Der Tag, als die Sonne auf die Erde fiel

Dr. Masao Tomonaga auf dem IPPNW-Weltkongress in Nagasaki. Foto: Dr. Helmut Lohrer

2. Oktober 2025, Tag 1 des IPPNW-Weltkongresses in Nagasaki

Wir sind angekommen in Nagasaki am anderen Ende des Planeten – und irgendwie doch zuhause. Zum 24. Mal treffen sich Aktive aus 40 Ländern zum Weltkongress der IPPNW. Die Entscheidung für den Kongress in Japan begründet sich vir allem durch die 80. Jahrestage der Atombomben-Abwürfe. Noch gibt es fast 100.000 Überlebende, die Zeugnis ablegen können von den schrecklichen Geschehnissen im August 2045.

Als IPPNW kehren wir hier als internationale Bewegung von Menschen im Gesundheitswesen zurück an unsere humanitären Wurzeln. Aber es geht nicht allein um Erinnerung. Hiroshima und Ngasaki sind der Appell an uns alle, dafür zu sorgen, dass Atomwaffen abgerüstet weden. So formulierte es in der Auftakt-Veranstaltung UN-Under Secretary General Izumi Nakamitsu vom United Nations Office for Disarmament Affairs.

Nakamitsu kritisierte die Haltung der japanischen Regierung, die der betroffenen Bevölkerung Kompensation verweigert hätte. Nakamitsu forderte die Regierungen der Welt auf, auch an anderer Stelle diese Verantwortung wahrzunehmen. Sie griff damit eine Forderung auf, die auch Teil des Atomwaffenverbotsvertages ist.

Dr. Tatsujiro Suzuki, Vorsitzender des internationalen Pugwash-Komitees (Friedensnobelpreis 1995), erinnerte an die wesentliche Rolle von Wissenschaftler*innen: Die Fähigkeit zum konstruktiven Dialog über politische Trennlinien hinweg. Zum anderen verwies er auf die soziale Verantwortung, die aus der beruflichen Rolle erwachs.

Nach Einschätzung von Pugwash sind „Nuclear Umbrella States“ – also Staaten der „nuklearen Teilhabe“ wie Deutschland – als erstes in Gefahr, Zielgebiete eines Atomwaffeneinsatzes zu werden. Inga Blum, Hamburgerin und und Mitglied des internationalen Vorstandes, kommentiert: „Das muss uns alarmieren vor dem Hintergrund der illegalen Atomwaffen-Stationierung in Deutschland und es braucht eine klare Absage an die US-Pläne, neue Atomwaffen in Deutschland zu stationieren.

IPPNW-Co-Präsident Carlos Umaña, formuliere es so: „Nagasaki ist kein Ort auf der Landkarte – Nagasaki ist ein moralischer Kompass.“ Besser kann man es nicht sagen. Er bezeichnete Atomwaffen als das ultimative Böse. Unsere Aufgabe sei, klarzumachen: Atomwaffen sind keine Auszeichnung für ein Land, sondern ein Schandmal.

In Erinnerung an den alten Slogan „We must prevent what we cannot cure“ äußerte er sich zur globalen Militarisierung. Diese führe zu Eskalation, und Eskalation führe zu Krieg. Sein Appell: Let’s not see this merely as meeting –become a place for a new „movement“! Wir müssen in „politische Bewegung“ kommen, darüber hatten wir am Vormittag gesprochen. Dabei wurde Anna Maria Khouri zur internationalen Studierendensprecher*in gewählt.

Einer der Höhepunkte war sicherlich auch der stark medizinisch geprägte Vortrag von Professor Masao Tomanaga. Er stellte Daten über die Probleme der dosisanbhängigen Early-Onset-Tumoren aus den Leukämie-Gruppen sowie dem Anstieg solider Tumoren über Jahrzehnte nach den Atombombenabwürfen. Dazu zählen u.a. Schilddrüsentumoren, Kolon-Krebs und Brustkrebserkankugen.

Ein Überlebender aus Nagasaki, der am 8.August 1945 acht Jahre alt war, formulierte sein Gefühl nach dem Abwurf der Bombe mit den Worten: „Ich dachte, die Sonne sei auf die Erde gefallen“.

Es war ein starker Auftakttag mit dem „richtigen Ton“ mit der Verbindung klarer politischer Positionierung auf der Basis unserer humanitären Verpflichtung als Ärzt*innen und Gesundheitsfachleute zu handeln. Und es war auch ein „junger“ Tag, vielfach von Studierenden moderiert. Wir sind mit den knapp 400 Teilnehmenden gespannt auf die weiteren Debatten der kommenden Tage.

Dr. med. Lars Pohlmeier ist Vorsitzender der deutschen IPPNW.