Gedenken an die Opfer atomarer Strahlung: Die Ausstellung „Hibakusha Weltweit“ in Mainz

Vortrag von Dr. Dörte Siedentopf auf der Ausstellungseröffnung "Hibakusha Weltweit" in Mainz. Foto: William Liu/Soja Gakkai

Rede von Dr. Dörte Siedentopf (IPPNW) auf der Ausstellungseröffnung von „Hibakusha Weltweit“ in Mainz. Foto: William Liu/Soja Gakkai International

Bei der Ausstellungseröffnung von „Hibakusha weltweit“ am 19. März 2015 war das Foyer des Mainzer Rathauses mit gefalteten Kranichen gefüllt. Spannung lag in der Luft bei den etwa 60 Besuchern und Besucherinnen, bis Kulturdezernentin Marianne Grosse ihre Rede begann. Sie lobte das Engagement der drei weiteren Veranstalter, IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs), Soka Gakkai International Deutschland und des Kampagnenrats „atomwaffenfrei.jetzt“. Die Stadt Mainz unterstütze das Thema als Mitglied von „Mayors for Peace“ und freue sich über die Gelegenheit, im siebzigsten Jahr nach den  Bombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki ein Zeichen setzen zu können.

Ayako Daniel, Sopranistin am Staatstheater Wiesbaden, sang herzzerreißende Lieder, die anlässlich der Katastrophe in Fukushima komponiert und gedichtet wurden.

Die Ausstellungstafeln benennen exemplarisch 50 Orte, an denen Strahlenopfer und Umweltkontamination durch Uranabbau, Uranmunition, Atomreaktoren und deren Unfälle, Atombomben, Atombombentests, Unfälle mit Atomwaffen und Atommüll über Generationen zu Schaden gekommen sind. Alle Kontinente weltweit sind daran beteiligt – selbst Deutschland trug durch den Uranabbau in Wismut/Thüringen über Jahrzehnte erheblich zur Strahlenverseuchung bei!

Der Vortrag von IPPNW-Mitglied und Ärztin Dr. Dörte Siedentopf klärte über die weltweite Misere der Atomlobby auf. Sie erwähnte den Professor für Japanologie in Zürich Raji Steineck, der die Atomenergie als organisierte Verantwortungslosigkeit bezeichnet und das nukleare Dorf als einen Filz von Personen und Geld, Industrie, politischen Parteien, Aufsichtsbehörden und Wissenschaftlern beschreibt. Sie benannte drei Beispiele aus Japan: Eines davon ist die Situation der 7.000 Tepco-Arbeiter. Zu 90% sind sie ungelernte, unaufgeklärte „Wanderarbeiter“, auch „Atomic Gypsies“ genannt, die nicht krankenversichert sind und deren Todes- oder Erkrankungsstatistiken nur erfasst werden, wenn sie während der Arbeitszeit auftreten. Doch auch die Atomkraftwerke, die weltweit in Betrieb sind, sind gefährliche Zeitbomben, deren Risiken unermesslich hoch sind.

Obwohl die Bundesregierung am 26. März 2010 parteiübergreifend den Abzug der in Büchel stationierten Atomwaffen beschloss, ist bis heute nichts geschehen – deswegen protestieren jedes Jahr Menschen aus der ganzen Bundesrepublik für den Abzug aller Atomwaffen aus Europa und leisten in Form einer Blockade zivilen Ungehorsam. Die diesjährige 65-Tage-Blockade findet zeitgleich mit der Hibakusha-Ausstellung statt und endet mit der bevorstehenden NPT-Konferenz (Konferenz zur Überpüfung des Atomwaffensperrvertrags) in New York.

Der derzeitige Krieg in der Ukraine gibt Anlass, sich dieser Gefahren, die sich direkt vor unserer Tür abspielen, bewusst zu werden. Die Weltuntergangs-Uhr (Doomsday Clock) wurde im Januar von Atomwissenschaftlern von 5 Minuten vor 12 auf 3 Minuten vor 12 umgestellt. Das letzte Mal, dass die Gefahr eines von Menschen gemachten Weltuntergangs so hoch eingeschätzt wurde, war 1984, als die Beziehung zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion einen Tiefpunkt erreicht hatte.

Auf individueller Ebene ist es wichtig, die eigene Stimme zu erheben, sich mit anderen zusammenzuschließen, um sich gegen eine lebensverachtende Zerstörung zu wehren. Wie Martin Luther King schon gegen Diskriminierung und Macht vorging, indem er sagte „Wir haben uns aufgerichtet und reiten kann man nur auf einem Rücken, der sich krümmt“, kann sich jeder einzelne aufrichten und sich für das Recht auf Leben einsetzen. Mit dem Leitsatz von Mahatma Gandhi „Sei selbst die Veränderung, die du dir wünschst“, wurden die Zuhörer ermutigt, für die folgenden Generationen eine bessere Welt vorzubereiten.

Die Rede von Dr. Siedentopf finden Sie im Original hier. (PDF)

Heidi Kassai, Soka Gakkai International Deutschland