Zwischen Extremen – ein Besuch in Indien und Pakistan

Im Nachtzug von Delhi nach Mumbai mit einigen indischen Studierenden

Im Nachtzug von Delhi nach Mumbai mit einigen indischen Studierenden. Foto: © Franca Brüggen

Ende März veranstaltete die indische IPPNW (Indian Doctors For Peace And Development – IDPD) ein internationales Seminar in Delhi zum Ächtungsvertrag für Atomwaffen, mit dem Anspruch, auch Studierende einzubinden. Daher luden sie Kelvin Kibet aus Kenia und mich, als derzeitige, internationale Studierendensprecher ein, um vor Ort einen Workshop zu leiten. Da wir einen ganzen Vormittag Zeit hatten, hatten wir uns viel vorgenommen: Ich stellte die Hibakusha-Ausstellung („Hibakusha Worldwide“) vor, Kelvin leitete eine Brainstorm- Session zur Strategie der Jugend in der IPPNW, auch die indischen Studierenden hatten Vorträge vorbereitet und zum Schluss hatten wir noch eine Übung zum Thema Lobbying vorbereitet.

Die 30 Studierenden aus den verschiedensten Teilen Indiens erwiesen sich als ideenreich und engagiert. Sie hatten verschiedene Wege gefunden, um das Thema nukleare Abrüstung für junge Leute fassbarer zu machen: durch Gedichte, Songs oder sogar eine Fashion-Show zum Thema. Ihre Kreativität begeisterte uns.

Die TeilnehmerInnen des IDPD Seminars "The Landmark Treaty Prohibiting Nuclear Weapons" Seminars

Die TeilnehmerInnen des IDPD Seminars „The Landmark Treaty Prohibiting Nuclear Weapons“ Seminars. Foto: © IDPD

Nach dem Seminar verbrachten wir noch drei Tage in Nashik, um auch hier weitere Workshops zu leiten. An einem Tag sprachen wir vor über 400 Zuhörern – an einer High-School und an der Fakultät für Medizin und Ingenieurswesen.

Aber mit dieser inspirierenden Woche in Indien war unsere Reise noch nicht beendet – wir wollten auch die pakistanische IPPNW (Pakistan Doctors for Peace and Development) besuchen. Unser Besuch bekam besondere Bedeutung als klar wurde, dass die pakistanische Delegation kein Visum für die Teilnahme an dem Seminar in Delhi bekommen hatte. Da auch Kelvin das Visum nicht rechtzeitig bekam, flog ich alleine. Ich wohnte bei Dr. Rauf in Multan und anschließend für zwei Tage beim Vorsitzenden der pakistanischen IPPNW, Dr. Tipu in Karachi.

Workshop in Multan

Workshop in Multan (Pakistan). Foto: © Franca Brüggen

In Multan hatte ich auch die Möglichkeit, zu Studierenden zu sprechen. Sie waren sehr viel vorsichtiger.  Der Gedanken, sich als Medizinstudenten für Frieden und Abrüstung einzusetzen war ihnen noch fremd. Daher sprach ich das Thema Atomwaffen nicht direkt an, sondern wählte einen eher allgemeineren Zugang zur Friedenarbeit und orientierte mich dabei an den ersten Kapiteln des „Medical Peace Work Kurses“. Der Vorsitzende des Colleges lud uns nach meinem Vortrag zu sich ein und schien sehr an unserer Arbeit interessiert. Er erläuterte, dass das Thema nukleare Abrüstung in Pakistan sehr heikle sei. Und doch erachte er medizinische Friedensarbeit gerade in Pakistan für sehr wichtig. Er schlug vor, eine Gruppe zu gründen, die an dem „Medical Peace Work Kurs“ online teilnimmt.

Treffen mit Mr. Sheikh

Treffen mit Mr. Sheikh, dem ehemaligen Vorsitzenden des pakistanischen Wirtschaftsausschusses. Foto: © Franca Brüggen

Während meiner Reise führten wir auch angeregte Debatten mit Geschäftsleuten –  z. B. mit ehemaligen Vorsitzenden des pakistanischen Wirtschaftsausschusses, Mr. Sheikh. Er vertrat eine sehr ambivalente Meinung. Einerseits beschrieb er das Bevölkerungswachstum, mangelnde Bildung und Arbeitslosigkeit als die drei größten Probleme des Landes, andererseits rechtfertigte er die hohen Militärausgaben, als notwendig – angesichts der ständigen Bedrohung durch Indien. Dr. Tipu bezeichnete die Atomwaffen in der Region als „Islamic and Hindu Bombs“ und erklärte mir, dass die Atombombe weit mehr als nur militärische Stärke symbolisiert: es gäbe Stimmen die die sagen, wer sich gegen die Nuklearmacht Pakistans engagiert, ist auch gegen die internationale Anerkennung der islamischen Republik. Ich erlebte wie schwierig und kompliziert es ist, in diesem Kontext für nukleare Abrüstung einzutreten.

Pakistan ist ein Land, das zwischen Extremen pendelt: auf den Straßen sieht man Eselkutschen und SUVs nebeneinander. Ich habe selbständige emanzipierte Frauen kennengelernt und von Zwangsheiraten und Vergewaltigungen in der Zeitung gelesen. Philanthropie ist auch für die einfache Bevölkerung alltäglich, aber ebenso gegenwärtig sind Waffen und Gewalt. Dank der liebevollen Gastgeber habe ich mich insgesamt aber sehr wohl gefühlt – in einem Land, das mir vorher so fremd war und in gewisser Weise wohl auch bleiben wird – trotz all der schönen Begegnungen.

Franca Brüggen ist internationale Studierendensprecherin der IPPNW.

Ein ausführlicher Beitrag von France Brüggen in Englisch ist auch auf dem IPPNW-Peace-and-Health-Blog erschienen unter: peaceandhealthblog.com/2018/04/24/insight-into-pakistan/