Hebron heißt Freund – Ein Tag in Palästina

Abraham-Moschee in Hebron. IPPNW-Reise nach Israel/Palästina 2016. Foto: IPPNW

Abraham-Moschee in Hebron. IPPNW-Reise nach Israel/Palästina 2016. Foto: IPPNW

Hebron ist eine Stadt im südlichen Westjordanland. Ich steige aus dem Bus aus und werde von einer sehr netten Frau mit Arztkittel und Kopftuch empfangen, die mir – wie meistens zur Begrüßung – arabischen Kaffee anbietet (der ist etwas stärker und riecht nach Kardamon). Sie arbeitet im Hebron Emergency Center. Ein Mitarbeiter stellt uns die Arbeit im Zentrum vor. Davor habe ich im Bus erfahren, dass Hebron seit 1996 in zwei Teile geteilt ist: H1 und H2. Im H1-Gebiet wohnen Palästinenser, im H2-Gebiet auch Israelis. Das Emergency Center ist eine soziale Einrichtung für die Akutversorgung, wird uns berichtet.

Hebron Emergency Center. Foto: IPPNW

Hebron Emergency Center. Foto: IPPNW

Viele Menschen in dieser Stadt sind darauf angewiesen, weil sie eine Behandlung in den Krankenhäusern in Ramallah oder Jerusalem nicht bezahlen können. „We give him what he needs, and then we ask if he has money. He gives us a little, most important is that he gets treatment“, erzählt uns ein Mitarbeiter. Ich schaue nach oben und sehe junge Männer und Frauen über das Geländer auf unsere Gruppe schauen. Als sie meinen Blick sehen, verschwinden ihre Gesichter schnell. Eine Frau fragt, ob auch Israelis hierher kommen. Theoretisch ja, ist die Antwort, aber sie kommen nicht. In der H2-Zone ist ein Krankenhaus. An manchen Tagen sei die Straße zum Emergency Center geschlossen, heißt es, zum Beispiel an jüdischen Feiertagen, dann ist die Einrichtung zu. „Soldiers entered our center and searched  everything, I don’t know what. And sometimes they took patients with them and arrested them.“ Der Mitarbeiter begleitet uns in Richtung Altstadt. Ich darf keine Fotos von Soldaten machen, sonst würde mir vielleicht meine Kamera weggenommen. Ich tausche extra die Speicherkarte, damit bei der Kontrolle keine auffälligen Bilder entdeckt werden können. Dafür gucken an vielen Straßenecken Kameras auf mich. Zusammen mit palästinensischen Bürgern stellt sich unsere Reisegruppe am Checkpoint an. Mein Pass wird kontrolliert, und ich gehe durch einen Scanner.

Hebron 2016. Foto: IPPNW

Hebron 2016. Foto: IPPNW

Manchmal ist es mir unbehaglich, die großen Gewehre der Soldaten zu sehen, die um ihre Schultern hängen, auch wenn niemand unfreundlich zu uns ist. Unser Reiseleiter Shibli ist sehr angespannt. Er hat eine Lizenz als Tourguide in Israel, deswegen kann er mit uns reinkommen. Auf dem Weg in Richtung Abraham-Moschee fühle ich mich bewacht. An jeder Ecke stehen schwerbewaffnete Soldaten und Soldatinnen. Ich suche immer kurz Blickkontakt und nicke ihnen zu, manche nicken zurück. Die meisten davon scheinen jünger als ich. Ich stelle mir vor, dass sie gerade ihren Wehrdienst ableisten und ihr Rotationsplan sie für ein paar Tage hierher geschickt hat. Ich frage mich, wie sie sich fühlen und was ihnen über diese Stadt gesagt wurde. Die Palästinenser, die uns entgegen kommen, verhalten sich ruhig aber lächeln uns zu. Heute ist keine Schule, es ist Sabbat. Deswegen sind viele Kinder auf der Straße. Sie zupfen an meinem Ärmel und fragen nach Geld, zeigen auf Schürfwunden auf ihrem Hals und ihren Wangen. Mir bricht es das Herz, aber ich gehe weiter. Ein Soldat kommt auf uns zu, spricht mit unserem Reiseleiter, fragt uns auf Englisch, ob wir unsere Pässe dabei haben. Auf unser „ja“ antwortet er mit einer Handbewegung „Enjoy Israel“.

Abraham-Moschee Hebron. Foto: IPPNW

Abraham-Moschee. Foto: IPPNW

Wir gehen durch einen weiteren Checkpoint und stehen vor der Abraham-Moschee. In Hebron liegen die Gebeine von vielen religiösen Figuren begraben – die berühmteste unter ihnen ist Abraham, der Vater von Islam, Christentum und Judentum. Auf der Stelle der Moschee wurden schon viele religiöse Stätten erbaut, zuletzt eine Kirche von den Kreuzrittern, die später in die Abraham-Moschee umgewandelt wurde. Die Menschen freuen sich, dass wir hergekommen sind. Ich verdecke meine Haare und meinen Oberkörper unter meinem roten Tuch, zusätzlich bekomme ich eine Art Umhang, den ich mir über die Schultern lege. Am Eingang des Gebetssaales ziehe ich meine Schuhe aus. Ich fühle mich nicht wohl. Durch Gitter kann ich den Sarg von Abraham sehen und dahinter ein Fenster, von dem aus die jüdischen Gläubigen auf den Sarg schauen können. Seitdem 1994 von dem Israeli Baruch Goldstein 29 Palästinenser in der Moschee erschossen und mindestens 150 verletzt wurden, können Juden und Muslime hier nicht mehr gemeinsam beten. An der Wand kann ich noch Einschusslöcher erkennen. Ich gehe wieder raus.

Draußen sitze ich mit ein paar Palästinensern auf einer Treppe und warte auf meine Gruppe. Wir können uns kaum verständigen, aber wir lächeln uns zu, und manchmal lachen wir und sie zeigen einen Daumen nach oben. Ich werde gefragt, ob ich verlobt bin, ich sage lieber ja. Als alle wieder draußen sind, lese ich so viele verschiedene Emotionen auf den Gesichtern.

Altstadt von Hebron. Foto: IPPNW

Altstadt von Hebron. Foto: IPPNW

Wir gehen durch enge Gassen, in denen Händler Gewürze, Schuhe, Leder, Süßigkeiten, und vieles mehr verkaufen. Leider sind wir die einzigen Touristen. Viele Läden sind gar nicht mehr geöffnet. Im zweiten Stock der Häuser, also genau über der Marktstraße, wohnen Israelis. Ein Gitter ist über der Gasse unterhalb der Fenster des zweiten Stocks angebracht, damit der Müll nicht aus den Fenstern in die Gasse fällt. Auf dem Rückweg stehen wir vor dem Zaun einer von fünf israelischen Siedlungen. Ein lächelnder Soldat bietet uns an, über die Siedlung zurück zu unserem Bus zu gehen, nur unsere beiden Begleiter (der Reiseführer und der Mitarbeiter aus dem Emergency Center) müssten den anderen Weg nehmen. Wir lehnen ab. Wohnen nicht auch Palästinenser und nicht nur Israelis in der H2-Zone? Ich wundere mich, dass ich keine sehe. Die Palästinenser haben einen eigenen Checkpoint, wird mir gesagt, sie dürfen nicht alle Straßen benutzen. H1-Bewohner dürfen gar nicht in H2-Gebiete. Ich frage mich, wo die Menschen aus der H2-Zone ihren Geburtstag feiern, wenn ihre Freunde aus dem H1-Gebiet nicht kommen dürfen. Auf dem Weg zum Bus begleitet mich wieder ein kleiner Junge, der in zwei englischen Sätzen um Geld bittet. „Hebron“ ist übrigens hebräisch, auf arabisch heißt die Stadt „Khalil“. Beides bedeutet „Freund“.

IPPNW-Reise nach Israel/Palästina 2016. Foto: IPPNW

IPPNW-Reise nach Israel/Palästina 2016. Foto: IPPNW

Als ich das nächste Mal aus dem Bus steige, gehe ich einen staubigen Weg entlang zum Tent of Nations, unter dem ich mir noch nicht viel vorstellen kann. Während ich mich durch das Gestrüpp kämpfe, um frische reife Feigen von den vielen Bäumen zu pflücken, halte ich die Luft an, um den Gestank der Müllberge neben mir nicht riechen zu müssen. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, es gibt keine Müllabfuhr. Das Land, auf dem ich mich befinde, ist nicht weit von Jerusalem entfernt und von fünf israelischen Siedlungen umgeben.

Daoud Nassar, der Besitzer des Grundstückes, erklärt uns zu den Siedlungen: „Die Siedlungen sind eigentlich Städte. Die Menschen wohnen schon lange hier. Wir können nicht sagen: ‚Das ist nicht deine Heimat‘, denn sie sind, wie wir, hier geboren. Unsere Kinder erben unseren Konflikt.“ Seit vielen Jahren kämpft Daoud mit seiner Familie um seine 42 Hektar Land. Um die Jahrtausendwende herum wurden viele Oliven- und Fruchtbäume auf seinem Land durch israelische Kommandos zerstört. Seit 25 Jahren ist der Fall vor Gericht, erst vor dem Militärgericht, dann vor dem Obersten Gerichtshof, nun wieder vor dem Militärgericht. „Wir versuchen, das Ganze juristisch zu regeln, obwohl das System ungerecht zu uns ist“, sagt Daoud. Für sein Land existieren seit 1916 vier verschiedene Dokumente: ein osmanisches, ein britisches, ein jordanisches und ein israelisches – keins wurde vor dem Militärgericht anerkannt. Zu jeder Zeit war Palästina seitdem besetzt.

Tent of Nations. Foto: IPPNW

Tent of Nations. Foto: IPPNW

Daoud hat mit seiner Familie das Tent of Nations gegründet, das gewaltlosen Widerstand leistet unter dem Motto: „Wir weigern uns, Feinde zu sein“. Zu ihrem Grundstück führt nur noch der kleine staubige Weg – die anderen Straßen sind blockiert. „Wir haben kein Leitungswasser, keine Elektrizität, keine einzige Baugenehmigung, aber 20 Abrissbefehle.“ Abrissbefehle für Überdachungen, für Zelte, für ein Toilettenhaus und für die regenwasserspeichernden Zisternen. Es müssen immer viele Gäste kommen, sagen sie, das schütze sie vor den Abrissen durch die Armee. Da sie auf dem Land nicht bauen dürfen, bauen sie unter der Erde – sie bauen Höhlen zu Seminarräumen aus. 2003 haben sie durch ausländische Hilfe eine Solaranlage finanziert. Mit dem Kompost der Kompost-Toiletten wollen sie irgendwann versuchen, Biogas herzustellen.

Tent of Nations bietet unter anderem Sommer-Camps für palästinensische Flüchtlinge an. Wir wollen sie motivieren, ihre Zukunft selbst zu gestalten. Es gibt eine Zukunft. Aber diese Zukunft wird nicht von anderen gestaltet werden, sondern von uns. Die Idee ist: Bitte nicht auf andere warten! Wir wollen unseren Frust in positive Energie umsetzen. Hilfe zur Selbsthilfe schaffen. Die Lage ist kompliziert, aber man kann auch etwas tun. Wir möchten nicht, dass Sie frustriert nach Hause gehen.

Die 42 Hektar werden mittlerweile zu 80% landwirtschaftlich genutzt. „Wenn man einen Baum pflanzt, dann glaubt man an die Zukunft. Vor allem, wenn man einen Olivenbaum pflanzt. Die ersten Oliven kommen nach zehn Jahren, wenn man Glück hat. Frieden muss von unten kommen, so wie der Baum. Wenn Wurzeln tief in die Erde gehen, kann der Baum lange leben.“ Daouds Vision ist, irgendwann eine Berufsschule für erneuerbare Energien und Landwirtschaft auf dem Grund zu errichten. „Wenn man einen Abrissbefehl für ein Zelt hat, wie kann man eine Schule bauen?“, fragt er. „Wir als Palästinenser brauchen positive Beispiele im Moment, damit wir glauben. Wir können nicht die Besatzung beenden, aber ich sehe, was wir hier tun, ist ein kleiner Mosaik für eine unabhängige Zukunft.“

Bis ich bei meiner Gastfamilie ankomme, denke ich, der Nachmittag tat mir gut, er hat den Vormittag erträglicher gemacht. Dann sitze ich mit meinen Gasteltern und Tine aus meiner Reisegruppe im Wohnzimmer, im Fernsehen laufen die Nachrichten. Ich verstehe nicht viel – aber die Bilder schon. Eine Zwölfjährige am Checkpoint angeschossen, ein „administrativer“ (d.h. ohne Anklage festgehaltener) Gefangener nach 70 Tagen Hungerstreik freigelassen, elf Tote in Hebron, Schüsse im Flüchtlingscamp in Bethlehem. Meine Gastmutter Gizelle fühlt sich machtlos, sie hört gar nicht richtig zu. Sie hat erfahren, dass zwei Nachbarn ihre Häuser verkauft haben und das Land verlassen. „My neighbour: two apartments empty. The other: also two empty. My cousin: one apartment empty.“ Auch wir, also Tine und ich, schlafen in dem Stockwerk, das eigentlich für ihren Sohn und seine Familie gedacht war. Ihr Sohn lebt mit Frau und Kind in Spanien. „When he sees that in the news, when will he come back? Never“, sagt Gizelle.

Mein Gastvater ist wütend: They will break Palestine piece by piece, believe me. The soldiers wait until the kids sleep and then they throw the bombs. I’m glad that in other places in Europe, there are human rights. Do you know, what human rights is? Germany pays the submarines for Israel. Either they are out of their mind or, I don’t know. I hope you tell them what’s happening.“
Tine und ich gucken uns an, ihre Augen sind feucht, mein Kopf tut weh.

Frederike Booke ist Medizinstudentin und IPPNW-Mitglied und hat im September 2016 an der IPPNW-Reise nach Israel/Palästina teilgenommen.

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