Wir wurden verletzt, doch wir sind mutig und stark: Langzeitfolgen von Kriegsvergewaltigungen

Auf dem Medica-Fachtag "Wir wurden verletzt, doch wir sind mutig und stark" in Berlin. Foto: © Marisa Reichert/medica mondiale

Auf dem Medica-Fachtag „Wir wurden verletzt, doch wir sind mutig und stark“ in Berlin. Foto: © Marisa Reichert/medica mondiale

20.000 bis 50.000 Frauen wurden zwischen 1992 und 1995 Opfer systematischer Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt in Bosnien und Herzegowina – Das ist eine der ersten Zahlen, die uns auf dieser Veranstaltung erschüttern. „70 Prozent der befragten Frauen geben an, dass die Erlebnisse ihr Leben 20 Jahre nach den Vergewaltigungen noch immer vollständig beeinflusst.“ Zum Fachtag Langzeitfolgen von Kriegsvergewaltigung – Herausforderungen für Gesellschaft, Politik und Forschung in Berlin, veranstaltet durch Medica Mondiale, sind ungefähr 100 Frauen und einige an einer Hand abzuzählende Männer gekommen. Die Gesichter sind meist ernst, während den RednerInnen gespannt zugehört wird. Zustimmendes Nicken ist zu sehen – und ab und zu wird spontan applaudiert.

Nach motivierenden Eröffnungsreden, unter anderem von Medica-Gründerin Monika Hauser und der parlamentarischen Staatssekretärin Elke Ferner, folgt schon der erste Höhepunkt der Fachtagung: Die Präsentation der Ergebnisse  der Studie We are still alive – Wir wurden verletzt, doch wir sind mutig und stark zu den Auswirkungen von Kriegsvergewaltigungen in Bosnien-Herzegowina (von Medica Zenica und Medica Mondiale). Die Erkenntnisse decken sich mit den Ergebnissen der Studie Das Geheimnis unserer Großmütter von Philipp Kuwert (Universitätsmedizin Greifswald) zu den Langzeitfolgen von Kriegsvergewaltigungen am Ende des Zweiten Weltkriegs – beide Forschungsarbeiten zeigen deutlich, wie verheerend die Erlebnisse 20 oder 70 Jahre später immer noch das Leben der vergewaltigten Frauen beeinflussen. Mehr als 50 Prozent der befragten Frauen zeigten Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung, das Familiensystem der Betroffenen sei vollständig oder teilweise durch die Erlebnisse beeinflusst. 93,5 Prozent der bosnischen Frauen berichten von anhaltenden gynäkologischen Problemen. Von den deutschen Frauen waren 63 Prozent vertrieben, was die besondere Schutzlosigkeit und Angreifbarkeit von flüchtenden Frauen und Mädchen aufzeige. Leben wurde diesen Zahlen durch verlesene Szenen aus Interviews und Zitaten der befragten Frauen eingehaucht.

„Traumabewältigung bedarf nicht nur der psychosozialen Unterstützung, sondern der Gesellschaft“, so das Fazit der Direktorin des Beratungszentrums Medica Zenica, Sabiha Husic. Die Frauen wollen in die gesellschaftliche Diskussion eingespannt werden und nicht als Opfer, sondern als starke Überlebende begriffen werden. Ebenso wichtig sei die Überwindung der gesellschaftlichen Stigmatisierung der Opfer und die Solidarität mit ihnen: „Zeigt auf den Täter, nicht auf mich,“ forderte eine Frau im Interview. Darüber hinaus zeigten die Studien, dass die Unterstützung durch Familie und soziales Umfeld, eine öffentliche Anerkennung und Verurteilung der Taten sowie Zugang zu staatlichen Entschädigungsleistungen und juristischer Gerechtigkeit eine wichtige Rolle für individuelle Verarbeitungsprozesse und gesellschaftliche Weiterentwicklung spielen.

Monika Hauser plädierte deshalb auch dafür, Kriegsvergewaltigungen nicht nur als Kriegsstrategie zu thematisieren, sondern auch deren Folgen und die Bedingungen im (Post-)Konfliktkontext in den Fokus zu nehmen.

Aber die Ergebnisse der Studie gehören nicht der Vergangenheit an, sondern sind genau hier in Deutschland brandaktuell. Im November reisten in Deutschland täglich ungefähr 7.000 Geflüchtete ein – unter ihnen auch (allein reisende) Frauen mit Kindern, die möglicherweise in ihrer Heimat, auf ihrer Flucht oder in den Behörden sexualisierte Gewalt erlitten haben. Was haben wir aus der Fachtagung an Ideen und Handlungsempfehlungen mitgenommen, die uns helfen können, das Ausmaß der Erlebnisse zu mildern und präventiv in Deutschland aktiv zu werden?

Allem voran brauchen die geflüchteten Frauen Schutz vor Übergriffen und das Gefühl von Sicherheit. Das fängt mit Details wie abschließbaren Duschen in den Flüchtlingsunterkünften an und umfasst so essentielle Dinge wie einen sicheren Aufenthaltsstatus. Die Verankerung von Traumawissen und einem traumasensiblen Umgang in Behörden, Gerichten, Unterkünften und im Gesundheitsbereich sind außerdem dringende staatliche Aufgaben, um den Geflüchteten diskriminierende und retraumatisierende Erlebnisse zu ersparen. „Alle Ärzte und Ärztinnen brauchen ein Grundwissen über Trauma und Traumafolgen und es muss in die Curricula des Medizinstudiums integriert werden“, so Traumatherapeutin Luise Reddemann. Dringlich ist auch die Verbesserung der finanziellen Unterstützung psychosozialer Zentren und die Kostenübernahme von Dolmetscherleistungen. Besonders wichtige Ideen betrafen den Zusammenhang zwischen Empowerment und psychosozialer Gesundheit: Geflüchtete Frauen (und Männer) müssen von der Erstaufnahmestelle an die Möglichkeit bekommen, sich selbst zu befähigen und zu organisieren, beispielsweise durch das Dolmetschen für andere, das Kochen mit- und füreinander in den Unterkünften, die Begleitung von Selbsthilfegruppen, die sich bei der Verarbeitung des Erlebten gegenseitig helfen und dabei lediglich von Profis supervidiert werden.

Mit Hinblick auf die geplante Asylrechtsverschärfung mahnte eine Teilnehmerin an: „Länder wie Afghanistan als sichere Herkunftsstaaten zu deklarieren, ist ein fatales Signal und verweigert die Anerkennung der Gräuel, die sich dort abspielen.“

Was nehmen wir aus der Veranstaltung mit? Ein Satz ist mir besonders im Kopf geblieben: Wo, wenn nicht hier, und wer, wenn nicht wir?

– „We are still alive…“ Zusammenfassung der Studie von Medica Mondiale
– Zum Fachtag auf der Seite von Medica Mondiale

Samira Seidler studiert Psychologie in Potsdam und besuchte den Medica-Fachtag am 30. November 2015 in Berlin.

 

Ein Gedanke zu „Wir wurden verletzt, doch wir sind mutig und stark: Langzeitfolgen von Kriegsvergewaltigungen

  1. Die Forderung “Zeigt auf den Täter, nicht auf mich,“ entspricht meinem Gefühl der Empörung. Auf welchen Veranstaltungen und vor welchen Gerichten wurden und werden die Täter angeklagt?

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