Warum Tschernobyl auch heute noch aktuell ist

Blick über die verlassene Stadt Pripyat und das Kernkraftwerk Tschernobyl mit dem New Safe Confinement (2016), Foto: Konung Yaropolk/Wikimedia/CC BY-SA 4.0 Deed

Vor 38 Jahren, am 26.4.1986, explodierte der Reaktor Nr. 4 des ukrainischen AKWs in Tschernobyl, nahe der Grenze zu Weissrussland. Die anschließende radioaktive Wolke betraf weite Teile Europas und brachte uns allen die Gefährlichkeit und Unbeherrschbarkeit der Atomenergie ins Bewusstsein. Wir versammeln uns alljährlich vor dem Tor des AKWs in Neckarwestheim, um die Erinnerung an diese Katastrophe wachzuhalten und den unzähligen Opfern zu gedenken, die bis heute unter den Langzeitfolgen der radioaktiven Verstrahlung leiden. Vor einem Jahr haben wir die endgültige Stilllegung der Reaktoren in Deutschland erzwungen – auf diesen Erfolg unseres jahrzehntelangen Protestes können wir stolz sein. Andere müssen aber weiter Tag für Tag im Angesicht der Drohung eines atomaren Unfalls ihren Alltag leben. Weiterlesen

Märchen Atomenergie: Protest gegen den IAEA-Gipfel in Brüssel

Protest gegen den IAEA-Gipfel in Brüssel

Protest gegen den IAEA-Gipfel in Brüssel

Umweltverbände und viele andere zivilrechtliche Organisationen wie Greenpeace, IPPNW und das European Environmental Bureau (EEB) demonstrierten gegen die Planungen beim ersten Gipfeltreffen der Internationalen Atombehörde (IAEA) am 21. März 2024 in Brüssel. Offensichtlich sollte das Ziel des Treffens v.a. der Schulterschluss von Politik und Atomindustrie sein, denn europäische Regierungschefs, Wirtschaftsminister und auch EU-Präsidentin Ursula von der Leyen, waren u.a. eingeladen worden.

Im Rahmen der 18. UN-Klimakonferenz 2023, der COP28 in Dubai, wurde beschlossen, eine Konferenz der Internationalen Atom-Agentur (IAEA) in Brüssel durchzuführen, um über die Potentiale der Atomenergie hinsichtlich eines Beitrages zur Senkung des CO2-Ausstoßes mit dem Ziel der Verhinderung des Überschreitens der durchschnittlichen 1,5-Grad-Limits zu diskutieren. Die Festlegung der durchschnittlichen Temperaturgrenze wurde durch das Pariser Klimaabkommens von 2015 festgelegt. Die IAEA und Belgien hatten daher unter dem Co-Vorsitz von IAEA-Präsident Rafael Mariano Grossi und dem belgischen Präsidenten Alexander de Croo zum Atomgipfel nach Brüssel eingeladen.

Vor etwa einem Jahr hatte sich eine Allianz aus anfangs elf europäischen Staaten gebildet, die auf dem Feld der zivilen Nutzung und Forschung der Kernenergie zusammenarbeiten wollen. Inzwischen ist die Allianz auf 14 Mitglieder in der EU angewachsen und bildet damit eine Mehrheit unter den EU-Staaten.
Angeführt wird die Allianz von Frankreich, das rund 65 Prozent seines Stroms aus Atomkraft bezieht. Insgesamt 12 der 27 EU-Mitgliedsstaaten betreiben AKW. Mit rund 100 Atomreaktoren ist in der Europäischen Union circa ein Viertel aller Reaktoren weltweit in Betrieb (inklusive der Atomreaktoren in Großbritannien und der Schweiz).

Ziel ist es, die in Europa installierte Leistung von Kernkraftwerken bis 2050 auf 150 Gigawatt zu steigern – ein Plus von rund 50% verglichen mit heute. Derzeit sind Kernkraftwerke tatsächlich nur in zwei Mitgliedstaaten in Bau (Mochovce in der Slowakei und Flamanville in Frankreich). Die EU ist in der Frage einer regenerativen Energie bei der Atomkraft gespalten. Der Net Zero Industry Act, das EU-Förderprogramm für die regenerative Energiegewinnung und mit dem Ziel der Klimaneutralität Europas bis 2050, wurde für die Atomenergie geöffnet. Kernenergie gilt im Rahmen der sogenannten EU-Taxonomie unter bestimmten Voraussetzungen als nachhaltig, was im Endeffekt den Zugang zu Investitionen für die Atomindustrie erleichtert. Für die Atombranche ist das entscheidend, da sie ohne staatliche Investitionen kaum überleben kann. Frankreichs AKW-Betreiber Electricité de France ist hoch verschuldet.

Protest gegen den IAEA-Gipfel in Brüssel

Protest gegen den IAEA-Gipfel in Brüssel

Im Vorfeld der Konferenz in Brüssel arbeiteten die Teilnehmer*innen der Umwelt- und Antiatomverbände eine offizielle Erklärung aus, die am Konferenztag in den Medien veröffentlicht wurde. Die Erklärung wurde von über 620 Organisationen unterzeichnet, stellvertretend für Millionen von Menschen weltweit. In der offiziellen Erklärung wurde eine sichere, erschwingliche und klimafreundliche Energie für alle gefordert. Die Planungen der Atomindustrie eines Ausbaus vieler Atomkraftwerke als ergänzende Lösung der Klimakrise können in der Realität aus vielen Gründen nicht funktionieren.

So ist die Atomenergie viel zu langsam bei der Bewältigung des Klimanotstands und wäre nicht in der Lage sein, bedeutend zur Reduktion des CO2-Ausstoßes in diesem Jahrzehnt beizutragen. Während Atomprojekte aufgrund explodierender Kosten mit enormen Budgetüberschreitungen und -absagen konfrontiert sind, sind erneuerbare Energien preiswerter als je zuvor. Im World Nuclear Industry Status Report (WNISR) beschreibt Mycle Schneider, dass „neue Atomkraftwerke fast viermal teurer sind als Windkraft“.

Atomenergie ist gefährlich, beginnend von der Urangewinnung aus Minen über die Herstellung von Kernbrennstäben bis zur Behandlung radioaktiven Abfalls. Sie stellt ein Risiko für die Gesundheit der Menschen, für die Sicherheit und für die Umwelt dar. Außerdem wird Atomenergie für militärische Zwecke genutzt und erhöht das Risiko einer Verbreitung von Nuklearwaffen weltweit, indem angereichertes Uran für Atombomben genutzt wird. Klimaveränderungen selbst und Erdbeben stellen ein erhebliches Risiko für Atomkatastrophen dar. Kriege führen zu einer zusätzlichen Bedrohung von Atomanlagen, wie wir gerade aktuell in der Ukraine erleben.

Unter dem Motto „Märchen Atomenergie“ stellten sich mehrere Mitglieder der Organisationen, darunter auch Mitglieder der IPPNW Aachen, mit Dr. Angelika Claußen, der Präsidentin der IPPNW Europa, als Märchenfiguren vor ein aufgeblasenes Märchenschloss, unweit vom Konferenzgebäude der IAEA und dem Atomium in Brüssel. Vor Fernsehkameras verschiedener Sender und den Mikrofonen von Journalist*innen wurden kurze Reden zu den oben angesprochenen Fakten zur Atomenergie gehalten. Parallel zu der Kundgebung fanden Vorträge von Wissenschaftlern, Vertretern der Umweltverbände und von “Bondbeterleefmilieu”, einem großen belgischen Umweltnetzwerkverband statt, der die Vortragsveranstaltung organisierte. Hier wurden Themen wie die Wirtschaftlichkeit und Effizienz von Atomkraftwerken, die aktuellen weltweiten Standorte von Atomkraftwerken und die wirtschaftlich-militärischen Verflechtungen der Atomindustrie mit Rosatom/Framatome vorgestellt.

Michael Oertzen, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, ist Mitglied der IPPNW- Gruppe Aachen und des Arbeitskreises Atomenergie.

 

Warum Fukushima uns alle angeht – auch nach 13 Jahren

Foto: Susanna Loof / IAEA

Blick über das AKW Fukushima-Daiichi mit Wassertanks. Foto: Susanna Loof / IAEA / 2015

Am 11. März 2024 jährte sich die Atomkatastrophe in Fukushima/Japan zum 13. Mal. 2 ½ Minuten dauerte damals ein Seebeben vor der japanischen Küste, was eine riesige Tsunami-Welle auslöste, die etwa 500 Quadratkilometer der japanischen Ostküste überflutete. Betroffen war dadurch auch das aus 6 Blöcken bestehende Atomkraftwerk Fukushima. In den drei Tagen danach kam es in dreien dieser Blöcke zu einer Kernschmelze, was große Teile der Region radioaktiv verseucht hat und wodurch über 150.000 Menschen evakuiert werden mussten. Durch die Evakuierung starben allein vermutlich durch Stress über 1000, meist ältere Menschen. Weiterlesen

Every energy choice has an impact. Tag drei des Weltkongresses in Kenia

IPPNW-Weltkongress in Mombasa 2023. Foto: Patrick Schukalla

IPPNW-Weltkongress in Mombasa 2023. Foto: Patrick Schukalla

Der dritte Tag des Weltkongresses im kenianischen Mombasa startet mit einem Podium zu Energieformen und deren Auswirkungen auf Umwelt, Gesellschaft und die Gesundheit. Unter dem Titel „Energy choices” diskutieren Angelika Claußen (IPPNW Deutschland), Makoma Lekalakala (Earthlife Südafrika) und Vladimir Slivyak (EcoDefense Russland).

„Jede Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Form der Energiegewinnung hat Auswirkungen auf uns und unsere Umwelt. Wir brauchen und wollen keine Atomkraft! Wir brauchen eine dezentralisierte und demokratisierte Energieversorgung“ sagt die langjährige Aktivistin und Direktorin von Earthlife Africa Makoma Lekalakala. Sie weiß, wovon sie spricht: Schon seit 2014 setzt sie sich gegen Atomkraft in Südafrika ein und länger noch für Klima- und Umweltgerechtigkeit. Damals hatte die russische Umweltschutzorganisation EcoDefense sie und ihre Kolleg*innen bei Earthlife auf ein Abkommen zwischen ihrer Regierung und dem russischen Staatskonzern Rosatom aufmerksam gemacht. Dem Abkommen nach sollte Rosatom acht bis zehn AKW im ganzen Land errichten. Die kurzzeitig auf der Webseite des russischen Atomkonzerns sichtbaren Unterlagen wurden alsbald wieder entfernt. Zu spät, denn die Aktivist*innen hatten bereits Kopien angefertigt und eine Kampagne gegen die Pläne, die die südafrikanische Seite mit beispiellos hohen Kosten belastetet hätten und ihr zudem die gesamten Verantwortung für etwaige Atomunfälle überlies, kam ins Rollen. Weiterlesen