Besuch bei der Ärztekammer von Diyarbakir

Besuch in der Ärztekammer von Diyarbakir. Foto: IPPNW

Mahmut Ortakaya ist gekommen, obwohl er sicherlich zur Corona-Risikogruppe gehört. Wir sitzen zu fünft im vertrauten Raum unter seinem Spruch: „An Gesundheit und Freiheit darf man nicht sparen“. Er verrät uns den 2. Teil: „Wenn man an der Gesundheit spart, führt es zum Tod, wenn man die Freiheit einschränkt, führt es in Gefangenschaft“.

Ich frage nach NÜSED, der türkischen IPPNW-Sektion. Herr Ortakaya winkt ab, obwohl er ein Gründungsmitglied ist. Seit die Mitglieder aus Ankara ihre kurdischen Kollegen als Separatisten angezeigt haben und auch die Bemühungen der internationalen IPPNW keine Lösung herbeiführen konnten, haben sie die Beziehungen abgebrochen. NÜSED sei ein bürokratischer Verein alter Leute, die keine Wirkung in die Gesellschaft hinein entfalten können, weil sie sich nicht klar gegen den Krieg aussprechen würden.

Der Vorsitzende Serif Demir bemerkt: „Im Moment gibt es nur noch Corona. Idlib und der Krieg geraten in den Hintergrund.“ Wie der Iran und Italien hat auch die Türkei sehr spät Vorkehrungen getroffen. Allerdings sind die ersten Fälle auch erst spät bekannt geworden. Bisher wurde kaum getestet, jetzt sollen 16 Testlabore in den großen Städten des Landes eingerichtet werden. Bei einem Gespräch der Kammer mit dem Gouverneur ging es um Schutzmaßnahmen. Bisher gibt es keine Vorräte an Masken, Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln. Das Hauptproblem ist die Angst/Panik in der Bevölkerung. Die Leute haben kein Vertrauen in die Regierung. Die Ärztekammer macht Öffentlichkeitsarbeit und gibt Informationsmaterial heraus. Elif, ein weiteres Mitglied, hat gestern im Fernsehen über Hygienemaßnahmen gesprochen. Gestern hat das Innenministerium einen wichtigen Bericht über die Lage veröffentlicht. Wichtig sei der Schutz der Menschen ab 60. Deshalb seien die sozialen Einschränkungen wichtig und richtig.

Herr Ortakaya, mir aus der Seele sprechend, meinte, die Probleme werde es vor allem in den armen Ländern und bei den armen Menschen in allen Ländern, in den Kriegsgebieten und unter den Flüchtlingen geben. IPPNW und andere Organisationen müssen sich hier starkmachen. Auch sie als Ärztekammer müssen darauf aufmerksam machen, dass die Flüchtlinge und Kriegsopfer besonders gefährdet sind. Die ganze Welt muss sich dafür einsetzen, dass überall die Waffen niedergelegt werden, zumindest Waffenstillstand erreicht wird. Sonst wird Corona ein Massaker anrichten, das schlimmer ist als jeder Krieg.

Ein anderes wichtiges Thema ist die Situation in den Gefängnissen. In den überfüllten türkischen Haftanstalten kann die Ein-Meter-Abstandsregel nicht eingehalten werden. Dort befinden sich Alte und Kranke Menschen, Säuglinge und Kleinkinder. Der Iran hat deshalb mehr als 85.000 Häftlinge entlassen, auch politische.

Seit 2016 und seitdem durch die massenhaften Entlassungen ein fortdauernder Ausnahmezustand herrscht, wird nur über die Sicherheit des Staates gesprochen. Das Gesundheitssystem und vor allem das Rechtssystem sind dadurch zerstört worden. Die aktuelle Krise im Gesundheitssystem sollte am 15. März Thema einer großen Veranstaltung sein, die jetzt Corona zum Opfer gefallen ist. Am Beispiel von China, Iran und Italien haben wir gesehen, dass die 2. Woche für den weiteren Verlauf der Corona-Ausbreitung entscheidend ist. Die türkische Ärztekammer verhandelt mit der Regierung, alle entlassenen Ärzt*innen und Pfleger*innen schnell wieder einzustellen. Gegen den Krieg in Idlib können sie nicht öffentlich Stellung beziehen. Jeder, der das tut gilt als Vaterlandsverräter.

Herr Ortakaya sagte mir, dass die Ärztekammer Diyarbakir und die türkische Ärztekammer eine gerechte, für alle erreichbare und kostenlose Gesundheitsversorgung fordern. Denn die Gesundheitsversorgung sei eine öffentliche Aufgabe. Privatisierung muss energisch bekämpft werden. Er verweist auf unsere langjährige Freundschaft und den Preis der Ärztekammer, den die IPPNW bekommen hat. „Gott gibt uns die Verwandtschaft, die Freunde suchen wir uns selbst“.

Im Jahr 1996 hat er auf einer internationalen Versammlung eine Rede gehalten über die Geschehnisse der neunziger Jahre. Damals wurden viele Menschen ermordet, vertrieben, ihre Dörfer wurden niedergebrannt. Die Menschen haben alles verloren. Vorher waren sie zwar arm aber nicht hilfsbedürftig. Danach waren sie abhängig. Die Methoden sind immer die gleichen. Wenn man Menschen assimilieren will, hält man sie von ihrem Land und ihrer Sprache fern. Wenn sie ihren Grund und Boden verlieren, ist das das Schlimmste. „Wir haben nach Freiheit verlangt, und haben unsere Würde verloren“.

Sein letzter Satz auf dieser Versammlung war: „Die Würde ist ein gemeinsames Gut, das wir beschützen müssen. Bleibt gesund. Wir sehen uns im nächsten Jahr.“

Dr. Gisela Penteker ist IPPNW-Mitglied und Türkei-Beauftragte der IPPNW.