Solidarität mit Griechenland: Ein Besuch im Gesundheitszentrum Charakas

Gesundheitszentrum Charakas, Kreta. Foto: Ingeborg Oster

Gesundheitszentrum Charakas, Kreta. Foto: Bernhard Liebich

76 Jahre nach dem Überfall der deutschen Nazis auf Kreta am 20. Mai 1941 haben wir – Dr. Ingrid Seyfarth-Metzger (IPPNW) und Dr. Ingeborg Oster (VDÄÄ und IPPNW) – die Ortschaft Charakas auf Kreta besucht, in der während der Nazi-Besatzung zehn Menschen ermordet wurden. Wir hatten 2016 eine Spendenaktion für das Gesundheitszentrum Charakas ins Leben gerufen und sie in diesen historischen Zusammenhang gestellt. Außerdem sehen wir die Spendenaktion als solidarisches Projekt für die griechische Bevölkerung, die seit Jahren unter der Sparpolitik der Troika leidet und in der Flüchtlingskrise von der EU in Stich gelassen wird. In Kreta war der Widerstand gegen die deutsche Besatzung vehement.

Charakas, Kreta. Foto: Ingeborg Oster

Charakas, Kreta. Foto: Bernhard Liebich

Bereits wenige Tage nach der Landung der deutschen Fallschirmspringer am 20. Mai 1941 massakrierten deutsche Militärs kretische Dörfer. Am 12. und 13. September 1942 wurden im Süden Kretas unter dem zynischen Sprichwort „Sommernachtstraum“ 451 KreterInnen erschossen, darunter zehn Menschen aus

Charakas, Kreta. Foto: Ingeborg Oster

Gedenken an die Massaker der Wehrmacht auf Kreta, Mai 2017. Foto: Bernhard Liebich

Charakas. Die Ortschaft Charakas wurde 1944 von der deutschen Wehrmacht bombardiert, die Bevölkerung musste in die Berge fliehen. Am 21. Mai 2017 nahmen wir an der Gedenkfeier in Charakas teil, hielten eine kurze Rede und legten einen Kranz für die Opfer nieder.

Wie auch 2016 hatten wir nach einem Spendenaufruf von dem Geld zwei Container mit Verbrauchs- und Verbandsmaterial (Kompressen, Binden, Einmalhandschuhe, Liegenpapier, Spritzen, Kanülen, Blutentnahmesysteme u.a.) eingekauft und zusammen mit einem Container voll hochwertiger Artikel aus einer Praxisauflösung (wie Mikroskop, Ambu-Beutel, kleine chirurgische Instrumente, OP-Leuchte, Verbandsmaterial) nach Kreta geschickt. Noch während unseres Aufenthaltes konnten wir zusammen mit dem Team des Gesundheitszentrums die drei Container in Empfang nehmen.

Katharina Hausner, unsere Vertrauensperson vor Ort, hatte zusammen mit dem Team des Gesundheitszentrums die Wunschliste zusammengestellt und wird dies auch in Zukunft tun. Das kommunale Gesundheitszentrum Charakas bietet primäre gesundheitliche Versorgung für die Ortschaft Charakas in Südkreta und die Dörfer im Umkreis von 35 km. Insgesamt leben dort 13.000 Einwohner. Im Gesundheitszentrum arbeiten vier Allgemeinärzte, ein Laborarzt, ein Röntgenarzt, ein Zahnarzt, einmal alle zwei Wochen ein Kinderarzt, Krankenschwestern und Hebammen. Das Gesundheitszentrum ist rund um die Uhr für Notfälle und Unfälle geöffnet. Es finden Sprechstunden für chronisch Kranke, für Kinder und Schwangere statt. Außerdem werden Hausbesuche und Sprechstunden in entlegenen Dörfern angeboten. Die Behandlungen sind ambulant und kostenlos, auch für Nichtversicherte und Migranten. Das nächste Krankenhaus und Facharztpraxen gibt es 45km entfernt in Iraklio.

Auf den ersten Blick sind die Räumlichkeiten des Gesundheitszentrums mit allem Nötigen ausgestattet. Problematisch wird es mit Ersatzteilen, Reparaturkosten, Neuinvestitionen sowie der Versorgung mit Verbrauchs- und Verbandsmaterial. Beim Röntgen (analog) kommt es immer wieder zu Pannen beim Entwickeln der Bilder. Dann müssen die PatientInnen bis nach Iraklio fahren. Für den Rettungswagen gibt es nur Geld für zwei Fahrer/Sanitäter, so dass maximal zwei Schichten pro Tag gefahren werden können. Vormittags muss der Rettungswagen aus Iraklio kommen. Außerdem fehlt Geld für Ersatzteile und oft auch für Benzin. Das Problem der ungenügenden Notfallversorgung wegen Personalmangel in Nothilfezentren und Rettungswagen besteht in den entlegenen Regionen der gesamten Insel. So müssen viele akut erkrankte Patienten stundenlang auf die Einlieferung und Versorgung im Krankenhaus warten. Eine Lösung unter anderem wären Erste-Hilfe-Einrichtungen in diesen Gebieten, die von ausgebildeten Laien betreut werden. In Tris Ekklesies, einem abgelegenen Fischerdorf in der Nähe von Charakas, das auch von Urlaubern besucht wird, wurde das bereits in Angriff genommen.

Auf Anregung von Frau Dr. Seyfarth-Metzger hat ein deutscher Sanitäter, der seit Jahren in der Umgebung lebt, 2016 einen Raum für Erste-Hilfe-Maßnahmen eingerichtet und auch schon einen Kurs für 30 Laien vor Ort abgehalten). Als Folge der Sparpolitik reicht das Geld für Vieles nicht. Jede Gemeinde kann selbst entscheiden, ob und was sie zusätzlich finanzieren will. Ärmere Gemeinden, z.B. in südlichen Osten der Insel, können nichts beisteuern. Deshalb sind diese Gegenden medizinisch besonders schlecht versorgt. In Charakas gibt es einen Bürgerverein für das Gesundheitszentrum, der Spenden für notwendige Investitionen und Materialien sammelt (z.B. auf Beerdigungen und Feiern) und Fragen oder Probleme der Bevölkerung bezüglich des Gesundheitszentrums aufgreift. Seit dem Spardiktat der Troika wurde der griechische Gesundheitsetat um 40 Prozent gekürzt. Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit sind nur 60 Prozent der Bevölkerung krankenversichert. Die Versicherten müssen 25 Prozent der Arzneimittelkosten bezahlen. Die Ausgaben des Gesundheitswesens betragen nur noch 6 % des Bruttosozialprodukts. Das bedeutet großen Personalmangel nach vielen Entlassungen. Außerdem sind viele ÄrztInnen und Pflegekräfte wegen schlechter Bezahlung ins europäische Ausland gegangen.

Wegen des Pflegepersonalmangels müssen die Angehörigen im Krankenhaus oft die Pflege übernehmen und schlafen dann tagelang auf einem Stuhl im Krankenzimmer. Es besteht ein zunehmender Investitionsstau: Gebäude können nicht mehr saniert werden, Neuanschaffungen von Apparaten oder Ersatzteilen unterbleiben. Im Uni-Klinikum von Iraklio fehlt es z.B. an Rollstühlen, ja selbst an Blutdruckmessgeräten. Auf Termine für technische Untersuchungen wartet man wochenlang. Wir hatten auch Zeit, Charakas und die schöne Umgebung kennenzulernen, die am südlichen Rand der fruchtbaren Messara-Ebene liegt. Kretas Landwirtschaft wird von billigen Agrarimporten aus der EU bedrängt. Selbst der köstliche griechische Feta wird durch billigeren importierten Pseudofeta in den Geschäften verdrängt. Die Herstellung von Ziegenmilch und Ziegenkäse ist zeitintensiv und macht die Produkte teuer. Auch in Charakas wächst die Gegenwehr. Es bilden sich Genossenschaften von Wein- und Olivenbauern, die darüber ihren Absatz verbessern können. Wir trafen einen Landwirt, der mit Gleichgesinnten auf der ganzen Insel altes Saatgut sammelt und katalogisiert, um unabhängig von Monsanto und Co. zu bleiben. Eine weibliche Bäckereigenossenschaft hat sich gegründet, die köstliche Konditoreiwaren und Brot herstellt und auch umliegende Hotels und Restaurants beliefert.

Wir wollen weiter über die gesundheitsbedrohende Sparpolitik der Troika informieren und werden auch unser Spendenprojekt fortsetzen. Da nach dem Transport noch Geld auf unser Spendenkonto floss, können wir im Herbst noch einmal Verbrauchsmaterial nach Charakas schicken, um die Bevölkerung zu entlasten. Im Frühjahr 2018 starten wir dann unsere nächste Spendenaktion. Wir bedanken uns ganz herzlich bei unseren bisherigen SpenderInnen – auch im Namen des Teams des Gesundheitszentrums und der Bevölkerung von Charakas.

Wer Sachspenden für die Ausrüstung des Gesundheitszentrums beitragen kann, melde sich bitte bei Ingeborg Oster unter: ingeborg.oster AT mnet-online.de

Ingeborg Oster und Ingrid Seyfarth-Metzger sind IPPNW-Mitglieder und reisten im Mai 2017 nach Kreta.

 

Ein Gedanke zu „Solidarität mit Griechenland: Ein Besuch im Gesundheitszentrum Charakas

  1. Ein gutes Beispiel für solidarische Politik, Geschichtsaufbereitung und Ausgleich für die ungerechte Politik der Bundesregierung von unten. Wichtig ist, dass solche Beispiele bekannt werden und deutlich machen: Eine andere Politik ist möglich. Wir können die Welt verändern Elu

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