Europa – Quo vadis?

Am 26.10.2019 demonstrierten Mitglieder der IPPNW und FFF in Landsberg gemeinsam für eine atomwaffenfreie Welt und für die Umwelt. Foto: Susanne Greiner / Landsberger Kreisbote

Landsberger IPPNW-Tagung mit Fridays for Future

Der Tag rückt näher, meine Spannung steigt: Wird alles klappen? Funktioniert die Technik, kommt die Videobotschaft von Dr. Alex Rosen auf der großen Leinwand gut sichtbar und mit der angemessenen Lautstärke verständlich an? Wie überzeugend sind die Referent*innen? …. Alles Fragen, die mir durch den Kopf gehen. Ich liege unruhig im Bett, schaue auf die Uhr: erst 04.00 Uhr, es ist noch tief dunkel.

Der Wecker klingelt, ich schrecke auf. Verschlafen? mein erster Gedanke. Aber meine Frau beruhigt mich: „Wir können noch in Ruhe frühstücken!“ „In Ruhe?“, frage ich. Zum Glück leide ich nicht unter hohem Blutdruck…

Das Auto ist vollgepackt – hoffentlich nichts vergessen! Endlich stehen wir vor dem imposanten historischen Rathaus  – ein Gebäude, das von der Fassade wie im Inneren über alle Stockwerke hunderte Jahre Landsberger Geschichte dokumentiert.

„Europa – Quo vadis?“ so lautet das Motto unserer diesjährigen öffentlichen Tagung, in der die Friedens- und Klimapolitik im Mittelpunkt stehen wird. Mit Vorträgen, einer Podiumsdiskussion, an die sich am Nachmittag eine öffentliche Demonstration durch die historische Innenstadt anschließen wird und einem abschließenden Konzert bieten wir den Zuhörer*innen ein interessantes Programm.

Mit knapp 130 Teilnehmer*innen ist der Rathaussaal gut gefüllt. Dr. Wolfgang Lerch begrüßt die Anwesenden, darunter den 1. Bürgermeister, Mathias Neuner, der die Schirmherrschaft über unsere Veranstaltung übernommen hat. Auch die 2. Bürgermeisterin, Doris Baumgartl, sowie der Ärztliche Kreisvorsitzende und eine Reihe weiterer Ärzte aus dem Landkreis, die nicht Mitglied der IPPNW sind, nehmen teil. Ca. 30 IPPNW-Ärzt*innen aus Bayern und den angrenzenden Bundesländern haben eine weite Reise zurückgelegt, um der Tagung teilnehmen zu können. Besonders freuen wir uns auch über das große Interesse seitens der vielen Bürger aus Landsberg und den angrenzenden Landkreisen.

In seinem Grußwort betont der Oberbürgermeister, dass die Krisen weltweit zugenommen haben. Er habe aber sehr wohl die Hoffnung, dass die Menschheit diese meistern wird und ein friedliches Zusammenleben der Völker möglich ist. Er sei voller Hoffnung für eine gedeihliche Zukunft.

Der Soziologe Prof. Stephan Lessenich von der LMU München widerspricht und weist darauf hin, dass der 70-jährige Frieden in Europa ein sehr zwiespältiger und mit viel Leid und Armut der Völker des Südens erkauft sei. Unsere kapitalistische Wirtschafts- und Lebensweise lagere Unmengen von Abfallprodukten aus, zerstöre regionale Produktionsstrukturen und betreibe einen modernen Kolonialismus durch Landnahme in weiten Teilen Afrikas. Die Militarisierung Europas habe Abschottung, Ausgrenzung und Besitzstandswahrung zum Ziel.

Nach Stephan Lessenichs schonungslosem Vortrag verabschiedet sich Oberbürgermeister Neuner und verspricht mir, nach der Rückkehr aus seinem Urlaub unsere Petition für eine Mitgliedschaft bei Mayors for Peace zu prüfen. Ich werde jedenfalls nicht lockerlassen und stetig nachbohren.

Dr. Till Bastian referiert über den Klimawandel und zeigt an Beispielen die erkennbaren Veränderungen: bei der Vegetation, der Zunahme der Unwetter und der längeren Phasen der Trockenheit sowie dem Verlust von Tierarten in unserer Region. Er verweist auf seine in den 90-ziger Jahren veröffentlichte IPPNW-Studie „Naturzerstörung: Die Quelle zukünftiger Kriege“, die erstmals die Ökologie auf die Agenda der IPPNW setzte. Diese Studie sei aktueller denn je: Der globale Wassermangel bedrohe das Leben von Millionen Menschen, führe zu Kriegen, Vertreibung und Flucht.

Nach der Mittagspause stellt sich die Initiative Fridays for Future vor. Die Schüler Dominik Sell, Michael Bögel und die Schülerin Luisa Kasteleiner listen ihre zahlreichen Demonstrationen auf und verweisen auf ihren größten Erfolg: „Am 20. September konnten wir 3000 Teilnehmer mobilisieren, für einen glaubwürdigen und effektiven Klimaschutz zu demonstrieren. Ein riesiger Erfolg gemessen an der Größe Landsbergs!“ so Michael Bögel.

Luisa Kasteleiner verdeutlichte in ihrem Kurzvortrag, welche konkreten Maßnahmen FfF vom Bund und der Kommune einfordere: u.a. den Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2030, eine wirksame CO²- Steuer von mindestens 30 Euro pro Tonne sowie die konsequente Umsetzung des Klimakonzepts im Landkreis.

„Wir wollen nicht nur demonstrieren, sondern an regional und bundesweit notwendigen Maßnahmen mitwirken“, so Dominik Sell. Es sei wichtig, sich für gleiche Lebenschancen aller Menschen weltweit einzusetzen. Dies könne allerdings nur gelingen, wenn wir unsere auf Profit ausgerichtete Wirtschaftsweise überwinden. „Wir müssen verzichten lernen, damit andere sich entwickeln können“, so Prof. Lessenich in der anschließenden Podiumsdiskussion. Unter der professionellen Leitung von Sabine März-Lerch vom Bayerischen Rundfunk entwickelte sich eine lebendige Diskussion, später auch unter Einbindung der Tagungsteilnehmer. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage nach der Mobilisierung: Wo ist der bundesweite Protest gegen die atomare Aufrüstung und die wachsende Kriegsgefahr ? „Der Mensch brauche die persönliche Betroffenheit. Jeder solle bei der nächsten IPPNW-Veranstaltung fünf Leute mitbringen und die bringen wieder fünf mit. Das wird ganz schnell ganz groß“, so der Vorschlag von Prof. Lessenich.

„Man muss die Botschaft nach außen tragen. Deshalb demonstrieren wir unter dem Motto „Für Klimaschutz und ein weltweites Verbot der Atomwaffen“. Ich hoffe, dass Sie sich unserer Aktion anschließen werden“, so mein Appell an die Tagungsteilnehmer*innen.

Der Demonstrationszug mit über 100 Teilnehmer*innen bewegt sich mit Transparenten lautstark durch die historische Altstadt Landsbergs. Bei herbstlichem Sonnenschein sind die Cafes voll besetzt. Wir fallen auf und werden wahrgenommen. Skeptische, schmunzelnde Blicke und wahrnehmbares Erstaunen sind auf uns gerichtet. Einige Menschen schließen sich uns spontan an. Die örtlichen Medien begleiten uns durch die Altstadt und es werden Fotos gemacht. Die Aktion war ein voller Erfolg.

Inzwischen wird im Rathaussaal die Tontechnik für das bevorstehende Konzert der Wells aufgebaut. Die Gruppe probt und stimmt ihre Instrumente. Der Saal ist fast voll. Das Konzert beginnt: Ein musikalisches Feuerwerk mit stetigem Wechsel der Instrumente begeistert das Publikum. Unnachahmlich die begleitenden Texte von Hans Well: Spitzen auf die Stadtpolitik und auf die Bayerische Staatsregierung. Im Mittelpunkt natürlich Markus Söder, Alexander Dobrindt und Verkehrsminister Scheuer. Es tut so gut, am Ende der Veranstaltung auch einmal richtig lachen zu können. Mit einigen Zugaben endet das Konzert.

Dr. Wolfgang Lerch dankt allen Mitwirkenden, die ganz wesentlich zum Erfolg und an dem Gelingen der IPPNW-Veranstaltung beigetragen haben. Ich weise abschließend auf das wichtige Jahr 2020 hin: 40 Jahre IPPNW und das Erreichen eines Atomwaffenverbots werden wir mit einer großen Veranstaltung in Landsberg gebührend würdigen und auch entsprechend feiern. „Dazu sind Sie schon jetzt herzlich eingeladen. Jeder möge – wie Prof. Lessenich vorgeschlagen hat – fünf Leute mitbringen. Dann feiern wir ein großes Jubiläumsfest der IPPNW. Darauf freue ich mich schon heute!“ so meine abschließenden Worte.

Ein kräftiger und langer Applaus beendet unsere erfolgreiche IPPNW-Veranstaltung.

Rolf Bader, Tagungsleiter und ehem. Geschäftsführer der IPPNW

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