilfe; bitte helft uns! Wir können in diesem Land (Afghanistan) nicht mehr leben!“ Und ein Mann: „Lieber wollen wir hier (in Deutschland) sterben als deportiert zu werden!“

Ich bin noch vor Ende der Kundgebung gegangen, ich hatte meinen Kindern versprochen, die Enkel zu hüten, damit sie länger arbeiten können. Ich habe selten so bedrückt in der S-Bahn gesessen wie gestern, auf dem Weg nach Hause in meine heile Welt.

Dr. Sabine Farrouh ist Vorstandsmitglied der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges e.V. (IPPNW)

Ein Gedanke zu „Ein trauriger Nachmittag am Flughafen

  1. Fast 10 Jahre lang hatte ich einen afghanischen Lebensgefährten, vor zehn Jahren ging unsere Beziehung auseinander. Sie war schwierig, durchaus, vermutlich nicht schwieriger als viele andere Beziehungen. Wir hatten eine „Seelenebene“, auf der wir uns sehr gut verstanden, mit der „materiellen“ Ebene war`s dann weniger einfach, so, dass sie für mich nicht mehr tragbar war. Doch diese jahrelange Beziehung hat mein grosses Interesse geweckt an diesem geschundenen und doch so wunderbaren Land, reich an Schätzen, in und auf der Erde, mit Menschen, deren neben grosser Traurigkeit zum Teil mitreissenden Humor ich kennenlernen durfte. Das Land des Sufi-Mystikers und Dichters Rumi! Es liegt mir nach wie vor am Herzen.
    Warum ich das schreibe? Zu Beginn der Beziehung dachte ich, es sei blühende Phatasie, seinen Schwindeleien, was ich von meinem Lebensgefährten erzählt bekam. Seine afghanische Ehefrau war vor den Augen des 8-jährigen Sohnes erstochen worden. Das konnte doch alles gar nicht wahr sein. Er selber hat unter General Massoud, der 2001 ermodet wurde, gegen die russische Besatzung gekämpft, und floh, weil er die psychische Belastung nicht mehr aushalten konnte auf abenteuerlichen Wegen bis nach Deutschland. Als Flüchtlich wurde er schon damals, 1981, unglaublich unsensibel behandelt, trat zum Beispiel in Hungerstreik, als er einen Job auf einem Friedhof (er hat ein im Iran abgeschlossenes Studium) unter anderem als Totengräber bekam. Ecetera……
    Inzwischen weiss ich, dass all die Erzählungen schlicht und einfach wahr sind, und mehr als das, sie waren untertrieben, zum Teil beschönigt.
    Afghanistan ist weit davon entfernt, ein sicheres Herkunftsland zu sein.
    Ich bin zutiefst traurig über die verlogen begründeten Abschiebungen. Und ebenso wie die Kollegin Sabine Farrouh zutiefst enttäuscht von Tarek al-Wazir und übrigens auch von manch anderem grünen und sonstigem Politiker.
    Trotzdem bleibt die Hoffnung, die ich mir auch mit fast 80 Jahren nicht rauben lasse, dass immer wieder lichte Momente zwischen all dem, was uns tagtäglich über die Medien erreicht, blinken und blitzen. Und wenn ich genau hinschaue und hinhöre kann ich sie wahrnehmen. Wie zum Beispiel, diese Aktion wunderbarer Menschen im Frankfurter Flughafen, seien es die entsprechenden Organisationen, seien es die solidarischen und betroffenen Landsleute der Abgeschobenen. Ob wir je erfahren, wie die in Afghanistan empfangen wurden, was ihnen dort passiert?

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