Vor 100 Jahren: Genozid an den Armeniern in Südostanatolien

Der Wiederaufbau der Armenischen Kirche in Diyarbakir. Foto: Gisela Penteker/IPPNW

Der Wiederaufbau der Armenischen Kirche in Diyarbakir. Foto: Gisela Penteker/IPPNW

Die neu aufgebaute armenische Kirche in Diyarbakir war früher Bischofssitz. Im kommenden Monat wird sie sie ein Zentrum des Gedenkens sein, denn vor hundert Jahren fand der Genozid an den Armeniern statt. Am 24. April 2015 sollen in den Büros der Menschenrechtsvereine (İnsan Hakları Derneği, IHD) in der ganzen Republik Pressekonferenzen zur Erinnerung an den Völkermord abgehalten werden.

Wir sprechen mit Abdulgarfur Türkay, kurz: Garfur, Vorstandsmitglied der Stiftung armenische Kirche in Istanbul. Garfur lebt in Ankara und erklärt uns, dass Anfang des 19. Jahrhunderts drei Millionen Armenier in der Region lebten, etwa 20% der damaligen Bevölkerung. Im Jahre 1900 seien 60% der Einwohner Diyarbakirs Christen gewesen: Armenier und Aramäer. Geht man von dieser Zahl aus, war ein Viertel der heutigen kurdischen Region christlich. Die Region hatte zwölf Millionen Einwohner, davon waren 2,5 Millionen Armenier und 500.000 andere Christen. „Ohne den Völkermord von 1915 würden in der Türkei jetzt 12 Millionen Armenier leben,“ sagt Gafur. 1970 hätten in Diyarbakir noch 300 bis 400 armenische Familien gelebt. Zur Zeit des Zypernkrieges (1974) habe es in Diyarbakir ein Pogrom gegeben. Die Armenier wurden zu Sündenböcken für die Probleme in Zypern erklärt. Rund um die Sankt-Georgs-Kirche demonstrierten die Bewohner mit Transparenten mit Texten wie “ Entweder die Hälfte von Zypern oder die Frau des Priesters.“

Nach dieser bedrohlichen Demonstration seien die Armenier nach Istanbul und Europa geflüchtet. Nur 30 Familien blieben in der Stadt. In den 1990er Jahren gab es noch einmal viele Morde durch unbekannte Täter, Menschen, die verschwanden und Morddrohungen. Die letzten Armenier versteckten sich. Die Kirche wurde nicht mehr genutzt und verfiel nach und nach.

Den Genozid von 1915 überlebten drei Gruppen: Die schönsten Frauen und jungen Mädchen – Kinder, die in kurdische Familien aufgenommen wurden, die es meist auf den Besitz der Eltern abgesehen hatten und Handwerksmeister, die für ihre hohe Kunstfertigkeit bekannt waren. (Jürgen Gottschlich, „Beihilfe zum Völkermord“, 2015). Garfurs Familie gehörte zur zweiten Gruppe. Die armenischen Kinder wurden zum Islam konvertiert. Garfur klagt: „Ich bin hier geboren, meine Muttersprache ist Kurdisch. In der Schule wurde ich gehänselt. Ich wurde beschimpft und beleidigt, obwohl ich Moslem war. Vor fünf Jahren habe ich mich als Armenier geoutet und bin Christ geworden. Ich habe meinen Namen geändert und lebe jetzt ohne Angst. Die Herkunft meiner Familie ist kein Tabu mehr“.

Am 21. März abends brachte unsere Freundin Dara, eine Armenierin, zwei armenische Politikerinnen aus Istanbul mit ins Hotel. Sie werden auf der Liste der kurdischen Partei HDP für das Parlament kandidieren. Filor Uluk bezeichnet sich als Menschenrechtlerin und Friedensaktivistin. Sie ist schon lange in der kurdischen Bewegung aktiv, immer als Armenierin. Sie möchte nicht als Türkin bezeichnet werden, sondern als Armenierin türkischer Staatsangehörigkeit. Nach dem Tod von Hrant Dink haben sich viele Armenier zu ihrer Herkunft bekannt und sich organisiert. Ihre Vereine stehen allen Menschen offen, die sich zu ihren Zielen bekennen und den Völkermord anerkennen.

Friederike Speitling, Mehmet Desde und Emin Kömür sind derzeit auf der IPPNW-Delegationsreise durch die Türkei/Kurdistan unterwegs.