Gegen die Wehrpflicht: Ansprache beim Schülerstreik in Hagenow

Schulstreik gegen die Wehrpflicht

Schulstreik (Symbolbild). Foto: IPPNW

Liebe Schüler und Schülerinnen, liebe Teilnehmer*innen dieser Kundgebung,
Ich bin berührt, zu Euch als “Grauhaariger” sprechen zu dürfen. Dafür herzlichen Dank. Ich bin stolz auf Euch und beglückwünsche Euch, diese Kundgebung organisiert zu haben oder einfach hier hergekommen zu sein. Uns verbindet über die Generationen hinaus das gemeinsame Anliegen: statt kriegstüchtig friedensfähig zu werden.

Der Zwangsdienst zur Wehrpflicht ist allerdings ein Baustein zum Kriegführen. Und darauf laufen wir als Gesellschaft systematisch zu. Nichts anderes verkündete letzten Sonntag unser Bundeskanzler Merz: “Grundlegende Interessen müssen notfalls mit militärischer Gewalt durchgesetzt werden.” Welche Interessen sind das? Das ist nicht nur eine Absage an das Völkerrecht, sondern eine Kriegserklärung gegen Euch: Ihr sollt Euer Leben zukünftig zur Durchsetzung wirtschaftlicher und politischer Interessen opfern. Da kann man nur “Nein” sagen.

Krieg darf nie ein Mittel zur Erreichung politischer Ziele sein. Gegen diese militaristische Auffassung habe ich mein Leben lang gekämpft. Im Gegensatz zu den meisten von Euch habe ich unmittelbar die humanitären Folgen von Kriegen erlebt: Ich bin Nachkriegskind des Zweiten katastrophalen Weltkrieges und habe die dort erworbenen Traumata meiner Eltern mittragen müssen.

Ich habe allerdings auch auf der zivilen Seite die unmittelbaren Folgen von Krieg und militärischer Gewalt erlebt, bin jungen Soldaten mit zerschossenen Gliedmaßen und entstellten Gesichtern begegnet, habe das Weinen, die Panik und die Angst in den Augen von Kindern und Jugendlichen erleben müssen, habe die verstummte Trauer um getötete Geschwister oder Söhne und Töchter mitbekommen und die Verrohung und seelische Grausamkeit durch militärische Gewalt miterlebt.

Als Kinder- und Jugendarzt habe ich später die häufig kaum zu heilenden und die jahrelangen, manchmal lebenslangen leidvollen eher unsichtbaren Traumata behandeln müssen. Meine Schlussfolgerung daraus: Krieg ist die schlimmste Krankheit, ihr kann man nur präventiv begegnen.Die Wehrpflicht als eine Vorbereitung auf den Krieg ist sicher das falsche Heilmittel. Das müssen wir unseren politischen Entscheidungsträgern heute leider deutlicher denn je zeigen. Ihr setzt dazu heute ein ganz wichtiges Zeichen.

Den Wehrdienst zu verweigern gehören heute in diesen Vorkriegszeiten mehr Mut, Ausdauer und Stehvermögen zu seiner Überzeugung. Ihr hier heute setzt ein öffentliches Zeichen. Seid gewiss, wir, auch wenn wir schon im Alter fortgeschritten sind, wir werden auf Eurer Seite bleiben. Herzlichen Dank.

Ernst-Ludwig Iskenius ist Kinderarzt im Ruhestand und IPPNW-Mitglied.