Gaza: Nein zum Angriff auf das humanitäre Völkerrecht

Rote Linie für Gaza: Protest vor dem Auswaertigen Amt am 5.6.2025. Foto: IPPNWRede von Franca Brüggen und Angelika Wilmen bei der Protestaktion vor dem Auswärtigen Amt am 5. Juni 2025

Die israelische Blockade Gazas seit dem 2. März 2025 führt zu einer humanitären Katastrophe: Die Hungersnot hat inzwischen den höchsten Grad an Ernährungsknappheit erreicht. Fast alle der in Gaza lebenden Menschen sind aufgrund der fehlenden Hilfslieferungen gefährdet, an Hunger, Dehydration oder Infektionserkrankungen zu sterben. UNICEF warnt, dass alle der 335.000 Kinder unter fünf Jahren von Mangelernährung bedroht sind. Eltern kochen Gras und Blätter, um ihre Kinder irgendwie zu ernähren. Und diese Hungersnot wurde bewusst herbeigeführt.

Wir sagen: „Stoppt das Aushungern“!

„Eines Tages sah ich in der Notaufnahme einen Drei- und einen Fünfjährigen, jeder von ihnen hatte ein Einschussloch im Kopf. Auf die Frage, was passiert sei, antworteten der Vater und der Bruder, man habe ihnen gesagt, dass Israel sich aus Khan Younis zurückziehe. Also kehrten sie zurück, um zu sehen, ob noch etwas von ihrem Haus übrig war. Dort habe ein Scharfschütze gewartet, der die beiden Kinder erschoss.“
Dr. Khawaja Ikram, orthopädischer Chirurg, Dallas (USA)

Aktuell wird von über 50.000 Todesopfern berichtet. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich deutlich höher. Als Kinderärztin geht mir dabei das Leid der Kinder in Gaza besonders nahe. Über 60% der Todesopfer sind Frauen und Kinder. Dazu kommt noch eine hohe Anzahl an schwerst verletzten, teils verstümmelter Menschen, darunter auch Kinder. Viele sind als einzige ihrer Großfamilien übriggeblieben und müssen sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern. Für Gaza wurde aufgrund des hohen Bedarfs der Terminus: „Wounded child, no surviving family“ (WCNSF) etabliert. Alle Zivilisten und insbesondere Kinder stehen laut dem humanitären Völkerrecht unter besonderem Schutz und dürfen nicht attackiert werden.

Wir sagen: „Stoppt das Töten“

„Pädiatrische Patienten mit Schussverletzungen wurden auf dem Boden behandelt und verbluteten, weil es an Platz, Ausrüstung, Personal und Unterstützung mangelte. Viele starben unnötigerweise.“ Nina Ng, Krankenschwester, New York

Immer wieder hat das israelische Militär Krankenhäuser und auch medizinische Infrastruktur angegriffen. Inzwischen sind die meisten der Krankenhäuser im Gazastreifen völlig zerstört, nur wenige können in Teilen noch arbeiten. Es können, wenn überhaupt, nur lebensbedrohliche Erkrankungen versorgt werden. Amputation oder Kaiserschnitte müssen teilweise ohne Narkose durchgeführt werden. Es fehlt an jedem einzelnen Medikament, von Babynahrung über Antibiotika bis hin zu Schmerzmitteln.

Wir sagen: „Stoppt die Zerstörung der medizinischen Infrastruktur“

Darüber hinaus werden Gesundheitsmitarbeitende oft ohne jede Anklage auf Basis der sogenannten Administrativhaft interniert. Nach UN-Angaben wurden seit Beginn der israelischen Offensive im Gazastreifen über 1000 Gesundheitskräfte getötet. Die Physicians for Human Rights Israel berichten, dass sich fast 150 medizinische Mitarbeiter*innen in israelischer Haft befinden. Drei Ärzte und ein Sanitäter seien in der Haft gestorben. In Gaza werden noch immer 58 israelische Geiseln festgehalten. Viele von ihnen leben nicht mehr.

Wir sagen: „Setzt euch für die Freilassung der Geiseln und Gefangenen ein“

Am 23. März 2025 wurden fünfzehn palästinensische Sanitäter und Rettungskräfte, darunter mindestens ein UN-Mitarbeiter, nacheinander von israelischen Streitkräften getötet und in einem Massengrab im südlichen Gazastreifen verscharrt. Nach Einschätzung des Roten Halbmonds wurden die unbewaffneten Retter aus nächster Nähe erschossen.

Jonathan Whittall, Leiter von UN-OCHA in Palästina: „Wir graben sie in ihren Uniformen und mit ihren Handschuhen aus. Sie waren hier, um Leben zu retten. Stattdessen landeten sie in einem Massengrab. (…) Diese Krankenwagen sind im Sand begraben worden. Ein Bulldozer der israelischen Streitkräfte hat sie begraben. (…) Es ist absolut schrecklich, was hier passiert ist. Beschäftigte im Gesundheitswesen sollten niemals ein Ziel sein.“

Diese Angriffe stellen klare Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und die Genfer Konventionen dar, die den Schutz von medizinischem Personal und Einrichtungen in bewaffneten Konflikten und Kriegen ausdrücklich garantieren.

Wir sagen „Stoppt den Angriff auf das humanitäre Völkerrecht“

Die IPPNW hat am Dienstag einen Offenen Brief an die Bundesregierung veröffentlicht, der bereits von mehr als 1.000 Beschäftigten aus dem Gesundheitswesen unterzeichnet wurde. Darin fordern wir mehr Druck für die sofortige Beendigung der völkerrechtswidrigen Blockade und den ungehinderten Zugang für Nahrungsmittel und humanitäre Hilfe einschließlich der Unterstützung des UN-Hilfswerk UNRWA.

Das humanitäre Völkerrecht zieht rote Linien, die eingehalten werden müssen: Hunger darf nicht als Waffe eingesetzt werden, Krankenhäuser und Medizinpersonal nicht zur Zielscheibe werden und die Zerstörung der medizinischen Infrastruktur nicht als Mittel der Kriegsführung eingesetzt werden!

Quellen:
Offener Brief von über 1000 Ärzt*innen und Beschäftigten im Gesundheitswesen
Flyer “Gaza: Nein zum Angriff auf das humanitäre Völkerrecht!”
„65 Doctors, Nurses and Paramedics: What We Saw in Gaza“, New York Times 9.10.2024
Torture of Medical workers in Israel“, Physicians for Human Rights Israel, 26.2.2025