We have sacrificed Water for Gold: Der dritte Konferenztag

Johannesburg (Südafrika) ist aufgrund des Gold- und Uranabbaus radioaktiv verseucht. Foto: IPPNW

Johannesburg (Südafrika) ist aufgrund des Gold- und Uranabbaus radioaktiv verseucht. Foto: IPPNW

Am dritten Tag konnten wir uns ein eigenes Bild von den Hinterlassenschaften der Witwatersrand-Goldfelder und den Lebensbedingungen in unmittelbarer Nachbarschaft machen. Während der einstündigen Fahrt sahen wir, wie die Stadt Johannesburg sich immer mehr zwischen den sterilen, kahlen Abraumhügeln (Tailings)  und tiefen, verlassenen Tagebaugruben ausbreitet. Vier große Minen haben dort seit 120 Jahren Gold und zum Teil auch Uran gefördert. Grundwasser und Oberflächenwasser sind mit Uran und Schwermetallen verseucht.

Die Salze der Schwermetalle fallen aus, wenn das zur Extraktion benötigte Wasser mit einem pH-Wert von Zwei mit wässriger Lauge neutralisiert wird und anschließend als braune Giftbrühe in die Umwelt gepumpt wird. Dieses Wasser enthält u.a. 2.500 mg Schwefel/l, der WHO-Standard für Trinkwasser liegt bei 200 mg/l. Teilweise wird saurer Schlamm auch hinter einem Damm zurückgehalten. Das Gebiet ist nicht eingezäunt und somit besteht das Risiko direkter Gammastrahlung für die Menschen,  Radionukliden und toxischen Schwermetallen werden u.U. Inhaliert und vom Lörper aufgenommen (Kobalt, Nickel, Zink, Arsen – am gefährlichsten sind Cadmium und Uran).

Die Urankonzentration bei Rindern, die dort grasen, ist im Vergleich zur Kontrollgruppe in den Nieren 4.350 mal höher, in Knochen 60 mal höher und in der Leber 26mal höher.
Durch Minen, die aufgegeben und geflutet wurden, gelangt stromabwärts stark verunreinigtes Wasser ins Flussbett und gefährdet dort die Bevölkerung. Mariette Liefferink fasste es so zusammen: „We have sacrificed Water for Gold.“

Insgesamt leben 1,6 Millionen Menschen nahe den Goldminen, und es gibt zahlreiche nicht legalisierte Siedlungen, „informal settlements“. Die Gesundheit ist durch hohe Konzentrationen von Radongas, radioaktivem Staub, verseuchtem Wasser und durch den radioaktiven Boden bedroht. Wir besuchten eine dieser Siedlungen, gebaut auf einer Abraumhalde, in der 1.800 Menschen mit drei Toiletten und drei Wasserstellen leben. (siehe Foto.) Es gibt keine epidemiologischen Untersuchungen, aber die Bevölkerung ist dort einer Strahlendosis zwischen 2,6 und 13 mSv pro Jahr ausgesetzt. Vorgesehen sei eine Pufferzone von 500 Metern zwischen den „Tailings“ und einer Bebauung.

Eine Ziegelfabrik in unmittelbarer Nähe verteilt die Radioaktivität mit ihren Bausteinen… Wir hatten im Vorfeld unterschrieben, dass wir die Fahrt in eigener Verantwortung unternehmen. Mariette Liefferink (Federation for a Sustainable Environment) hat diese Exkursion für uns organisiert und uns begleitet. Sie besucht wöchentlich die Menschen, bringt ihnen Obst und unterstützt sie bei Gerichtsverhandlungen. Sie sprach von Kleinwuchs, onkologischen-  und Nierenerkrankungen. Dieser Ausflug gewährte einen Blick in den nuklearen Abgrund.

Über dem letzten Vormittag könnte ein afrikanisches Sprichwort stehen:
„Wenn Du morgen Berge versetzen willst, beginne heute Steine aufzuheben.“

Es gibt für Afrika Alternativen zur zentralen Nuklearisierung. Praktische, kleine, intelligente Alternativen zur Energiegewinnung wurden vorgestellt, aber auch grundsätzliche Erwägungen zu unserm Lebensstil erörtert. Die Technologien seien  vorhanden, sie müßten nur implementiert werden. Und dazu fehle oft der politische Wille. Nachhaltige Entwicklung bedeutet auch Disziplin und die Abkehr von Überproduktion und grenzenlosem Konsum. Kein Müll: Zero Waste. Eine kleine Kommune ist dabei, alles zu verwerten: Es gibt  tragbare Holzofen, die mit wenig Holz Wasser zum Kochen bringen; Solarenergie wird gespeichert und kann wie ein Baukastensystem erweitert  werden. Ökologische Landwirtschaft ein anderes Stichwort.

Weltweit geht es um Energiekonversion: Von den reichen Ländern mit maßlosem Energieverbrauch zu den unzureichend mit Energie versorgten armen Ländern. Der Paradigmenwechsel heißt nicht Wachstum, sondern Energieeinsparung.
Da wir alle in einem Hotel untergebracht waren, ergaben sich viele Kontaktmöglichkeiten zwischendurch und während der Mahlzeiten. Der weltweiten nuklearen Vernetzung haben wir eine nicht minder große, phantasievolle und lebendige Anti-Atombewegung entgegenzusetzen.

Dörte Siedentopf ist IPPNW-Mitglied und besuchte den Kongress „Nuclearisation of Africa“ vom 16.-19. November 2015 in Johannesburg (Südafrika).