Leben in Hebron: Wer bleibt, wird zermürbt

Hashem vor seinen Olivenbäumen.

Hashem vor seinen Olivenbäumen. Foto: Sonja Siegel

Die Medizinstudentin Sonja Siegel ist mit dem Austauschprogramm “ famulieren und engagieren“ derzeit für zwei Monate in Bethlehem. Hier berichtet sie über einen besonderen Besuch in Hebron:

Am Sonntag war ich erneut in Hebron. Nachdem ich das letzte Mal eine Tour mit ehemaligen israelischen Soldaten mitgemacht hatte, war ich diesmal mit einem palästinensischen Führer unterwegs: Hashem. Die anderen deutschen Famulanten und ich hatten ihn vergangenen Dienstag im Alternative Information Center kennengelernt, als seine Frau und er über die Situation in Hebron auf der Shuada-Street berichteten.

Hebron ist in zwei Teile geteilt. H1, palästinensisch, und H2, Siedlung. Nachdem der israelische Arzt Goldstein 1994 ein Massaker in einer Moschee verübt hat und viele Menschen verletzt und einige getötet hat, wurde aus „Sicherheitsgründen“ eine Segregation durchgeführt. Einige Straßen um die Siedlung herum dürfen Palästinenser nicht mehr betreten. 1.200 Geschäfte wurden geschlossen. Das bedeutet für die PalästinenserInnen im täglichen Leben natürlich erhebliche Einschränkungen. So leben 45.000 Menschen in Gebieten, die sie mit dem Auto nicht befahren dürfen und die sie zum Großteil über kleine Straßen und holprige Wege erreichen müssen. Unter ihnen sind kleine Kinder, schwangere Frauen, alte Menschen. Einkäufe müssen geschleppt werden.

Den Großteil der dort lebenden palästinensischen Bevölkerung hat Israel schon erfolgreich vertrieben. PalästinenserInnen müssen immer wieder nachweisen, dass es sich bei dem Wohnraum um ihr Eigentum handelt. Die Häuser werden militärisch gesperrt, um sich zu wehren ziehen viele PalästinenserInnen vor Gericht. So ein Gerichtsverfahren dauert mindestens drei Jahre. Wenn ein/e PalästinenserIn sein/ihr Haus drei Jahre nicht betritt, geht es an den Staat Israel über. Da es militärisch gesperrt ist, ist es den Palästinensern während des Gerichtsverfahrens verboten, das Haus zu betreten.

Wer bleibt, wird zermürbt.

Hashem schildert die Strategien der SiedlerInnen und des Staates: Erst boten sie ihm 20 Millionen Schekel (entspricht etwa 5 Millionen Euro), wenn er sein Haus verlässt. Dann verweigerten sie ihm den Zutritt zu seinem Haus, jahrelang musste er über eine meterhohe Steinmauer zu seinem Haus klettern. Mittlerweile kann er zumindest einen Schleichweg nutzen. Schließlich kappten sie ihm das Wasser. Drei Jahre verbrachte er ohne Zugang zu Wasser. Er kaufte Mineralwasser und schleppte es heim. Mit der Hilfe von Amnesty International konnte er schließlich erreichen, dass neue Wasserleitungen gebaut werden. Regenwasser zu sammeln ist für ihn nicht möglich: Die Soldaten zerschießen die Zisternen auf dem Dach und machen sich einen Spaß, indem sie hinein urinieren.
Da Hashem und seine Familie auch in diesen drei Jahren nicht aufgaben, fingen die Siedler an, seine Bäume abzuholzen und seine Früchte zu vergiften. Die intakten Bäume kann er nicht nutzen: Um sie abzuernten, benötigt er eine Erlaubnis. Sobald er sich an die Ernte macht, wird er von den Siedlern gestört, mit Steinen beworfen, attackiert. Die Früchte werden ihm gestohlen. Als seine Frau schwanger war, schlugen die Siedler sie und traten ihr in den Bauch, sodass sie ihr Kind verlor. Das geschah zweimal. Als seine Frau erneut schwanger wurde, verließ sie das Haus neun Monate nicht. In der Nacht brachte er sie heimlich ins Krankenhaus, in dem sie niederkam. Als sie mit dem Baby heimkam, attackierten die Siedler sie. Hashem konnte seine Frau und sein Baby retten. Die Siedler dringen immer wieder in sein Haus ein und zerstören seine Möbel. Schließlich verhängte der Staat Israel ihm aus „Sicherheitsgründen“ Hausarrest. Mehr als zwei Jahre durfte Hashem sein Haus nicht verlassen. In der Zeit verlor er seinen Job und die Familie
mit vier Kindern das Einkommen.

Kürzlich erlitt Hashem einen Herzinfarkt. In H2 gibt es allerdings keine Ambulanz und keine Klinik für PalästinenserInnen. Also rannte er den gesamten Weg und überquerte den Checkpoint, der etwa 15 Minuten von seinem Haus entfernt ist, um dort ein Taxi zum Krankenhaus zu nehmen. Sein aktuelles Projekt besteht darin, eine Klinik in H2 aufzubauen. Es wird viele Schwierigkeiten geben: Unter anderem der Zugang zu Medikamenten – sie alle müssen über den Checkpoint, und vor allem die
Gewährleistung von Sicherheit in einem Viertel, in dem Slogans wie „Gas the Arabs“ den Weg zieren und es als Heldentat gilt, arabische Kinder zu töten, weil sie potentielle „Terroristen“ sind, in dem Kinder auf ihrem Weg zur Schule schikaniert und von Internationalen beschützt und begleitet werden müssen, …

Bei den Geschehnissen in Hebron greift kein Argument mehr. Egal, ob man ans auserwählte Volk glaubt, egal, ob man überzeugt ist, dass das Land Israel zusteht, egal, ob man an Segregation der Sicherheit wegen glaubt – hier wird jeden Tag permanent gegen die Menschenrechte verstoßen. Und der Staat Israel unterstützt die SiedlerInnen. Auf 650 SiedlerInnen kommen einige tausend SoldatInnen, die sie „beschützen“ und die PalästinenserInnen drangsalieren.

Auf dem Dach von Saed, Hashems Bruder, wurde ein Militärposten installiert. Ununterbrochen hat er israelische Soldaten auf seinem Dach, die Flaschen mit Urin auf seine Terrasse schmeißen, die Steine werfen, die eine ständige Bedrohung sind. Seine Kinder spielen nur im Haus, obwohl sie einen wunderschönen Garten haben könnten.

In deutschen Medien wird lapidar vom Ausbau israelischer Siedlungen gesprochen. Was Siedlungen aber implizieren, kommt zu kurz. Für SiedlerInnen ist alles umsonst. Sie werden angeworben, bekommen ein Haus zur Verfügung gestellt, ein Auto, das Benzin, so viel Wasser, wie sie wollen, Strom. Siedlungen sind nach internationalem Recht illegal, werden aber dennoch vom Staat finanziert und unterstützt. Auch die Outposts, die sogar nach israelischem Recht illegal sind. Und jede Siedlung bedeutet Vertreibung von Menschen. Und von guter Nachbarschaft halten die Siedler nichts.

Als Jugendlicher hat Hashem seinen Nachbarn Früchte von der Ernte vorbeigebracht. Anstatt ihm zum Tee einzuladen, haben sie ihm die Früchte aus der Hand gerissen, ihn geschlagen und konstatiert, dass die Ernte ihnen ja sowieso zustünde. Es sei ihr Land.

Hashem ist kein Judenfeind. Er hat viele jüdische Freunde auf der ganzen
Welt. Zwei seiner Großtanten waren Jüdinnen, die Moslems geheiratet hatten. Hashem schwebt auch kein palästinensischer Staat vor, sondern ein säkulärer Staat für alle Menschen. Er ist gegen Okkupation und gegen Zionismus.

Seitdem er seinen Job verloren hat, ist er nur noch ehrenamtlich tätig. Er ist ein stolzer Mann. Für sein Projekt „Alternative to violence“, in dem Kinder, Lehrer und Eltern gelehrt werden, nicht mit Gegengewalt zu reagieren, treibt er Spenden ein. Für sich selbst nimmt er nichts. Die Schuhe seiner fünfjährigen Tochter sind einige Größen zu klein. Seine Möbel abgenutzt, vieles schäbig. Die Familie lebt von dem Verkauf der Bilder, die seine Frau malt. Er bittet nicht um Geld. Seine Gastfreundschaft kennt dennoch keine Grenzen. Weder seine Frau noch er sind verbittert, im Gegenteil, sie sind tatkräftig, seine Kinder aufgeweckt und glücklich.

Wir haben eine Stadttour durch Hebron erwartet und haben eine Freundschaft angeboten bekommen. Hashem und seine Familie beeindrucken mich sehr. Ich hoffe, ich kann wiederkommen und seine Klinik in H2 unterstützen. Inschallah.

Sonja Siegel studiert Medizin an der Uni Düsseldorf.