
Logo der WHA: United States Mission Geneva / CC BY 2.0
Als medizinische Fachkraft werde ich oft gefragt: Warum sprechen Sie über Frieden und Klimagerechtigkeit? Weil Gesundheit nicht losgelöst von diesen Themen existiert. Krieg, Klimakatastrophe und Gesundheit sind eng miteinander verflochten, und wir sehen die Folgen jeden Tag. Dieser Gedanke steht auch im Mittelpunkt der Arbeit der IPPNW. (…)
Krieg tötet, verursacht physische und psychische Traumata, zerstört Gesundheitssysteme und ruiniert Lebensgrundlagen. Gleichzeitig verschärft Krieg die Klimakrise: Militärs verursachen enorme CO₂-Emissionen, zerstören Ökosysteme und verschmutzen Wasser, Boden und Luft. Die Klimakrise wiederum verstärkt Unsicherheit, Vertreibung und politische Instabilität und wird so zu einem Auslöser gewaltsamer Konflikte. Gewaltsame Konflikte erschweren dann wiederum die Anpassung an den Klimawandel.
Klimakatastrophe und Krieg verstärken sich gegenseitig – immer auf Kosten der menschlichen Gesundheit. Und während diese Krisen eskaliert sind, beliefen sich die weltweiten Militärausgaben im vergangenen Jahr auf 2,7 Billionen US-Dollar, während Klimaschutzmaßnahmen und Gesundheitssysteme nach wie vor dramatisch unterfinanziert sind. Dieser Betrag entspricht dem 17-Fachen der Gesamtkosten für die weltweiten COVID-19-Impfstoffe. Das ist das 750-Fache des regulären Haushalts der Vereinten Nationen für 2024. Erst heute morgen hat die „Lancet-Kommission für Gesundheit, Konflikte und Zwangsvertreibung“ dargelegt, dass die Kosten für die Deckung der lebenswichtigsten Bedürfnisse (23 Milliarden US-Dollar) weniger als 1 % der weltweiten Militärausgaben betragen.
Deshalb müssen wir Friedensarbeit und Klimaschutz miteinander verbinden und gemeinsam für die Gesundheit eintreten. Wir können so viel voneinander lernen, und unsere Kämpfe sind nicht so unterschiedlich, wie es vielleicht scheint. Medizinische Fachkräfte spielen dabei eine einzigartige Rolle. Wir sind nicht nur Pflegekräfte an vorderster Front – wie zum Beispiel „Ärzte ohne Grenzen“. Wir sind auch Wissenschaftler*innen. Ein Beispiel ist die Forderung nach aktualisierten WHO-Berichten zu den „Auswirkungen eines Atomkriegs auf Gesundheit und Gesundheitsdienste“ und zu den „Gesundheits- und Umweltauswirkungen von Atomwaffen“, die erst letztes Jahr auf der 78. Weltgesundheitsversammlung verabschiedet wurden. Und nicht zuletzt sind wir auch Fürsprecher und vertrauenswürdige Stimmen in der Gesellschaft.
Bei der IPPNW arbeiten wir mit dem Konzept „Medical Peace Work“ – es verbindet Gesundheitsversorgung, Gewaltprävention und Friedensförderung. Medical Peace Work ist eine Denkweise, ein Aufruf zum Handeln und eine Form der Bildung. Dies kann durch Forschung, Workshops, Kampagnen, Vorträge geschehen – oder einfach durch die Art und Weise, wie wir unsere tägliche Arbeit und unsere Interaktionen gestalten.
Im Medizinstudium und anderen Ausbildungen im Gesundheitswesen liegt der Schwerpunkt meist auf der akuten Patientenversorgung, und es bleibt kaum Zeit für die Frage: Warum ist das passiert? Und noch weniger für die Frage, ob sich die Ursachen ändern lassen. Deshalb müssen wir jungen Fachkräften im Gesundheitswesen vermitteln, dass die Welt sehr wohl veränderbar ist – ich würde sogar sagen, dass es unsere Pflicht ist, sie zu verändern.
Und eine wichtige Lektion lautet: Wir können das nicht alleine schaffen. Wir stehen vor komplexen und miteinander verflochtenen Krisen. Es gibt keine einfachen oder schnellen Lösungen. Wir können – und sollten – sie nicht an einem einzigen Tag lösen, und wir können sie nicht mit denselben Ansätzen lösen, die überhaupt erst zu ihrer Entstehung beigetragen haben. Wir brauchen Zusammenarbeit über Berufsgruppen, Generationen, Länder und Bewegungen hinweg. Und wir brauchen den Mut, Systeme zu überdenken und Narrative in Frage zu stellen.
Ich möchte an dieser Stelle unbedingt hervorheben, dass es weltweit so viele mutige Aktivist*innen gibt, die sich unermüdlich dafür einsetzen, manche unter gefährlichen Bedingungen oder unter Androhung rechtlicher Konsequenzen. Ich erwarte nicht, dass Aktivist*innen – die fast immer unentgeltlich arbeiten – die größten Krisen der Welt lösen müssen: Es braucht gemeinsame Verantwortung! Es geht darum, wer aktiv ist, wer zuhört – und das ist eine Entscheidung.
Doch trotz der Herausforderungen (…) gibt es auch Erfolge. Sowohl die Klimakrise als auch Kriege haben starke Gegenbewegungen hervorgebracht, die sich auf rechtliche Rahmenbedingungen stützen können. Der Vertrag über das Verbot von Atomwaffen (AVV) hat gezeigt, dass internationale Zusammenarbeit auch in Zeiten zunehmender Militarisierung und der Schwächung international bindender Verträge noch möglich ist.
Zudem bringen immer mehr zivilgesellschaftliche Gruppen und Fachleute aus dem Gesundheitswesen diese Themen in den politischen und öffentlichen Raum. Als junger Mensch, der noch viel Zukunft vor sich hat, sind einige dieser Gespräche ziemlich beängstigend, aber sie sind notwendig. Und heute hier zu sein, ist Teil dieses Fortschritts. (…)
Wir müssen aufhören, so zu tun, als ob das Herumlaufen in der Notaufnahme und die ganztägige Behandlung von Symptomen die Ursache heilen würden. Bildlich gesprochen haben wir eine Patientin mit Multiorganversagen, und diese Patientin ist die Welt. Wir müssen den Fokus von der akuten Symptomkontrolle auf Präventionsmaßnahmen verlagern. Wir müssen verhindern, was wir nicht heilen können.
Ich ermutige Sie, sich für Frieden, Klima und Gesundheit einzusetzen – in der Ausbildung Bildung, in der Praxis und in Ihren Entscheidungen. Und ich ermutige Sie, die verflochtenen Probleme in ihrer Komplexität zu anzugehen. Wir müssen sie zusammen lösen.
Stella Ziegler (IPPNW) sprach am 20. Mai 2026 auf der Weltgesundheitsversammlung in Genf bei dem Event “Climate crisis, peace, and the rights to health and to a healthy environment”. Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus ihrem Statement.
Die Verbindungen und gegenseitigen Einflüsse der verschiedenen negariven Entwicklungen ist sehr wichtig und ist gerade für eine Organisation wie die
IPPNW geradezu Pflicht. Schön, wie das hier dargestellt wurde. Nur so werden wir zu einer stärkeren Bewegung werden.