Bildungsprojekte in Diyarbakir

Teetrinken im Lehrerzimmer der Musikschule, Foto: IPPNW

Am Samstag besuchen wir die bisherigen Räume des ZAN-Instituts, das aus Sarmaşik, der Tafel von Diyarbakir, hervorgegangen ist und dessen Leiter Cihat. Diese Räume konnten sie mietfrei nutzen, bis der Eigentümer in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und die Wohnung verkaufen musste. Nun renovieren sie ein Haus im Stadtteil Sur, das sie zunächst mietfrei nutzen können und sind sehr froh darüber.

Als wir ankommen, treffen wir neben Cihat mehrere junge Mädchen beim Lernen. Es gibt in der Wohnung drei Räume und eine Küche. Das Institut wird von KIME gefördert, der Kinderhilfe Mesopotamien aus Deutschland, die auch die Kinderhilfe von Sarmaşik unterstützt hat. Bei Sarmaşik wurden bis zu 280 Kinder und einige Studierende mit Stipendien unterstützt. Das ZAN vergibt zurzeit vierzig Stipendien an Schüler*innen bis zur Hochschulreife. Zehn Studierende werden über Patenschaften gefördert.

Die Kinder kommen meist aus Sur, oft aus Familien mit nur einem Elternteil. Oft sind die Väter gefallen oder sitzen im Gefängnis. 70 Prozent der Kinder sind weiblich. Aus Kapazitätsgründen kann nur ein Kind aus einer Familie aufgenommen werden. Die meisten Familien akzeptieren es, wenn eine Tochter anstatt eines Sohns ausgewählt wird. Das Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit in den Familien, besonders bei den Müttern, habe sich mit den Jahren entwickelt, erzählt man uns.

Später besuchen wir die Musikschule, die von Herbert Schmalstiegs Freundeskreis Hannover-Diyarbakir und von JANUN aus Hannover unterstützt wird: Cihat hat für uns den Kontakt zu Ruken, der Leiterin, hergestellt und begleitet uns in den Teil von Sur, in dem auch die Marienkirche und das Dengbej-Haus liegen. Ruken und drei weitere Vorstandsmitglieder erwarten uns in dem engen Gässchen. Sie haben nach längerer Suche dieses Altstadthaus gefunden und zunächst für zwei Jahre gemietet. Der Besitzer wollte zuerst sehen, wie sie in Gang kommen und hat dann einen längerfristigen Mietvertrag in Aussicht gestellt. Sie haben erste Renovierungsarbeiten durchgeführt und mit dem Unterricht begonnen.

Ruken selbst unterrichtet Deutsch, Englisch und Erbane, eine Art Tamburin. Ein weiteres Vorstandsmitglied gibt Nachhilfe in Mathematik, ein anderes bietet Kunstunterricht an. Seine Spezialität ist Glasmalerei. Die Materialien dafür sind allerdings sehr teuer und sie müssen erst eine Finanzierung finden. Sie suchen Lehrer*innen für Gitarre und für Saz, werden ihnen aber ein Gehalt zahlen müssen. Anfangs wurden sie von den Nachbarn misstrauisch beäugt, inzwischen kommen mehrere Kinder regelmäßig. Heute gab es wegen Corona keinen Unterricht. Trotzdem kamen vier Jungen, als wir im sogenannten Lehrerzimmer bei Kaffee und Tee saßen, sehr zutraulich und selbstverständlich dazu. Sie wollten ein paar Pflanzen für den Hof in Töpfe pflanzen und hatten ganz unterschiedliche Ideen und Vorstellungen davon, wie die Pflanzen aussehen, wie groß sie werden und ob sie wohl im Hof wachsen würden. Wenn sie wieder Geld auftreiben, muss die Renovierung weiter gehen. Die Dächer sind nicht dicht, die Räume feucht, eine frisch gestrichene Wand ist schon wieder ganz fleckig geworden. Auf der Dachterrasse fehlt noch die Hälfte des Geländers. Mit Hilfe verschiedener Förderprogramme werden sie ihre Schule Schritt für Schritt  voranbringen.

Dr. Gisela Penteker ist IPPNW-Mitglied und Türkei-Beauftragte der IPPNW.

2 Gedanken zu „Bildungsprojekte in Diyarbakir

  1. Sehr schöner Bericht. Dies Jahr wart Ihr offensichtlich nicht viel, toll, dass Ihr es doch geschafft habt. Die Türkei ist ja bisher von Corona noch nicht sehr betroffen. Vielleicht waren die vorsichtiger… HG Helmut Käss

  2. Es ist schön, Euch zumindest auf diese Weise begleiten zu können. Danke für den Bericht. Erinnert mich an das letzte Jahr. Schön, dass Ihr dieses Jahr sie wieder aufgesucht habt, die Musikschule. Elu

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