Die Gefahr von Atomwaffen: Die IPPNW warnt

Europäisches IPPNW-Treffen in Breslau 2018 mit Ella Faiz (vordere Reihe, 3. von links), Foto IPPNW

”Im Angesicht der erschreckenden Aussichten, die sich der Menschheit eröffnen, werden wir uns umso stärker der Tatsache bewusst, dass Frieden der einzige lohnenswerte Kampf ist. Es ist nicht mehr eine bloße Bitte, sondern ein Befehl, der das Auflehnen ganzer Völker gegen ihre Regierungen bewirken soll; der Befehl, endgültig eine Wahl zu treffen zwischen Hölle und Verstand.”

Diese Worte, von Albert Camus in Reaktion auf den Atomwaffenabwurf auf Hiroshima am 6. August 1945, finden bis heute Widerhall. Nach dem Austritt der USA aus dem Iran-Atomabkommen am 8. Mai 2018 und der stetigen Modernisierung ihren atomarer Waffenarsenale durch die Atomwaffenstaaten gibt das nukleare Wettrüsten weiterhin Anlass zur Sorge. In einem Interview warnt uns die Medizinstudentin Ella Faiz, Studierendensprecherin der französischen IPPNW, vor den Risiken, die mit der Nutzung solcher Waffen einhergehen.

Kannst du uns erklären, was die IPPNW ist?

Die IPPNW ist ein internationaler Zusammenschluss von Ärzt*innen in sozialer Verantwortung, die sich für die Verhütung des Atomkrieges einsetzen (International Physicians for the Prevention of Nuclear War). In Frankreich nennt man sie AMFPGN. Die Präsenz dieses Vereins beschränkt sich jedoch nicht nur auf Lille, sondern er ist in ganz Frankreich verankert. Die Mobilisierung französischer Studenten in Frankreich fällt bezüglich dieses Themas gering aus – wir sind lediglich zu zweit, wohingegen in Deutschland die Zahl der Studierenden mit mindestens 100 Mitstreiter*innen viel größer ist.

Was hat dich dazu gebracht, diesem Verein beizutreten?

Während eines internationalen Kongresses in England vor drei Jahren habe ich von der Arbeit der IPPNW gehört und sehr aktive Studierende aus der deutschen IPPNW und anderen Ländern kennengelernt. Mich haben die Themen dieses Kongresses sehr angesprochen. Zusätzlich zur Atomwaffenproblematik wurden hier auch Themen wie Klimaschutz oder die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern debattiert. Der Gegenstand der Diskussionen war letztlich immer das Problem der Anwendung menschlicher Gewalt sowie die bestehenden sozialen bzw. geschlechtsspezifischen Herrschaftsstrukturen.

War die Frage nach der Gefahr von Atomwaffen schon immer eine Selbstverständlichkeit für dich oder hast du bei dem Thema an einem bestimmt Punkt “Klick” gemacht?

Ich hatte mir zuvor nie große Gedanken zu dem Thema gemacht, es war kein typisches Gesprächsthema in der Familie oder unter Freunden. Als ich jedoch anfing, mich eingehender mit dem Thema zu befassen, stellte ich fest, dass es sich vor allem um logische Überlegungen handelt: Man ist gezwungen, die Unermesslichkeit der Gefahr und die unwiderlegbaren Beweise für die Folgen zur Kenntnis zu nehmen, die der Einsatz von Atomwaffen hervorrufen würde. Es besteht wissenschaftlicher Konsens darüber, dass die Anwendung einer Atomwaffe irreversible menschliche Vernichtung verursachen, aber auch verheerende Konsequenzen auf das Klima und die Umwelt haben würde.

Kannst du uns die konkreten Auswirkungen eines Atomwaffenangriffes erklären?

Im Falle von Lille beispielsweise würde eine W39 (US-amerikanische Vier-Megatonnenbombe) zum Zeitpunkt ihrer Explosion auf mehreren Ebenen verschiedene, extreme Ereignisse bewirken:

Das erste Ausmaß der Zerstörung würde sich über eine Fläche von 9 Quadratkilometer erstrecken. Die Bombe würde einen Feuerball auslösen, der auf dieser Fläche von neun Quadratmeter alles vollkommen zerstört, sei es Mensch oder Natur. Mit anderen Worten: Wenn die Atombombe das Epizentrum von Lille treffen würde, würde sie alle Menschen im Umkreis von 10 Kilometern töten sowie alle Gebäude zerstören. Anschließend würde sich eine schwächere Explosion über eine Fläche von 400 Quadratkilometer ausdehnen, d.h. im Großraum Lille in Städten wie Roubaix, Tourcoing usw. würden Gebäude einstürzen. Brände würden sich hier so schnell ausbreiten, dass ein Eingreifen unmöglich wäre, zumal die Feuerwachen sicherlich ebenso zerstört wären.

In der noch größeren dritten Zone würden die Menschen Verbrennungen dritten Grades erleiden. Diese Verbrennungen sind tiefe Schädigungen der Epidermis, die Gefäße und Nerven zerstören und irreversible Folgen haben. Die einzige Lösung wäre in diesem Fall ein Transplantat, aber in diesem Fall gäbe es nichts zu retten. Dann müsste amputiert werden, aber wie weit? Das ist immer die Frage…

Die vierte Zone hätte einen Durchmesser von 34 Kilometer und würde einer Fläche von 3.000 Quadratkilometer entsprechen. Hier würde die Bombe einen sog. Flash (Blitzeffeckt) hervorrufen, d.h. eine Explosion, die alle Glasscheiben zertrümmert und damit zahlreiche Menschen verletzen würde. Wenn also eine Atombombe im Stadtzentrum von Lille detonieren würde, so würde sie viel entlegenere Städte wie Douai oder sogar einige belgische Städte erreichen.

Insgesamt gäbe es an einem Tag 500.000 Opfer, die auf der Stelle ums Leben kämen, 800.000 Weitere wären verletzt und mehr als 2 Millionen betroffen. Wohl wissend, dass die langfristigen negativen Strahlenfolgen der nächsten 20-30 Jahre schwer vorherzusagen sind, da diese insbesondere von den, durch den Staat, ergriffenen Maßnahmen abhängen. Dennoch kann man gewiss von zahlreichen Fällen von Krebs, insbesondere Leukämien und erhöhten Raten von Missbildungen ausgehen.

Könnten sich die Krankenhäuser und die öffentlichen Angestellten deiner Meinung nach auf die Konsequenzen eines solchen Angriffes vorbereiten?

Nein, gerade darin liegt das Problem. Ansonsten bräuchte man anti-atomare Schutzunterkünfte in allen Krankenhäusern, aber das scheint nicht plausibel. In der Schweiz gibt es in jedem Stadtteil eine anti-atomare Schutzeinrichtungen. Jedoch müsste man genug Zeit haben, um eine solche Einrichtung überhaupt erreichen zu können. Zusätzlich wäre eine beträchtliche Zahl von Erstversorgern sicherlich tot, ob Pflege, Ärzteschaft oder Feuerwehr.

Darüber hinaus sind die Krankenhäuser nicht genügend ausgestattet, um einem derartigen Ansturm begegnen zu können. In unserem Universitätsklinikum stehen gerade mal 20 Betten für Personen mit Verbrennungen dritten Grades zur Verfügung, sodass es bei 800.000 Verletzten schwierig wäre, einen solchen Patientenstrom zu bewältigen.

Was wäre in deinem Sinne eine mögliche Lösung, um gegen den Einsatz dieser Waffen zu kämpfen?

Es gibt kaum Lösungsansätze und es scheint sehr schwierig zu sein, Menschen dahingehend zu sensibilisieren oder die öffentliche Meinung zu dem Thema zu ändern, insbesondere in Frankreich. Die einzige plausible Lösung scheint für die IPPNW der Atomwaffenverbotsvertrag zu sein. 50 Länder* müssten ihn ratifizieren, damit er in Kraft tritt. Dieser würde in der Folge Atommächte dazu verpflichten, ihre Atomwaffen abzurüsten. Es ergäben sich dann jedoch zahlreiche Fragen, wie den Verpflichtungen eines solchen Vertrages nachgekommen werden kann, nämlich ob Staaten, die dem Vertrag nicht Folge leisten, vor dem internationalen Gerichtshof angeklagt werden oder wirtschaftlichen Sanktionen gegen sie verhängt werden. Dies erscheint auf längere Sicht schwer durchführbar, aber eine Ratifizierung würde bereits jetzt eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für dieses Thema erfordern und ein öffentliches Bewusstsein für die Risiken solcher Waffen schaffen.

Wie lässt sich deines Erachtens nach erklären, dass es so schwer ist, Staaten vom Atomwaffenverbot zu überzeugen?

In Frankreich wird häufig das Argument der Abschreckung verwendet. Die Logik ist, dass der Besitz einer solchen Waffe vor einem möglichen Angriff durch Dritte schützt. Jedoch ist diese Idee nicht glaubhaft, denn selbst wenn ein anderer Saat getroffen werden würde, sei es Indien oder die Vereinigten Staaten, die Menschheit würde trotzdem als Ganzes darunter leiden. Ein atomarer Winter würde dazu führen, dass es weder Lebensmittel, noch Landwirtschaftsflächen, noch Nutztiere mehr gäbe. Gegen die Nutzung dieser Waffen vorzugehen, ist also notwendig, um das Überleben der Menschheit zu gewährleisten.

Wir hatten gehofft, dass die skandinavischen Länder als „europäische Modelle“ diesen Vertrag ratifizieren würden, aber das ist nicht der Fall gewesen. Schweden zum Beispiel hatte die Möglichkeit einer Ratifizierung des Atomwaffenverbotsvertrages angesprochen, aber seine Meinung geändert. Dieses Land wird in gewisser Weise von Norwegen geschützt, das selbst über eine Anti-Atomkraft-Fähigkeit verfügt. Schweden steht auch unter dem Druck anderer Atomwaffenstaaten sich selbst zu „schützen“, wenn es den Vertrag nicht ratifiziert.

Bist du eher optimistisch hinsichtlich der Möglichkeit, diese Waffen zu verbieten?

Auf längere Sicht denke ich, dass es möglich sein wird, aber das wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Ich denke, dass die öffentliche Meinung Druck auf die Politik ausüben sollte und sei es nur, um eine Diskussion anzustoßen. Vor Kurzem erst sprach Macron noch von nuklearer Abschreckung. Eigentlich wäre es im Interesse der Staaten selbst, Atomwaffen zu verbieten. In Frankreich werden Milliarden von Euro in nukleare Abschreckungspolitik investiert, während eine solche Summe für andere Bereiche des öffentlichen Dienstes verwendet werden könnte.

Was können wir für unseren Teil tun, um gegen den Gebrauch dieser Waffen zu kämpfen?

Die Idee der IPPNW war es, das Bewusstsein für diese Fragen zu schärfen. Vor allem müsste die junge Bevölkerung auf die Situation aufmerksam gemacht werden, aufhorchen, darüber diskutieren und die Debatte vorantreiben. Eine Debatte, die es gegenwärtig nicht gibt, obwohl es wie jedes andere Gesprächsthema angesprochen werden könnte und sollte.

Zudem handelt es sich hierbei um eine gesamtgesellschaftliche Debatte, bei der französische Gemeinden wie die Stadt Lille überzeugt werden sollen, sich für den Atomwaffenverbotsvertrag auszusprechen und diese Frage bis zu den höchsten politischen Instanzen weiterzutragen. Die französische IPPNW hat bereits mehrere Briefe an den Präsidenten der Republik geschickt, die jedoch bisher unbeantwortet geblieben sind.

Die IPPNW warnt weiterhin unentwegt vor den Risiken des Einsatzes von Atomwaffen und ist im Übrigen seit 1984 Unesco-Preisträgerin für Friedensbildung und wurde 1985 zusätzlich mit dem Friedensnobelpreis zu Ehren ihrer Informations- und Sensibilisierungskampagnen ausgezeichnet. Die Frage nach der Nutzung von Atomwaffen bleibt auch heute noch ein Tabu und würde davon profitieren, wenn ein jeder von uns zur Diskussion beitragen würde, ohne die Folgen derartiger Waffen zu ignorieren.

Das Interview führte Clara Mathis für ap.d Connaisances
Übersetzung von Alexej Silenko

* Im französischen Originalinterview war von 45 Staaten die Rede. Das haben wir in der Übersetzung korrigiert.

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