
Foto: włodi / CC BY-SA 2.0 (Symbolbild)
Rede von Ute Rippel-Lau zum Veteranentag in Hamburg
Das Kriegsende am 8. Mai 1945, der Tag der Befreiung, ist immer noch kein Feiertag, aber wir haben seit diesem Jahr einen neuen Gedenktag, den Veteranentag. Veteranen sind alle, die in der Bundeswehr „gedient“ haben, sei es als Wehrpflichtige, Freiwillige oder Zeitsoldat*innen, insgesamt etwa eine Million Personen. Zivildienstleistende gehören nicht dazu. Wo werden diejenigen, die Dienst an alten kranken und behinderten Menschen geleistet haben, eigentlich geehrt?
Der Bundestag hat im April letzten Jahres den Veteranentag mit großer Mehrheit beschlossen.Heute wird dieser Tag mit einem militärischem Appell zur Leutnantsbeförderung auf dem Hamburger Rathausmarkt öffentlich gefeiert. Hamburgs Bürgermeister Tschentscher, Verteidigungsminister Pistorius und die Bundeswehr-Uni laden anschließend zu einem Empfang im Rathaus ein. In Berlin ist ein zentrales Fest vor dem Reichstag geplant.
Warum das alles?
Offiziell heißt es, es gehe um die Sichtbarmachung von Veteranen in der Gesellschaft, um Respekt und Anerkennung ihrer Leistungen, insbesondere der Gefallenen und Wehrdienstbeschädigten. Doch passt das zu einem Volksfest? In den letzten Jahren wurde der im Auslandseinsatz ums Leben gekommenen Soldatinnen u. Soldaten zusammen mit den Kriegstoten beider Weltkriege am Volkstrauertag im November gedacht. An diesem Trauertag standen die Flaggen immer auf Halbmast.
Worum es eigentlich geht, wird klar, wenn man die politische Entwicklung in unserem Land spätestens seit der sogenannten “Zeitenwende“ betrachtet. Ein Mentalitätswechsel in Bundeswehr und Gesellschaft werden gefordert.Mit einer Reihe von Gesetzen, wie der nationalen Sicherheitsstrategie, den Rahmenrichtlinien Gesamtverteidigung und dem Operationsplan Deutschland findet in den letzten Jahren eine zunehmende Militarisierung aller gesellschaftlichen Bereiche statt, verbunden mit einer beispiellosen Aufrüstung. Gleichzeitig soll die Bundeswehr um 60 000 Soldaten aufgestockt werden. Diese Rekrutierung wird kaum ohne eine erneute Reaktivierung der Wehrpflicht zu erreichen sein.Mit Militärritualen wie heute auf dem Rathausplatz soll die Bundeswehr laut den neuen verteidigungspolitischen Leitlinien vor allem in der Zivilgesellschaft das Verständnis für die „Wehrhaftigkeit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ fördern. dazu gehöre auch eine „aktive Veteranen-und Gefallenenkultur“ und „Kriegstüchtigkeit als Handlungsmaxime“ und weiter: „Soldatinnen und Soldaten, die den Willen haben, unter bewußter Inkaufnahme der Gefahr für Leib und Leben das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“ Unser Protest richtet sich gegen diese in Deutschland nach zwei Weltkriegen überwunden geglaubte militärische Mentalität. Wir wenden uns gegen jede Heroisierung von Kriegen.
Nach der Erfahrung aus unserer Geschichte ist nicht Kriegstüchtigkeit, sondern die Vermittlung von Friedensfähigkeit unsere Aufgabe. Unser Protest richtet sich nicht gegen einzelne Menschen, die der Bundeswehr angehören oder sich mit der Rolle als Veteranen identifizieren.
Wir kritisieren die Politik, die junge Menschen in sinnlose Kriege wie den Afghanistan-Einsatz schickt. Und wir kritisieren die Bundeswehr für ihre mangelhafte Sorge für die im Einsatz verletzten Soldatinnen und Soldaten und für die hinterbliebenen Familien.
Besonders Soldatinnen und Soldaten mit psychischen Traumatisierungen haben es schwer, diese als sogenannte „Wehrdienstbeschädigung“ anerkannt zu bekommen. Die Beurteilung erfolgt in der Regel durch den Arbeitgeber Bundeswehr selbst und nicht durch einen unabhängigen Gutachter.Die Verfahren ziehen sich oft über lange Zeit hin und die Überprüfung ist häufig retraumatisierend für die Betroffenen.
Viele Afghanistan-, aber auch Balkan-Veteranen leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung, die sich vielfach erst mit zeitlicher Verzögerung zeigt. Tagesereignisse, wie zum Beispiel eine Nachrichtenmeldung aus einem Kriegsgebiet können zu einem Flash-back führen. Die Betroffenen durchleben das traumatische Erlebnis wie in einer Endlosschleife immer wieder. Einige werden arbeitsunfähig und benötigen eine jahrelange psychische Rehabilitation.
Suizide erfasst die Bundeswehr nur bei aktiven Soldatinnen und Soldaten. Suizide als psychische Spätfolgen tauchen dagegen in keiner Statistik auf.Von ehemaligen Vietnamkriegsveteranen weiß man, dass die Zahl derer, die sich selbst das Leben nahmen höher ist, als die der damals im Krieg Getöteten.
Die Menschen, die in Kriegseinsätzen körperlich verletzt oder psychisch traumatisiert wurden, brauchen solidarische Hilfe, in erster Linie eine gute gesundheitliche Versorgung und eine angemessene Entschädigung. Ein Veteranentag mit Lobesreden hilft diesen Menschen wenig.
Ute Rippel-Lau ist Ärztin aus Hamburg und IPPNW-Mitglied.

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