
Kriegsdienstverweigerung als Thema bei der Friedenskonferenz 2026. Foto: Martin Pilgram
Angesichts einer weltweiten politischen Agenda, in der Regierungshandeln zunehmend von Machtpolitik, militärischer Logik und der Durchsetzung nationaler Interessen geprägt ist, werden zentrale Aufgaben wie Diplomatie, Gewaltprävention und ziviles Konfliktmanagement vernachlässigt. Aus einer Fülle von Möglichkeiten fokussierte die Friedenskonferenz 2026 am Beispiel von Kriegsdienstverweigerung und Boykott auf den persönlichen Mut, Krieg und Gewalt zu widersprechen. 270 Besucherinnen und Besucher waren ins Salesianum gekommen.
Podium „Kriegsdienstverweigerung oder: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde.“
Mit diesem Büchlein hat der Journalist Ole Nymoen 2025 die dringend notwendige Debatte über das Recht auf Kriegsdienstverweigerung in unruhigen Zeiten(wenden) befeuert. Unter der Moderation von Kerem Schamberger (Medico) kondensierten sich zentrale Fragen heraus wie z.B.: Mit welchem Recht schickt ein Staat junge Männer in den Krieg zum Töten und Getötetwerden? Wer befiehlt wem, und wer kann sich dem Druck entziehen? Wie verträgt sich militärischer Zwang mit dem Versprechen auf Freiheit und Selbstbestimmung, welches ein Kernelement freiheitlicher Demokratien ist? Simon David Dressler, politischer Influencer, wies auf den bedrückenden Zusammenhang zwischen Armut und militärischer Rekrutierung hin. Das „Menschenmaterial“, welches im Kriegsfall benötigt werde, werde im Wesentlichen aus der gesellschaftlichen Hierarchie von Oben und Unten gespeist.
Die anderen Podiumsteilnehmer*innen berichteten von ihrem persönlichen Schicksal im Widerstand gegen die staatliche Obrigkeit. Der russische Rechtsanwalt Timofey Vaskin engagierte sich für Kriegsdienstgegner in Russland, denn „wer nicht töten will, wird verfolgt“. Der 23-jährige Ukrainer Yan Kormilitsyn entzog sich der Einberufung in die Armee, „weil er keine Zukunft im Töten von Menschen sehe“, und die junge Israelin Sofia Orr verbrachte 85 Tage im Militärgefängnis, weil sie den Militärdienst verweigerte. Einzig die Israelin wagt noch in ihrem eigenen Land zu leben, allerdings mit der Gefahr weiterer Internierungen und sozialer Benachteiligung. Die beiden anderen mussten ihr Engagement gegen militärische Gewalt mit dem Verlust der Heimat bezahlen und ins Exil gehen.
Nicht diskutiert wurde leider das Für und Wider eines allgemeinen zivilen, sozialen oder militärischen Dienstes in Deutschland als Beitrag für eine Gesellschaft, die eben auch von der Solidarität untereinander lebt. Bei gleicher Bezahlung für alle könnte die Wahlfreiheit für jeden Einzelnen fair und demokratiewürdig ausgestaltet werden. So aber bleibt die Befürchtung zurück, dass (ohne diese Diskussion) das Feld argumentativ den Befürwortern des Militärdienstes überlassen bleibt.
Podium: Sanktionen und Boykotte
Wie gewaltfrei sind diese Maßnahmen wirklich?
Kristin Helberg, Journalistin und Autorin mit Schwerpunkt Kleinasien, brachte als Moderatorin das Podiumsformat „Zeit zu reden“ zum ersten Mal aus Berlin heraus und nach München. Sanktionen als Druckmittel des Stärkeren, mit denen er seinen Willen aufzuzwingen droht, verlieren in einer rechtserodierenden Welt ihre Bindung an das Völkerrecht im Sinne der UN-Charta und werden zunehmend zu Akten der Willkür. Aktuellstes Beispiel ist die Sanktionierung gegenüber der UN-Sonderberichterstatterin für Gaza, Francesca Albanese, die auf völlig legale Weise und wissenschaftlich unumstritten ihrem Mandat nachgegangen ist. Ihr Abschlussbericht „Gaza Genocide: a collective crime“ vom Oktober 2025 ist ein aufwühlendes Dokument dafür, wie Krieg zu einem Wirtschaftsfaktor für bekannte westliche Industrien geworden ist. Francesca Albanese war vor einem Jahr zu Gast bei der Münchner Friedenskonferenz, schon damals gab es massiven Druck, ihr den öffentlichen Raum zu verwehren. Bekannt geworden sind die spezifisch deutschen Formen von Cancel Culture an den Beispielen der Münchner und Berliner Universität, wo ihr der Auftritt untersagt blieb. Andererseits bleiben fortgesetzte Verletzungen des Völkerrechtes z.B. durch Israel sanktionsfrei. In diesem Zusammenhang musste auch die Frage unbeantwortet bleiben, auf welcher Grundlage Deutschland entgegen geltendem Völkerrecht, entgegen EU-Recht und entgegen den Artikeln des Grundgesetzes weiterhin Waffen an das kriegführende Israel liefern könne? Welche Machtfaktoren überspielen geltendes Recht?
Unstrittig war jedoch, dass Wirtschaftssanktionen am meisten die Zivilbevölkerung treffen, weil „Eliten immer über eine asymmetrische Anpassungsfähigkeit verfügen“. Boykotte sind dagegen meist Ausdruck eines Protestes von unten. Beispielhaft wurde das an der BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions) diskutiert, einer Bewegung, die 2005 von über 170 palästinensischen NGOs gegen den völkerrechtswidrigen Bau der Sperrmauer im besetzten Westjordanland gegründet wurde. Die auf Export ausgerichtete israelische Wirtschaft sei empfindlich gegenüber Boykotten. In Deutschland wiederum wird BDS von der Regierung sanktioniert u.a. mit dem Hinweis auf den – höchst umstrittenen – Beschluss des Deutschen Bundestages zu Antisemitismus vom November 2024, der sich auf die zweifelhafte Definition der IHRA von 2016 stützt und nicht auf die Jerusalemer Erklärung von 2021.
Auf dem Podium diskutierten Khaled El Mahmoud (Rechtsreferendar am Kammergericht Berlin), Deborah Feldmann (Autorin u.a. von „UnOrthodox“), Dr. Shir Hever (Politologe) und Prof. Dr. Isabel Feichtner (Öffentliches Recht und Wirtschaftsvölkerrecht).
Workshop: Rüstungsexporte
Welche Gesetze gelten wann, wo und wie?
Szene: Vertreter von Regierung, Wirtschaft und Friedensbewegung plädieren aus ihrer Sicht für bzw. gegen eine fiktive Waffenlieferung Deutschlands an den NATO-Partner Türkei; die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutieren in Kleingruppen, zu welcher Entscheidung sie gelangen.
In diesem Rollenspiel wurden rasch die argumentativen Bruchlinien deutlich, welche die deutsch Gesellschaft und letztlich das christlich geprägte Abendland seit der theologischen Begründung des gerechten Krieges durch Augustinus bis heute spalten. Nach Augustinus ist kriegerische Gewalt gerechtfertigt zum Schutze des guten Nachbarn vor dem bösen Nachbarn, um es einfach und anschaulich zu formulieren. Dem steht eine aktiv gewaltfreie politische Haltung entgegen, wie diese grundsätzlich in der Bergpredigt und im Grundgesetz formuliert ist. Das deutsche Bischofswort von 2024 „Friede diesem Haus“ und die aktuelle, heftig umstrittene EKD-Denkschrift „Welt in Unordnung – gerechter Friede im Blick“ versuchen die Quadratur des Kreises, reden aber letztlich einem pragmatischen Regierungshandeln von „gerechter Gewalt“ das Wort, verklären Gewaltfreiheit zu einer individuellen Gewissensentscheidung und verbannen diese damit aus dem gesellschaftlichen Kontext. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Vorteil von gewaltfreien Konfliktlösungen gegenüber militärischen Interventionen werden gar nicht zur Kenntnis genommen (Chenoweth et.al. 2011 und 2019). Vor diesem Hintergrund ist nicht nur die deutsche Regierungspolitik von einer Doppelmoral geprägt, mit deren Zwiespalterei sie durch nachgeordnete Verfahren wie dem Rüstungskontroll- und dem Außenwirtschaftsgesetz das grundgesetzliche Verbot von Rüstungsexporten in Kriegsgebiete u.a. nach Israel aushebelt. Wir leben derzeit in einem Land, in dem es als ehrenhafter gilt, Waffen zum Töten von Menschen herzustellen und die Gesetze so weit zu verbiegen, dass man mit deren Export ordentlich Gewinn machen kann, als Mittel für Diplomatie und gewaltfreie Politik bereitzustellen.
Theater der Unterdrückten
Szene: In der Fußgängerzone wird ein Mensch von anderen attackiert, beschimpft, körperlich bedrängt. Im Rollenspiel wurden realistische, aber sozial heikle Szenen des Alltags aufgegriffen und die Passant*innen/Mitspielenden in einen kreativen Dialog verwickelt, wie sie sich selbst fühlen und wie sie sich verhalten könnten.
Buchlesung „Friedenstüchtig – wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen“
Im Vortrag wie in seinem Buch spannte Fabian Scheidler einen großen Bogen vom „Krieg gegen den Terror“ 2003, dem „Krieg gegen das Virus“ 2020 und dem fortwährenden „Krieg gegen die Natur“. Die Logik von Krieg sei vor allem eine Logik von ökonomischem Vorteil, während Völkerrecht und menschliche Bedürfnisse sich mit nachrangigen Plätzen begnügen müssten. Scheidler führte die wirtschaftliche Bedeutung der unscheinbaren 5% des BIP, welches für Militärausgaben zukünftig vorgesehen ist, vor Augen: der Bundeshaushalt betrage etwas mehr als 10% des BIP, eine Relation, die noch den wenigsten Menschen in Deutschland bekannt sein dürfte!
Mit einem Epilog auf die Kunst des Friedens endete die Buchlesung: „Der Frieden setzt die Fähigkeit voraus, die Welt durch die Augen der anderen zu sehen. Auch und gerade durch die Augen derer, die wir gelernt haben, Gegner zu nennen oder Feind. Er beginnt damit, die Geschichte des anderen zu hören, nicht die eigene zu erzählen. … er beginnt mit dem Austritt aus dem Kabinett der Bilder und dem Eintritt in eine Wirklichkeit unter der Sonne, in der wir erkennen, dass auch wir einen Schatten werfen.“ Damit schloss sich der Kreis von der Selbstwahrnehmung als Mensch hin zum Mut, gegen die zerstörende Logik militärischer Gewalt aufzustehen, ob als Kriegsdienstverweigerer, als Boykotteur, ob im Straßentheater oder im Alltag.
Josef Raab ist Mitglied der IPPNW-Regionalgruppe München und Mitglied im Organisationsteam der Friedenskonferenz, die vom 13.-15.Februar 2026 in München stattfand.