Trostenez in Belarus: Ein europäischer Erinnerungsort gegen den Krieg

Die künstlerisch gestalteten Koffer am Platz der Hoffnung lassen die Situation bei der Ankunft der Deportierten erahnen. Das Mahnmal „Der Weg des Todes“ führt durch stilisierte Eisenbahnwaggons über eine Strecke von etwa 800 Metern zu 34 Massengräbern. Foto: IBB Dortmund – Mechthild vom Büchel

Seit 10 Jahren haben wir im Auftrag der NGO Heimstatt-Tschernobyl e.V. Reisen nach Weißrussland (Belarus), unser unbekanntes europäisches Nachbarland gemacht. Dort wurden mit Hilfe von Freiwilligen aus Deutschland und Belarus zwei Dörfer für Familien aus der Tschernobylregion im unverstrahlten Norden des Landes errichtet. In beiden Dörfern standen wir beim Bau medizinischer Ambulanzen beratend zur Seite und trugen mit Vorträgen zu medizinischen Alltagsthemen zur Gesundheitsbildung der Bevölkerung bei.

Bei diesen Reisen waren wir immer wieder mit der Vergangenheit dieses Landes konfrontiert, wo der Vernichtungskrieg der Wehrmacht mehr als ein Viertel der Bevölkerung ausgelöscht hat. Auf diesem Hintergrund konnten wir am letzten Juniwochenende auf Einladung des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks in Dortmund (IBB) an der Einweihung der Gedenkstätte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Malyj Trostenez teilnehmen. Mit Bundespräsident Steinmeier ist dazu erstmalig ein deutscher Präsident in unser europäisches Nachbarland gefahren, eine nach 74 Jahren dringend notwendige Versöhnungsgeste. Seine Rede war dabei ein bewegendes Plädoyer gegen den Krieg und den aufkommenden Nationalismus in Europa gewesen. „Der Schritt wird schwer und schwerer, je näher man diesem Ort kommt. Das Wissen um das, was an diesem Ort geschehen ist, wird zur tonnenschweren Last. Wer hierher kommt, der hat von den Verbrechen gelesen oder gehört, die hier von Deutschen an Belarussen, an ihren europäischen Nachbarn und an den eigenen Landsleuten begangen wurden. Er wird wissen, welche Spur der Verwüstung dieser letzte und grausame Krieg durch dieses Land gezogen hat. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung von Belarus hat die Zeit der deutschen Besatzung nicht überlebt“, erklärte der Bundespräsident.

Einen Auszug der Rede finden Sie im Folgenden:

Wir erschrecken über hunderttausende Opfer, die dieses Inferno gefordert hat, die zu Namenlosen wurden, bevor man sie in Lager pferchte, vergaste oder gleich von der Rampe des Bahnsteigs in Malyj Trostenez an den Rand einer Grube führte, vor der man sie erschoss.
Wir erschrecken über einen Krieg, der als Vernichtungskrieg geplant, befohlen und ausgeführt wurde. Belarus musste erleben, was das bedeutete. Mehr als 600 Dörfer wurden – samt ihrer Bewohner – ausgelöscht.
Wir verstehen: Was damals über dieses Land und seine Nachbarn kam, war Menschenwerk. Es trug deutsche Namen wie Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich, Erich von dem Bach-Zelewski oder Oskar Dirlewanger.

Der millionenfache Tod, den diese Männer brachten, war kein schicksalhafter. Er war organisiert und effizient, erdacht in Amtssitzen mit Berliner Adressen: Wilhelmstraße 101, Prinz-Albrecht-Straße 8, Rauchstraße 18, Wilhelmstraße 72.

Das Mordkomplott erstreckte sich über die Geschäftsverteilungspläne von Ministerien, gliederte sich in Organisationseinheiten, in Einsatzgruppen von SS und SD, in Erschießungskommandos von Sicherheitspolizei, Ordnungspolizei und, ja, auch der Wehrmacht. Jeder Einzelne ein Rädchen im Getriebe, eins vom anderen abhängig, eins ins andere greifend, jedes seinen Beitrag leistend, bis der todbringende Schuss fiel.
Dieser bürokratisierte Krieg, gestützt auf einen Apparat und seine Arbeitsteilung, atomisierte die Verantwortung eines jeden Einzelnen. Am Ende werden alle Beteiligten erklären, ihr Beitrag sei gering gewesen, nicht von Gewicht und nur auf Befehl von oben erfolgt.

Malyj Trostenez erreichten die Mordkommandos im Frühjahr 1942. Es war ein abgelegener Flecken, damals noch vor der Stadtgrenze von Minsk. Auf Reinhard Heydrichs Befehl wird aus diesem Ort eine Mordstätte, die ehemalige „Kolchose Karl Marx“ zu einem Arbeits- und Vernichtungslager. Ein wieder in Betrieb genommener Gleisanschluss und ein schwer einsehbares Gelände als Ort für Exekutionen – mehr brauchte es nicht.

Abertausende wurden im Wald von Blagowschtschina erschossen oder in eigens dafür gebauten LKW vergast – doch nur an Werktagen. Züge, die an arbeitsfreien Tagen in Malyj Trostenez ankamen, wurden nicht abgefertigt. Die Todgeweihten mussten warten, bis die Erschießungskommandos ihren Dienst am Montag wieder aufnahmen. Die Schamlosigkeit der Täter entsprach der Mechanik des Tötens. Hier sollte jede menschliche Spur, auch jeder Rest von Menschlichkeit getilgt werden.
Der Ort, Malyj Trostenez, von der deutschen Wehrmacht in Besitz genommen als „Lebensraum im Osten“, war ein Ort des Todes. Er lag am äußersten Ende einer Befehlskette, verzeichnet auf keiner Landkarte, aber auf einem Plan zur Endlösung der Judenfrage. Ihn in das historische Bewusstsein Europas zurückzuholen, ist ein lange überfälliger Schritt. (…)

Die gemeinsame europäische Verantwortung für das „Nie wieder Krieg!“ gründet auf dem Wissen um das, was Menschen – hier an diesem Ort – ihren Mitmenschen angetan haben. Wenn wir uns auch fortan, ohne die Hilfe von Zeitzeugen, daran erinnern wollen, warum uns dieses auf Menschlichkeit gegründete Europa so wichtig ist, müssen wir seine Geschichte lehren und lernen und sie jeder Generation neu vermitteln.

In dieses historische Gedächtnis der Europäer, vor allem aber in das deutsche, gehört zwingend auch die Geschichte von Belarus. Nach fast drei Jahrzehnten Unabhängigkeit ist es an der Zeit, dass das Land in unserem Bewusstsein und Verständnis aus dem Schatten der Sowjetunion tritt, vor allem aber, dass Belarus wahrgenommen wird als ein Staat mit einer eigenen Geschichte, Gegenwart und Zukunft.
Dieser Ort, Malyj Trostenez, ist ein Schreckensort in dieser belarussischen Geschichte. Aber er steht heute auch für ein gemeinsames Erinnern. Dieser Gedenkort, ebenso wie die gemeinsame Geschichtswerkstatt in Minsk ist das Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen von belarussischen und deutschen Historikern und von zivilgesellschaftlichen Gruppen, wie dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk in Belarus und in Deutschland.

Ohne die Bereitschaft Weißrusslands zur Versöhnung wäre diese Zusammenarbeit undenkbar.

Wir dürfen niemals vergessen: Der deutsche Vernichtungskrieg hatte zum Ziel, dieses Land und die Menschen, die in ihm lebten, auszulöschen. Umso tiefer ist meine Demut, umso dankbarer bin ich den Menschen in Weißrussland für die Bereitschaft zur Versöhnung.
Es hat in Deutschland lange, viel zu lange gedauert, sich an diese Verbrechen zu erinnern. Lange, zu lange haben wir gebraucht, uns zur Verantwortung zu bekennen. Heute besteht die Verantwortung darin, das Wissen um das, was hier geschah, lebendig zu halten. Ich versichere Ihnen, wir werden diese Verantwortung auch gegen jene verteidigen, die sagen, sie werde abgegolten durch verstrichene Zeit.

Die komplette Rede finden Sie hier

Dr. Christoph Dembowski, IPPNW
Facharzt für Kinderheilkunde

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