Zeichen für Völkerverständigung und friedliches Zusammenleben

Frauen in Gwardeisk unterstützen die Social-Media-Kampagne "We refuse to be enemies". Alexander Steffens (IPPNW) in der zweiten Reihe. Foto: privat

Frauen in Gwardeisk (Russland) unterstützen die Social-Media-Kampagne „We refuse to be enemies“.  Foto: privat

Am 21. August 2016 ist unser Friedenskonvoi bestehend aus über 70 Fahrzeugen nach insgesamt zwei Wochen und etwa 4.200 zurückgelegten Kilometern wieder am Brandenburger Tor eingetroffen. Unsere Reise hat uns durch Polen, die russische Exklave Kaliningrad und das Baltikum in das russische Kernland geführt, wo wir neben unserem Zielort Moskau auch die Städte Pskov, St. Petersburg, Twer und Smolensk besucht haben. Die Rückfahrt führte uns anschließend noch durch die Städte Minsk und Warschau.

Die Initiative der Fahrt stammte von Prof. Rainer Rothfuss, der sich an der Universität Tübingen mit Geopolitik und Feindbildgenese befasst hat. Die Idee ist, den Menschen in Russland und in den Ländern entlang der Reiseroute im Sinne der Völkerfreundschaft zu begegnen, Vorurteile abzubauen und gemeinsam ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben als Nachbarn in Europa zu setzen. Der Fokus lag dabei auf Russland, da im Rahmen der Ukraine-Krise das Feindbild Russland durch Politik und Leitmedien wiederentdeckt wurde –  insbesondere in Form der Personifikation des Feindbildes auf den Präsidenten Wladimir Putin. Ausdrücklich wurden jedoch auch alle weiteren bereisten Länder Polen, die baltischen Staaten und Belarus eingeladen, ein gemeinsames Zeichen für Völkerverständigung und ein friedliches Zusammenleben zu setzen. Ohnehin hoffen wir, dass diese Friedensfahrt vielleicht zu ähnlichen Initiativen in andere Zielländer motivieren wird.

Der Friedensaktivist Owe Schattauer hat die Idee von Prof. Rothfuss aufgegriffen und beide haben sich gemeinsam an deren Umsetzung gemacht. Es entstand eine kleines Organisationsteam über die Sozialen Medien wie Facebook und die Idee wurde vor allem von bekannten Internetnachrichtenportalen wie KenFM und Free21 weiterverbreitet. Mitfahren und mitplanen konnte jeder Interessierte, sodass letztlich ein buntes Bild von 235 Teilnehmern aus verschiedensten Berufsgruppen mit einer Altersspanne von 5 bis über 70 Jahren entstand. Die Teilnehmer waren dabei keiner Organisation verpflichtet, sondern als Privatpersonen eigenverantwortlich und -finanziert unterwegs.

Auf der Fahrt gab es Treffen mit Bürgermeistern, offiziellen Vertretern von Städten und Regionen und Schulen. Es wurden Pressekonferenzen veranstaltet und es gab Kranzniederlegungen mit gemeinsamen Gedenken der Opfer und Leiden der beiden großen Kriege des letzten Jahrhunderts. Es wurden Konzerte und Benefizveranstaltungen für und mit uns organisiert und veranstaltet. Auch ein Einblick in das russische Dorfleben konnte nach Einladung in den kleinen Ort Utorgosh (zwischen St. Petersburg und Twer) bei einem gemeinsamen Fest erlebt werden. Dies alles war nur durch persönliche Initiativen und Kontakte von Mitfahrern und Unterstützern nach Russland und in die anderen Länder möglich.

Persönliche Eindrücke und Erfahrungen:
Überwältigend war für mich, die Gastfreundschaft der russischen Bevölkerung zu erleben. Wo wir auch hinkamen, wir wurden mit offenen Armen empfangen. Oft wurde uns symbolisch Brot und Salz zur Begrüßung gereicht. Es war wunderbar zu erleben, dass man uns als Nachbarn im gemeinsamen Haus Europa begrüßt hat. Oft wurden wir alle mit russischer Küche verpflegt, es wurden Volkslieder und Volkstänze aufgeführt. Es wurde gemeinsam gesungen, getanzt und gelacht. So waren trotz aller sprachlicher Barrieren wunderbare Begegnungen und Verständigung möglich.

Am tiefsten berührt hat mich auf der langen Reise das Gedenken der Schrecken, Leiden und Tragödien, die sich in den bereisten Ländern in den Kriegen des letzten Jahrhunderts zugetragen haben. Ich wurde lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. In der Schule, aus Büchern oder Dokumentationen habe ich viel darüber erfahren. Durch diese Reise ist mir jedoch erstmals bewusst geworden, mit welcher Distanz ich diese Ereignisse bisher betrachtet habe. In Russland ist das gemeinsame Gedenken und Erinnern an die Schrecken des Krieges tief im Bewusstsein und in den Herzen der Menschen verankert. Die Millionen von Opfern unter Soldaten und Zivilisten im 2. Weltkrieg bzw. im Großen Vaterländischen Krieg betrafen so gut wie jede russische Familie. Allein der Anblick der Massengräber in Petersburg, wo beinahe 500.00 Tote aus der Zeit der Belagerung Leningrads begraben liegen, war in den Dimensionen des Leids und der Trauer nicht mehr zu fassen. Allerorts gibt es Gedenkstätten mit den Namen von Gefallenen und zivilen Opfern. An vielen Mahnmalen brennen ewige Feuer. Am Grabmal des unbekannten Soldaten in Petersburg wird ununterbrochen eine Totenwache gehalten. Es ist üblich das Veteranen in Schulen den Kindern von Kriegserfahrungen erzählen.

All dies zu erleben oder zu erfahren hat in mir ein lebendiges Gefühl für die leidvolle Geschichte der vergangenen Kriege wach werden lassen. Ich denke, dass eine lebendige Erinnerung daran die beste Voraussetzung dafür ist, alles daran zu setzen, dass sich derartiges nie wieder ereignet! In dieser Beziehung habe ich sehr viel von den Menschen, denen ich in Russland begegnet bin, gelernt und ich denke, dass gerade der jüngeren Generation in Deutschland die Erfahrung des gemeinsamen Gedenkens oder Erinnerns heute fehlt.

Besonders erstaunlich war für mich, dass trotz des Besuches so zahlreicher Kriegsdenkmäler, nirgendwo auch nur eine Spur von Feindseligkeit von Seiten der einheimischen Menschen zu spüren war. Bei dem unvorstellbaren Leid, das der Überfall der Wehrmacht über das sowjetische Russland gebracht hat, wäre Misstrauen und vielleicht sogar Hass gegenüber Deutschen für mich durchaus nicht verwunderlich gewesen, doch nichts dergleichen habe ich erlebt. Ich wurde von Menschen jeden Alters umarmt, auch von der älteren Generation. Ein alter Mann zeigte mir stolz ein Foto seines deutschen Freundes, den er in den 70er Jahren besucht hatte und zu dem der Kontakt leider abgebrochen ist. Er wollte gerne Fotos mit mir machen und hat mich als seinen Freund bezeichnet. Eine alte Frau erzählte, dass sie selbst als kleines Kind in Russland den Krieg erlebt hatte. Sie habe erlebt wie deutsche Soldaten Kindern Schokolade gegeben haben, aber auch wie sie alte Menschen auf der Straße erhängt hätten. Sie sagte, dass sie froh sei, nun endlich die guten Deutschen kennenzulernen. Nach derartigen Erfahrungen, habe ich keinen Zweifel an dem tief verankerten Friedenswillen der Menschen in Russland und an dem Wunsch als Teil Europas in guter Nachbarschaft miteinander zu leben. Dieser Wunsch ist, denke ich, in Deutschland nach den Erfahrungen der beiden Weltkriege ebenso tief verwurzelt. Es bleibt zu hoffen und auch zu fordern, dass die Politik auf welcher Seite auch immer den Wünschen der Menschen entspricht.

IPPNW-Social-Media-Kampagne „We refuse to be enemies“
Während der gesamten Reise habe ich die Social Media Kampagne „We refuse to be enemies“ der IPPNW unterstützt. An allen Reisestationen habe ich Menschen fotografiert, die bereit waren, sich für diese Aktion ablichten zu lassen. Häufig hatte ich dabei Unterstützung von russischsprachigen Teilnehmern der Fahrt, was mir wiederum zahlreiche besondere, wenn auch meist recht kurze Begegnungen ermöglichte. Die Resonanz auf diese Kampage war dabei sehr positiv. Der politische und mediale Druck der momentan von Seiten „des Westens“ gegenüber Russland aufgebaut wird, ist den meisten Menschen vor Ort mehr als bewusst und die Botschaft von der Kampagne wurde als wohltuend empfunden und vielfach unterstützt. Besonders gefreut haben sich die wenigen ukrainisch-sprachigen Unterstützer denen ich begegnet bin, die ihre Aktion auch auf ukrainisch unterstützen konnten.

Gerade bei den Kranzniederlegungen an den Mahnmalen für Kriegsopfer bewegte sich die Unterstützung der Kampagne wie auch die gesamte Friedensahrt auf einem schmalen Grat zwischen angestrebter Medienwirksamkeit und respektvollem Gedenken. Vor Ort war die Resonanz stets sehr positiv. Ich hoffe sehr, dass das Auftreten der Friedensfahrer vor allem von russischer Seite als angemessen empfunden wurde. Die Menschen in Russland wollen nicht in unsere Feinde sein, es ist kaum nötig die ;enschen vor Ort zu bitten dieses Zeichen zu setzen. Diese Rolle wird Russland von außen aufgedrängt. Ein Feindbild „Westen“ ist dagegen weitgehend unbekannt. Es war sicher wertvoll, so viele Menschen in Russland für die Kampagne zu gewinnen.

Entscheidend bleibt für mich jedoch, dass sich noch mehr Menschen in unserem Land, in der EU, in den USA dem neuen alten Feindbild Russland wiedersetzen, denn hier wird es erneut aufgebaut. Diesen Prozess müssen wir versuchen wieder umzukehren und unabhängig von jeder Politik Begegnungen, Zusammenarbeit und Friedensinitiativen auf Bevölkerungsebene ermöglichen. Die Friedensfahrt nach Moskau war ein Versuch diese Idee zu fördern. Viele weitere Brücken dieser Art müssen allerdings noch gebaut oder erweitert werden, denn mehr als 25 Jahre nach Ende dem Fall des Eisernen Vorhangs, nimmt die Kriegsgefahr in Europa wieder bedrohlich zu. Eine Gefahr die wie gewohnt wenige Menschen in Machtpositionen gegen die Interessen der allgemeinen Bevölkerung schüren. Dem müssen wir uns aktiv verweigern!

Alexander Steffens ist IPPNW-Mitglied und war Teilnehmer der Friedensfahrt.

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