Wie hängen Klimakrise, Atomwaffen, Gesundheit und Frieden zusammen?

Side Event der SB64 „Frieden und Klimagerechtigkeit: Emissionen, Finanzen und Gleichheit“ in Bonn, Deutschland

Als Gesundheitsfachkräfte liegt unsere Verantwortung nicht nur darin, Krankheiten zu behandeln, sondern auch Verhältnisse zu verhindern, die zu massenhaftem Leid führen. Heute sieht sich die Menschheit zwei von menschengemachten existenziellen Bedrohungen gegenüber: dem Klimawandel und Atomwaffen. Diese Bedrohungen werden oft getrennt diskutiert, doch sie sind eng miteinander verbunden und müssen gemeinsam angegangen werden.

Der Klimawandel schadet bereits jetzt der Gesundheit – durch hitzebedingte Erkrankungen, Ernährungsunsicherheit, Vertreibung, Infektionskrankheiten und psychische Belastungen. Ein Atomkrieg stellt eine andere, aber ebenso katastrophale Bedrohung dar. Selbst ein begrenzter Atomkrieg könnte das globale Klimasystem durcheinanderbringen, die Nahrungsmittelproduktion zum Zusammenbruch bringen und das Überleben von Milliarden Menschen gefährden.

Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass ein Atomkrieg auch ein Klimaproblem ist. Das stabile Klima, von dem die Gesundheit von Mensch und Planet abhängt, muss nicht nur vor der globalen Erwärmung, sondern auch vor der abrupten globalen Abkühlung geschützt werden, die ein Atomkrieg auslösen würde.

Der australische Epidemiologe Dr. Tilman Ruff hat die Belege dazu klar zusammengefasst: „Atomwaffen stellen die akuteste existenzielle Bedrohung für die Menschheit und die Biosphäre dar. Sowohl qualitativ als auch quantitativ sind sie einzigartig zerstörerisch.“

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Rauch und Ruß aus brennenden Städten in die Stratosphäre aufsteigen, das Sonnenlicht blockieren und die globalen Temperaturen schnell absinken lassen würden. Die Ernteerträge würden dramatisch sinken, was zu weitverbreitetem Hunger und sozialer Instabilität führen würde.

Deshalb sagen Gesundheitsfachkräfte: Im Falle eines Atomkriegs gibt es keine sinnvolle medizinische Hilfe. Kein Gesundheitssystem könnte mit dem Ausmaß dieser Zerstörung fertig werden. Prävention ist das einzige Heilmittel.

Es gibt eine weitere Dimension, die viel zu oft übersehen wird: die nukleare Ungerechtigkeit. Seit 1945 wurden weltweit mehr als 2.000 Atomtestexplosionen durchgeführt – oft auf indigenem Land und in kolonialisierten Gebieten. Gemeinschaften auf den Marshallinseln, in Französisch-Polynesien, Kasachstan, Australien und anderen Orten leiden unter Krebserkrankungen, Geburtsfehlern, chronischen Krankheiten, Umweltverschmutzung, Vertreibung und generationsübergreifenden Traumata.

Als Gesundheitsfachkräfte erkennen wir diese Auswirkungen nicht nur als medizinische Folgen, sondern auch als Verletzungen der Menschenrechte und der Umweltgerechtigkeit.

Die Marshallinseln veranschaulichen diesen Zusammenhang deutlich. Die dortige Bevölkerung musste einige der größten jemals von den USA durchgeführten Atomtests über sich ergehen lassen. Heute stehen dieselben Gemeinschaften an vorderster Front der Klimakrise und sehen sich mit dem Anstieg des Meeresspiegels und dem möglichen Verlust ihrer Heimat konfrontiert.

Das ist kein Zufall. Es spiegelt ein größeres Muster wider, in dem Länder und Völker, die an der Peripherie der globalen Macht stehen, als Zonen behandelt werden, die man opfern kann. Kleine Inselstaaten haben am wenigsten zum Klimawandel beigetragen und besitzen keine Atomarsenale, doch sie tragen einige der schwerwiegendsten Folgen von beidem. Klimagerechtigkeit und nukleare Gerechtigkeit sind untrennbar.

Wir müssen auch anerkennen, dass Atomwaffen vom nuklearen Brennstoffkreislauf abhängen. Historisch gesehen haben zivile Atomprogramme oft Wege, Expertise, Materialien und politische Rechtfertigungen für militärische Zwecke geliefert.

Aus gesundheitlicher Sicht ist Atomenergie nicht die Klimalösung, die wir brauchen. Sie ist langsam in der Umsetzung, teuer, erzeugt gefährlichen Atommüll und perpetuiert Systeme, die zur Verbreitung von Atomwaffen beitragen können. Ressourcen sind besser in schnellere, sicherere und gerechtere Lösungen im Bereich der erneuerbaren Energien zu investieren.

Trotz dieser Herausforderungen gibt es Gründe für Hoffnung.

Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN), die von IPPNW und Partner*innen weltweit mitgegründet wurde, hat dazu beigetragen, den Atomwaffenverbotsvertrag ins Leben zu rufen. Dieser Vertrag trat 2021 in Kraft und ist der erste Atomwaffenvertrag, der Verpflichtungen zur Opferhilfe und Umweltsanierung enthält.

Auch im Klimabereich gibt es Fortschritte. Im Mai 2026 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine historische Resolution, die das bahnbrechende Urteil des Internationalen Gerichtshofs aus dem Vorjahr unterstützt, das die rechtlichen Verpflichtungen der Staaten zum Schutz der Umwelt vor Treibhausgasemissionen festhält. Dies zeigt das wachsende Bewusstsein, dass Klimaschutz eine Frage des internationalen Rechts und der generationenübergreifenden Gerechtigkeit ist.

Ebenso gewinnt die Initiative für einen Fossil Fuel Non-Proliferation Treaty weltweit Unterstützung für einen koordinierten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen – unter Anwendung von Lehren aus der Atomwaffenabrüstung auf der Klimakrise.

Als Gesundheitsfachkräfte haben wir eine einzigartige Stimme. Wir verstehen, dass Prävention wirksamer ist als Behandlung und dass die menschliche Gesundheit von Frieden, Gerechtigkeit und einem lebenswerten Planeten abhängt.

Die Zeit ist gekommen, das Denken in Schubladen zu überwinden – Sicherheit hier, Klima dort, Gesundheit woanders. Gesundheit im 21. Jahrhundert zu schützen bedeutet, sowohl die Klimakatastrophe als auch die Atomkatastrophe zu verhindern. Die Gesundheitsgemeinschaft sollte eine entscheidende Rolle dabei spielen, beides zu erreichen.

Dieser Blogbeitrag ist ein Auszug des Vortrages von Dr. Angelika Claußen am 8. Juni 2026 auf dem Side Event der SB64 „Frieden und Klimagerechtigkeit: Emissionen, Finanzen und Gleichheit“ in Bonn.

Angelika Claußen ist Ärztin und Vorsitzende der deutschen Sektion der Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW).

3 Gedanken zu „Wie hängen Klimakrise, Atomwaffen, Gesundheit und Frieden zusammen?

  1. Lassen Sie es mich ganz sarkastisch sagen: Was der Leser aus diesem Beitrag erfährt, ist: “Krieg ist gesundheitsschädlich”. Alles andere sind nur Ausführungen zu diesem doch sicher allbekannten Sachverhalt. Und auch diese Ausführungen sind zumindest denen bekannt, die sich ein wenig damit befasst haben. Da frage ich mich schon: Meint die Autorin denn im Ernst, die Entscheider (d.h. Politiker und Militärs) wissen das nicht? So dass man allein durch die Bekanntgabe dieser Sachverhalte eine Änderung in deren Politik bewirken könnte?
    Es ist doch wohl so, dass die Politiker und Militärs bestens darüber Bescheid wissen, aber es ganz bewusst einkalkulieren. Welche Ziele die Staatenlenker verfolgen, und warum, das wäre etwas, was bisher in der Öffentlchkeit nicht (oder nur sehr tendenziös verfälscht) besprochen wird, aber notwendig wäre, um in der Sache voranzukommen.

    • IPPNW-Mitglieder führen seit Jahren regelmäßig Lobbygespräche mit ihren regionalen MdB’s: z.b. zur Frage, ob europäische Atomwaffen/ein europäischer Atomschirm wirklich notwendig sind, wie viele Sicherheitsexpert*innen und Politiker*innen behaupten. Siehe z.B. https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-02/atomschirm-europa-deutschland-frankreich-friedrich-merz-emmanuel-macron
      Unsere Erfahrung aus diesen Gesprächen ist, dass sehr viele Abgeordnete nicht mehr über ein Grundwissen zu Atomwaffen verfügen und dass sie keinerlei Ahnung haben, wie sich der Weiterverbreitungsvertrag zu Atomwaffen von 1970 (NVV) und dem Atomwaffenverbotsvertrag von 2021 (AVV) voneinander unterschieden. Manche, sogar Mitglieder des Verteidigungsausschusses, geben das sogar zu, die meisten allerdings nicht. In Gesprächen mit Militärangehörigen habe ich viel mehr an Verantwortung und natürlich auch Wissen erlebt. Ihnen sind die Gefahren sehr wohl bekannt, sie sind aber lediglich Ausführende einer Politik, die im Bundeskanzleramt und bei beiden Koalitionspartnern beschlossen wird.
      Von den Klimaauswirkungen eines Atomkriegs wissen die meisten Politiker*innen auch nichts. Ode, wie sehr die Bewohner*innen vieler pazifischer Inseln, wo tonnenweise Atomschrott der über 2000 Atomtests lagert, also die Marshall-Inseln (amerikanische Atomtests) oder die Inseln im Bereich von Franz. Guayana (französische Atomtests) bis heute an strahlenbedingten Erkrankungen wie Krebs und schwere Fehlbildungen leiden, die durch die radioaktive Strahlung während der Schwangerschaft entstanden sind.
      Ich würde mich freuen, wenn Sie einmal selbst Abgeordnete aus ihrem Wahlkreis aufsuchen würden und mit ihnen über das Für und Wider von einem europäischen Atomschirm sprechen und Ihre Erfahrungen mit uns teilen.

  2. Dieser Blog fasst schon gut zusammen, wie wir die weltweiten Bedrohungen zusammen sehen müssen und entsprechend handeln. Leider nur am Rande gesehen und nur indirekt erwähnt, dass auch ohne die kriegerische Explosion Atomwaffen tödlich und gesundheitlich schädlich sind, selbst hier in Europa. Vergessen sind z.B. die Kumpels im sächsischen und thüringischen ehemaligen Uranbergbaugebiete, die ihr Leben und Gesundheit zur Herstellung des radioaktiven Stoffes für die tödlichste Waffe, die wir kennen geopfert haben. Auch hier hält die Katastrophe in anderen Gebieten, vorwiegend in kolonialisierten Gebieten bis heute an. Was ebenfalls nicht erwähnt ist, dass rund um die pazifischen Atolle eine noch größere tödlichere Umweltkatastrophe durch den klimabedingten Anstieg des Meeresspiegels sich anbahnt, wenn die radioaktiven Hinterlassenschaften ungebremst sich ins Meer ergießt und unsere eigene Nahrungskette weiter radioaktiv verseucht. Atomwaffen töten und bedrohen uns nicht erst, wenn sie militärisch eingesetzt werden, die tödliche Gefahr ist sei über 80 Jahren, seit dem Beginn des atomaren Zeitalters, virulent und erfordert täglich Opfer, meist schon über Generationen hinweg.

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