Alles Gute zum Geburtstag, Verbotsvertrag!

IPPNW- und ICAN- Aktionstage in Büchel 2021

IPPNW- und ICAN- Aktionstage in Büchel 2021

Ich möchte Sie in ein anderes Land und eine andere Zeit führen. Es ist das Jahr 1958 – eine Zeit, bevor es Mobilfunk gab. Gerade war der erste Satellit in die Umlaufbahn gebracht worden und er war russisch. Das sorgte im Westen für Nervosität. Es war die Hochzeit des Kalten Krieges.

US-General Putt erscheint vor dem House Committee on Armed Services und erklärt seinen Plan: Eine Basis mit Atomwaffen auf dem Mond zu bauen. Dann könnten die USA, obwohl ihre auf der Erde stationierten Atomwaffen durch einen sowjetischen Angriff ausgeschaltet worden sind, immer noch zurückschlagen: „Mutually Assured Destruction“ – „Gegenseitig zugesicherte Zerstörung“. Es gibt nichts mehr zu rächen, aber die ganze Welt wird mit ins Grab gezogen. Wenn die Sowjets dies verhindern wollten, müssten sie zwei Tage früher Raketen zum Mond schicken, was den USA eine Warnung wäre.

Aber dann kommt die Frage: „Werden die Sowjets dann nicht auch eine Basis im Weltraum bauen?“ Wo würde das Wettrüsten enden, wäre das nicht Wahnsinn? Der General dachte darüber nach und entschied: „Dann sollten wir auch Basen auf dem Mars und der Venus bauen!“

Dies ist keine ausgedachte Geschichte.

Ein Wettrüsten ist Wahnsinn. Es zweckentfremdet Personal und Ressourcen und lenkt von wichtigen gesellschaftlichen Themen ab. Deutschland erwägt den Kauf von F-18 Kampfbombern, um weiterhin Atomwaffen abwerfen zu können. Kosten: 7,5 Milliarden Euro, und das ist eine konservative Schätzung. Das ist Geld, für das Sie 25.000 Ärzte, 60.000 Krankenpfleger pro Jahr bezahlen und 100.000 Betten auf der Intensivstation und 30.000 Beatmungsgeräte finanzieren könnten. Stattdessen wurde inmitten einer Pandemie noch nie so viel Geld für Atomwaffenarsenale ausgegeben: 72,6 Milliarden Euro. Wie viele Menschen könnten Sie mit diesem Geld impfen?

Das Wettrüsten macht unsere Welt auch gefährlicher. Die Abrüstungsorganisationen ICAN und IPPNW erhielten für ihr Engagement zur Abschaffung der Atomwaffen den nach Alfred Nobel benannten Nobelpreis. Nobel hatte so große Angst vor der Sprengkraft seiner Erfindung, dem Dynamit, dass er prophezeite, dass kein Land mehr in den Krieg ziehen würde. Doch das Gegenteil trat ein. Die Menschheit hat noch verheerendere Waffen hergestellt. Die schrecklichen Folgen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki haben den Bau der Wasserstoffbombe nicht verhindert. Das Wettrüsten ist nicht zu gewinnen und macht das Konfliktrisiko umso gefährlicher. Dennoch geht das Wettrüsten noch immer weiter.

Großbritannien will zum Beispiel sein Atomwaffenarsenal um 40 % erweitern, was gegen den Atomwaffensperrvertrag verstößt. Und die Basis auf dem Mond wurde nie gebaut, wohl aber sind die sogenannten Teilhabestaaten hinzugekommen: US-amerikanische Atombomben verstoßen in mehreren europäischen Ländern gegen den Atomwaffensperrvertrag. In Italien, in den Niederlanden, meiner Heimat, in Belgien und hier in Büchel. Hier sind etwa 20 dieser Massenvernichtungswaffen stationiert, die offiziell B61-11 genannt werden. Der Sprengkopf befindet sich nicht in einer Rakete, sondern die Bomben müssen von einem einem deutschen Piloten aus dem Flugzeug abgeworfen werden, sobald der US-Präsident dies befiehlt. Dies wird im Fachjargon als „Nukleare Teilhabe“ bezeichnet. Und auch hier nimmt das Wettrüsten Gestalt an. Das Wort „Modernisierung“ ist eigentlich der falsche Begriff, es handelt sich um neue Atombomben, die B61-12. Ihr modernes Heck ermöglicht noch präzisere Landungen, mit ihrem einstellbaren Sprengkopf ist sie für mehrere Zwecke „geeignet“. Damit wird die Schwelle zum Einsatz der Waffe gesenkt. Über die Kosten werde ich besser nicht reden, Ihnen ist wahrscheinlich sowieso schon schwindelig. Auf jeden Fall war die Gefahr eines Atomkrieges nie größer: Die Doomsday Clock wurde Anfang des Jahres von Wissenschaftler*innen auf 100 Sekunden bis Mitternacht gestellt.

Sie haben schon ein paar Mal vom Atomwaffensperrvertrag gehört. Ein wichtiger Vertrag, aber nach mehr als fünfzig Jahren hat er wenig erreicht. Es gibt keine nukleare Abrüstung mehr, aber es gibt Proliferation!

Deshalb treten wir in Aktion! Wir müssen Gegendruck erzeugen. Wir müssen unseren Regierenden zeigen, dass Angst, Misstrauen und Hass uns nicht schützen.
Wir sind keine Hippies oder eine Jugend, die nach einer bisschen Zerstreuung sucht. Gegen Atomwaffen zu sein, ist weder links noch rechts. Was auch immer die Ideologie aussieht: Wir teilen ein gemeinsames Ziel: In Sicherheit zu leben, frei von Zerstörung, Schäden oder Krankheiten durch Massenvernichtungswaffen.

Die Regierenden können Sie am 26. September neu wählen. Belgien hat bereits eine vielversprechende Regierung, wir in den Niederlanden warten noch auf die Regierungsbildung. In den Niederlanden haben wir, die NVMP Ärzte für den Frieden, PAX, IALANA, Pugwash und Mayors for Peace, allen Parteien dringende Empfehlungen gegeben. Darunter: den Abzug der Atomwaffen und den Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag. Während der Wahlen zeigte unser Wahlleitfaden, welche Stimme eine Stimme für eine atomwaffenfreie Welt wäre. Der Atomwaffenverbotsvertrag, heute vier Jahre alt geworden, ist viel mehr als ein Stück Papier. Es ist der letzte fehlende Vertrag zum Verbot von Massenvernichtungswaffen und ist auch ohne die Atomwaffenstaaten eine starke moralische Botschaft. Auf Druck der Niederländer nahm die Regierung an den Verhandlungen in der UNO teil, wagte aber als Nato-Mitglied nicht, für den Vertrag zu stimmen.

Gemeinsam haben wir Macht. Es geht um unsere Zukunft! Und wir müssen sicherstellen, dass wir nicht ignoriert werden können. Dies sollte ein Thema bei Ihren Wahlen sein. Jeder Deutsche sollte wissen, was hinter diesen Zäunen kein Zuschauer tolerieren kann. Und ich möchte Sie einladen, zur Teilnahme an einer Protestaktion gegen Atomwaffen am 25. September in Volkel in den Niederlanden und am 26. September in Kleine Brogel in Belgien. Denn Büchel ist schließlich kein Einzelfall und die Folgen sind länderübergreifend. Lasst es uns zu einem großen Fest machen! Der beste Widerstand gegen diese nur einen Steinwurf entfernten Massenvernichtungswaffen, die jeden Moment alles beenden könnten, ist, das Leben zu feiern. Alles Gute zum Geburtstag, Verbotsvertrag!

Dirk Hoogenkamp ist europäischer Studierendensprecher der IPPNW. Er lebt in den Niederlanden. Die Rede hielt er am 7. Juli 2021 auf dem Aktionscamp in Büchel anlässlich des 4. Geburtstages des Atomwaffenverbotsvertrages.