Von Van nach Hakkari: Die Hängebrücke über den Zap

Hängebrücke über den Fluß Zap

Die Hängebrücke über den Fluß Zap. Foto: IPPNW

Auf unserer Fahrt von Van nach Hakkari am 17. März passierten wir eine Hängebrücke über den Fluß Zap, der eine tiefe Schlucht in die Berge gegraben hat. Unser Teilnehmer Emin Kömür erzählte uns die Geschichte dieser Brücke: Sie beginnt mit einem Gedicht von Ahmed Arif. Das Gedicht beschreibt die Ungerechtigkeiten in der südostanatolischen Bergregion. Mangels Brücken sind Frauen und Kinder der Bergdörfer von der Infrastruktur abgeschnitten. Kranke, Schwangere und Kinder sterben, weil sie den Zap nicht überqueren können. Das Gedicht endet mit dem Ruf: „Mach was! Wo bist Du, Ankara?“ 1966 haben drei Bauingenieur-Studenten in Ankara beschlossen, den Aufruf umzusetzen. Deniz Gezmic war der Initiator, seine Freunde hießen Hüseyin Inan und Yusuf Arslan. Die drei jungen Männer wurden am 6. Mai 1971 durch Erhängen hingerichtet. Ihnen wurde ein Umsturzversuch vorgeworfen.

Der Versuch, eine Seilhängebrücke über den Zap zu bauen, machte die Studentenbewegung in der ganzen Türkei populär und führte zu heftigsten Reaktionen der damaligen Regierung. Die Brücke wurde zerstört, mehrfach neu errichtet und immer wieder abgerissen. Zuletzt wurde sie 1999 zum Symbol, als das Militär Bomben über der Brücke abwarf. Die Abschreckung gelang nicht. Die Namen der Studenten wurden nicht ausgelöscht, sondern wieder erinnert. Bis 2010 war Ruhe am Zap. Durch eine Studenteninitiative entstand an der selben Stelle eine neue Hängebrücke mit dem Namen Deniz-Gezmic-Brücke. Diesmal wurde sie nicht zerstört, nur der Name wurde entfernt. Inzwischen wurden weitere Hängebrücken über den wilden Zap gebaut. 2007 wurde beim Filfestival in Istanbul der Dokumentarfilm „Die Zap-Brücke“ gezeigt und mit einem Preis ausgezeichnet. Der 18. war für uns ein Reisetag. Bei strahlendem Sonnenschein machten wir uns im Kleinbus auf den Weg nach Diyarbakir. Der erste Höhepunkt war der Besuch der Insel Akdamar im Vansee. Dort steht eine der wenigen erhaltenen armenischen Kirchen, die in den letzten Jahren aufwändig restauriert worden ist und einmal im Jahr von Armeniern aus aller Welt zum Gottesdienst genutzt werden darf. Sonst ist sie ein Museum. In diesem Jahr jährt sich der Genozid an den Armeniern zu 100. Mal. Bei unseren Gesprächen versuchen wir herauszufinden, inwieweit dieses Datum in der Bevölkerung und bei den zivilen Organisationen präsent ist hier im ehemaligen Kernland der Armenier. Bisher haben wir keine konkreten Hinweise auf geplante Gedenkveranstaltungen erhalten. Auf einer wunderschönen Fahrt durch die verschneiten Berge mit 1.000 Meter Höhenunterschied wurde es immer frühlingshafter. Mandelbäume blühten und das Wintergetreide war unglaublich grün. Rund um Batman waren die Störche auf ihren Nestern entlang der Bahnlinie emsig beschäftigt.  Schließlich erreichten wir Hasankeyf, die jahrtausendealte Höhlenstadt, die trotz aller Proteste in einem großen Stausee versinken wird. Der Staudamm ist nahezu fertig. Noch in diesem Jahr soll mit der Flutung begonnen werden. Die Bewohner rechnen noch mit etwa fünf Jahren, bis ihr Kulturdenkmal im Wasser versunken ist. In Diyarbakir regnet es. Es ist allerdings deutlich wärmer als in Van. Wir hatten einen vollen Tag mit Gesprächen in einem kommunalen Frauenzentrum und mit Vertretern des Demokratischen Volkskongresses. Bei der Ärztekammer trafen wir nach Jahren der Funkstille neben den derzeitigen Vorsitzenden auch alte Bekannte: Necdet Ipekyüz und Mahmut Ortakaya. Zuletzt waren wir noch bei der Gesundheitsgewerkschaft SES. Bei den Gesprächen ging es um den Friedensprozess, um die Versorgung der Flüchtlinge aus Syrien und der Jesiden aus Shengal im Nord-Irak und um die Gesundheitsreform in der Türkei sowie die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens hier und auch in Deutschland. Etwas mehr dazu werden wir morgen berichten.

Dr. Gisela Penteker ist Allgemeinärztin und seit dem 15. März auf Delegationsreise in der Türkei unterwegs.