Hilfe für jesidische Waisen

Nora Kizilhan im Flüchtlingscamp Xanki

Nora Kizilhan im Flüchtlingscamp Xanki

Wir, zwei Schwestern aus Berlin und Detmold haben uns auf den Weg in den Nordirak gemacht, nach Dohuk, das in der kurdischen Autonomieregion liegt. Seit Anfang August, als die Bilder über die ethnische Säuberung der Jesiden in Sengal um die Welt gingen, lassen uns diese Eindrücke nicht mehr los. Wir selbst sind jesidischer Abstammung, aber wir sind in Deutschland aufgewachsen und fühlen uns als Deutsche. Die Bilder, das unendliche Leid unserer Verwandten im Irak, die wir meist noch gar nicht persönlich kennen, verfolgt uns. Deshalb haben wir uns entschlossen, etwas zu tun.

Wir arbeiten als Sozialarbeiterin in einem Jugendprojekt bzw. als leitende Verwaltungskraft und wollen angesichts des Grauens dieser Vernichtungstaten, der Vergewaltigungen und Enführungen, der Tötung unserer Cousinen und Cousins, der Onkel, Tanten und Großmütter und -väter nicht mehr untätig und hilflos warten. Unterwegs mit der IPPNW-Ärztin Angelika Claußen hören wir viele schreckliche Geschichten der zurückgekehrten entführten Frauen und Flüchtlingen. Wir entschließen uns, ein Waisenhaus für jesidische Kinder und Jugendliche in Dohuk, Nordirak aufzubauen, die ihre Eltern auf der Flucht verloren haben. Über 500.000 Menschen sind nach Dohuk geflüchtet.

Mehr als 800 Kinder sind auf dieser Flucht verhungert und verdurstet. Die kurdische Regionalregierung hat bereits mit einer Bestandsaufnahme über die Zahl der Flüchtlinge begonnen, der Prozess ist aber noch nicht abgeschlossen. Hussein Hasoon, Berater des kurdischen Ministerpräsidenten Nechirvan Barzani und gleichzeitig als Mitglied im Hohen Kurdischen Rat für die Untersuchung des Genozids an den Jesiden zuständig, berichtete uns, dass er Daten über die Zahl der ermordeten und verschleppten jesidischen Bevölkerung sammle, um den Genozid vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zur Anklage zu bringen.

Flüchtlingscamp Xanki wo etwa 70.000 Flüchtlinge in schlechten dünnwandigen Zelten leben.

Flüchtlingscamp Xanki wo etwa 70.000 Flüchtlinge in schlechten dünnwandigen Zelten leben.

Auch die jesidische Abgeordnete im irakischen Parlament, Viyan Dahil, hat uns ihre Unterstützung zugesagt. Sie machte uns Mut, dass wir rasch mit den ersten Schritten beginnen sollen. Unsere nächste Station war das Flüchtlingscamp Xanki, wo etwa 70.000 Flüchtlinge in schlechten dünnwandigen Zelten leben, acht Familien müssen sich eine Toilette teilen. Es fehlt an Matratzen, Decken, winterfester Kleidung und Öfen. Auch die Zelte sind nicht winterfest. Wir waren beim Anblick der Zustände schockiert. Auch unterwegs haben wir an der Straße Flüchtlingsfamilien in offenen Hochhaus-Rohbauten gesehen. Die Flüchtlinge erzählten uns, dass dort viele Kinder nachts in die Schächte gestürzt seien.

Eine Ärztin, die sich um die zurückgekehrten Mädchen und Frauen kümmert, nahm uns mit in eine Wohnsiedlung, wo gerade ein Mädchen wieder in ihre Familie aufgenommen wurde. Wir durften persönlich mit ihr sprechen. Sie erzählte, noch unter tiefem Schock stehend, ihre Geschichte. 16 Mitglieder aus ihrer Familie seien verloren, d. h. entweder ermordet oder verschwunden. Sie selbst sei in Gefangenschaft mit 35 Mädchen gewesen. Auch ihre Mutter und zwei Schwestern seien gefangen genommen worden. Sie sei zunächst 15 Tage in Mossul in Gefangenschaft gewesen und danach nach Syrien gebracht worden. Über ihrer Mutter habe sie später erfahren, dass diese wohl in Tel Afar sei. Die beiden Schwestern, von denen sie getrennt wurde, seien wahrscheinlich noch in Mossul. „In Syrien wurde ich in ein Hotel gebracht. Dort befanden sich viele Männer der ISIS, aus Deutschland, Frankreich und Amerika. Ich konnte fliehen, weil ein junger Mann, der im Hotel arbeitete, mir geholfen hat. Er brachte mir einen Tschador, so konnte ich entkommen.“ Auf unsere Frage nach ihrem größten Wunsch antwortete sie mit Tränen in den Augen, „dass meine Mutter und meine Schwestern zurückkehren“.

Als wir die Geschichte des jungen Mädchens hörten, spürten wir tiefe Trauer, Hilflosigkeit und große Hoffnungslosigkeit, dass sie ihre geliebten Menschen je wieder treffen wird. Das Leid nimmt kein Ende.

Bei dem Verein  Assyrische demokratische Bewegung von links nach rechts Sakine Kizilhan, Fareed Yacoob, Angelika Claussen, Nora Kizilhan

Beim Verein „Assyrische Demokratische Bewegung“. Von links nach rechts
Sakine Kizilhan, Fareed Yacoob, Angelika Claußen und Nora Kizilhan.

Mit dem Aufbau eines Kinderdorfes in Dohuk wollen wir den Waisenkindern, die im andauernden Krieg am meisten leiden, eine Zukunft geben. Wir planen ein Kinderdorf mit psychotherapeutischer und sozialpädagogischer Betreuung. Um das konkrete Konzept in die kulturellen und sozialen Strukturen der kurdischen Gesellschaft einzupassen, hat Dr. Angelika Claußen erste Kontakte mit den Leitern der Fachbereiche Pädagogik und Psychologie der Universität Dohuk aufgenommen. Beim Besuch des Behandlungszentrums für Gewaltopfer und Flüchtlinge in Dohuk haben wir die Zusicherung für eine Zusammenarbeit bekommen.

Nora und Sakine Kizilhan

4 Gedanken zu „Hilfe für jesidische Waisen

  1. Bewundernswert, Ihr Einsatz in diesem entsetzlichen Leid und Terror.

    Eine kleine Anmerkung: Leider hat sich der Ausdruck „Ethnische Säuberung“ weit verbreitet. Ich moniere das in Leserbriefen pp schon lange, denn „Säuberung“ ist ein unmenschliches Wort in diesem Zusammenhang. Sind die Opfer Schmutz, Dreck , Unrat ? Warum nicht die schreckliche Sache klar als ethnischen Mord , ethnische Verfolgung bezeichnen ? Mit Mitgefühl Regine Rüter-Czekay

  2. Hallo, zunächst muss ich sagen, ich finde euren Einsatz super! Die Hilfe die man persönlich vor Ort geben kann, ist durch nichts zu ersetzen! Schrecklich und in Worte nicht möglich auszudrücken, was diese unschuldigen Menschen durchmachen müssen!
    Ich selbst habe sowohl Geld-, als auch Sachspenden beigetragen. Trotzallem finde ich es nicht wirklich zufrieden stellend. . . Kann man auf anderem Wege noch irgendwie helfen? Wie sehen denn die zukünftigen Projekte aus? Ic h hoffe, dass die Pläne gut umsetzbar gelingen und Sich viele beteiligen, wo auch immer Hilfe benötigt wird! Herbiji ji were!

    • Hallo Susan, danke für Ihre Unterstützung! Wir leiten Ihre Frage an die Autorinnen weiter, damit sie direkt antworten können.

    • Vielen herzlichen Dank für Ihr Interesse! Frau Kizilhan wird das Waisenhausprojekt für jesidische Kinder umsetzen. Dazu haben wir viele sehr gute Kontakte vor Ort aufgenommen, von denen in den beiden Blog-Beiträgen ein wenig steht. Sie wird Ihnen per E-Mail Genaueres über die ersten Schritte und mögliche Unterstützung berichten.
      Die IPPNW wird demnächst meinen ausführlichen Bericht veröffentlichen und unsere Vorstellungen, wie wir die Unterstützung von Projekten im Irak als Teil unserer praktischen Friedensarbeit begreifen.
      Wir werden neben dem Waisenhausprojekt zwei größere ärztliche Projekte vorstellen: Die Arbeit der Jiyan-Menschenrechtsstiftung, die etwa 6 Behandlungszentren und kleine mobile Einheiten für traumatisierte Flüchtlinge aufgebaut sowie die Arbeit des Vereins kurdischer Ärzte, der medizinische Nothilfe im Nordirak und in der Südosttürkei macht.
      Herzliche Grüße, Dr. med. Angelika Claußen

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