Demokratie neu leben – Extinction Rebellion im Blick

„WIR SITZEN ALLE IM SELBEN BOOT UND DIE CREW SPIELT MIT UNSEREM TOD:“ Aktivist*innen von Extinction Rebellion am 09.10.2019 bei der Blockade der Marschallbrücke in Berlin. Foto: IPPNW

„Hallo, ich bin Denise. Wenn es einen Otto-Normalverbraucher gibt, dann bin ich immer Denise-Normalverbraucherin gewesen. Auch wenn ich mich schon lange mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetze, habe ich erst mit meiner Arbeit bei XR mich meinem Gefühl der Dringlichkeit stellen können.“ Mit diesem Satz stellt sich die Rednerin des Vortrages „Aufstand oder Aussterben“ von der Klimaaktivist*innengruppe Extinction Rebellion (kurz: XR) an einem Montagabend im September 2019 in einem Familienzentrum in Friedrichshain vor.

Die aus Großbritannien stammende Bewegung, die seit November 2018 auch in Deutschland angekommen ist, baut ihren Aktivismus als Reaktion auf die Untätigkeit der Regierungen zum Klimawandel auf. Demonstrationen, Petitionen und NGO-Kampagnen reichen nicht, um auf die Klimakatastrophe aufmerksam zu machen und ein Umdenken einzufordern, so die Bewegung, deswegen wird zum Mittel des zivilen Ungehorsams gegriffen.

Aktivist*innen von Extinction Rebellion am 09.10.2019 bei der Blockade der Marschallbrücke in Berlin. Foto: IPPNW

„Berlin blockieren“ hieß die ab dem 07. Oktober 2019 stattfindende Aktionswoche in Berlin. Mit dem Blockieren von wichtigen Plätzen, Brücken und Verkehrsknotenpunkten soll die Politik zum Handeln gedrängt werden. Gewaltfreier Protest stand im Mittelpunkt der Aktionen. Um diesen garantieren zu können, waren bei jeder Blockade und Aktion parallel zu den blockierenden Aktivist*innen auch „Rebell*innen“ vor Ort, die für das allgemeine Wohlfühlen und Deeskalieren zuständig waren. Ein Zugehen auf die betroffenen Autofahrer*innen und Polizist*innen sowie ein Achten auf die Notwendigkeiten und die Sicherheit der blockierenden Aktivist*innen standen für diese Teams im Vordergrund.
Gewaltfreier Protest – und doch ein Protest, der als störend empfunden wird, ein Blockieren, das nicht nur mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht und andere anregt, sich der Bewegung anzuschließen, sondern der Bundesregierung die Forderungen der Aktivist*innengruppe auf den Tisch legt.

Drei Forderungen formuliert die Bewegung. Die Regierung soll die Wahrheit über die Klimakrise anerkennen und einen „Klimanotstand“ ausrufen. Außerdem sollen Treibhausgase bis 2025 auf Nettonull reduziert werden und alles dafür getan werden, um Biodiversität zu erhalten. Und: Politik neu denken und eine Bürger*innenversammlung einsetzen, die über das weitere Vorgehen in Bezug auf den Klimawandel entscheidet. Wie diese Forderungen genau umgesetzt werden können, ist von Seiten der Aktivist*innen vage formuliert, denn das Mobilisieren und Aufmerksam-machen steht nun im Vordergrund. Die Organisation ist dezentral orientiert und jeder, der sich mit den Prinzipen, Werten und Zielen der Bewegung identifizieren kann, ist aufgefordert, durch Eigeninitiative an Aktionen teilzunehmen oder sich selber in Orts- und Bezugsgruppen zu organisieren.

Nicht nur in Berlin, auch in London, Amsterdam, New York und weiteren Großstädten blockieren und protestieren die „Rebels“ der XR friedlich und ungehorsam. 100.000 Mitglieder  hat die Bewegung weltweit nach eigenen Angaben, 270 Millionen brauchen sie. Die 270 Millionen basieren auf der Zahl 3,5, da man 3,5% der Bevölkerung mobilisieren muss, um durch gewaltfreien Protest ein herrschendes System zu verändern. Diese Zahl wurde von der US-Politologin Erica Chenoweth in ihrer Studie Why Civilan Resistance Works durch das Untersuchen des Erfolges gewaltfreier und gewaltvoller Revolutionen und Umstürze des 20. Jahrhunderts herausgefunden.

Parallel zur Aktionswoche in Berlin fand auf der Wiese vorm Kanzler*innenamt in Berlin unter dem Motto „Demokratie neu leben“ ein Klimacamp statt. Die aus anderen deutschen Städten angereisten Rebell*innen, Unterstützer*innen und Aktivist*innen versammelten sich dort mit den XR-Mitgliedern aus Berlin, um mit Vorträgen, Bürger*innenversammlungen und Workshops die Bewegung voranzubringen. Ein Umgehen mit den eigenen Emotionen und Gefühlen zur Klimakrise standen im Vordergrund, ein Reflektieren bereits beendeter Aktionen und ein Austauschen der gemachten Erfahrungen. Außerdem fanden Trainings statt, um Teilnehmer*innen auf die Aktionen vorzubereiten, aber auch Achtsamkeitstrainings, um ein aufmerksames und gesundes Umfeld für alle Beteiligten zu kreieren.

Aktivist*innen von Extinction Rebellion am 09.10.2019 bei der Blockade der Marschallbrücke in Berlin. Foto: IPPNW

Als Einstieg in die Aktionswoche blockierten rund eintausend XR-Aktivist*innen am 07. Oktober 2019 im Morgengrauen die Siegessäule in Berlin und kurze Zeit später weitere 2000 den Potsdamer Platz. Über 24 Stunden hielt die Blockade am Potsdamer, nachdem am Montagabend die Polizei die Räumung des Platzes aufgegeben hatte. Die Blockade an der Siegessäule, die 58 Stunden hielt, wurde begleitet mit dem Bau der Arche „Rebella,“ einer Rede der Sea-Watch-3-Kapitänin Carola Rakete und diversen Tanz,- Jogg- und Singeinlagen der Rebell*innen und Unterstützer*innen. Im Laufe der Wochen wurden zahlreiche weitere Blockaden unternommen, wie die über 50h anhaltende Blockade der Marschallbrücke vorm Bundestag. Auch Aktionen wie ein „Glue-on“ in der CDU-Bundesgeschäftsstelle im Konrad-Adenauer-Haus, wo neun Aktivist*innen sich an den Boden klebten, waren an der Tagesordnung in Berlin.

Interessant zu beobachten ist, wie Menschen jeden Alters und unterschiedlicher sozialer Schichten sich von der Bewegung angesprochen fühlen und die Methode des zivilen Ungehorsams nutzen, um Aufmerksamkeit auf die Klimakrise zu lenken. Auch Mitglieder der IPPNW nahmen an den Aktionen von Extinction Rebellion teil. Es scheint immer mehr in der Zivilgesellschaft anzukommen, was Greta Thunberg im August 2018 mit ihrem Schulstreik vor dem schwedischen Reichstag begann und in der „Fridays For Future“ Bewegung mündete, die bei der Klimademo am 20. September 2019 zusammen mit 1,4 Millionen Menschen in Deutschland auf die Straße ging. Ob und wie die Bundesregierung oder auch die Regierungen anderer Länder auf die Forderungen von Extinction Rebellion und anderen Klimaguppen reagieren, bleibt abzuwarten. Wie Greta Thunberg oder auch Extinction Rebellion betonen: Die Klimakrise ist real, sie lässt uns nur kurzen Handlungsspielraum und sie betrifft uns alle gleich.

Marlene Langenbucher de Olavarrieta ist Studentin des Kombi-Bachelorstudiengangs „Sozial-und Kulturanthropologie und Politikwissenschaft“ und derzeit Praktikantin in der Geschäftsstelle des IPPNW in Berlin.

Ein Gedanke zu „Demokratie neu leben – Extinction Rebellion im Blick

  1. Auch ich bekenne mich zu dieser Rebellion, die altersunabhängig hoffentlich heranwächst, die vielfältige Formen zulässt und die vor allem den massenhaften Zivilen Ungehorsam als berechtigte und legitime Protestform in den Mainstream der Gesellschaft einsickern lässt. Auch wenn die Forderungen und Ziele recht unkonkret bleiben und damit auch zum Teil mit Ängsten, statt mit Zuversicht und Mut gespielt wird, ist diese Bewegung zur Veränderung existentieller gesellschaftlicher Notwendigkeiten sehr wertvoll und führt vor allem zur Selbstermächtigung, Zuversicht, Selbstorganisation, heraus aus Resignation, Ohnmacht und Angst besetzter Untätigkeit. Die politische Unschärfe wird durch massenhafte Erfahrungen kompensiert. Eines Tages, so bin ich zuversichtlich, werden wie andere Protestformen als aktiver Verfassungsschutz angesehen und behandelt. Bis dahin müssen wir durchhalten gemäß dem Spruch von Gandhi: Zuerst beachten sie Dich nicht, dann belächeln sie Dich, schlierßlich bekämpfen sie Dich und am Endemüssen sie Dich akzeptieren. Zu hoffen ist, dass dieser lange Atem auch anhä#lt. Dafür haben wir als ältere zu sorgen. Elu

Kommentare sind geschlossen.