„Gewerkschaftsarbeit ist schwierig geworden“

Die Gesundheitsplattform Diyarbakir erinnert an die Covid-19-Toten und warnt vor der Überlastung des Gesundheitssystems. Bild: © Twitter SES Amed / @sesamed21, 01.04.2021  (bearbeitet)

Über die Coronapandemie in der Südosttürkei und die Arbeit der Gesundheitsgewerkschaft SES in Diyarbakir – Online-Besuch am 1. April 2021

Wir sprechen mit dem Ko-Vorsitzenden Siyar Güldiken der Gesundheitsgewerkschaft SES in Diyarbakir, einem Psychologen. Die Ko-Vorsitzende kann nicht teilnehmen, weil sie coronainfiziert und krank ist. Andere Mitglieder sind im Notdienst und lassen grüßen. Güldiken hat an den Fortbildungen teilgenommen, die die Kollegin Neşmil Ghassemlou für die Psychologen in Diyarbakir durchgeführt hat, als das noch möglich war. Er erinnert sich auch gut an frühere Besuche der Gruppe.

Herausforderung für das Gesundheitswesen

Die Pandemie ist unser erstes Thema. Die Belastungen des Gesundheitspersonals sind sehr hoch. In Diyarbakir wurde eine große Klinik als Forschungskrankenhaus für Coronapatient*innen vorgehalten. Die Regierung hat eine Risikokarte für das ganze Land erstellt, in dem die Fallzahlen nach Farben dargestellt waren, Blau für niedrige bis Rot für hohe Inzidenzen. Der Südosten war anfangs blau. Seit den ersten Lockerungen Anfang März sind die Zahlen stark angestiegen, um das Fünffache in Diyarbakir. Das Gebiet ist jetzt orange. 110 Patien*innen werden in Krankenhäusern behandelt, täglich gibt es 250 Neuinfizierte. 18.000 Menschen arbeiten im Gesundheitswesen. 2.000 haben sich infiziert, 19 sind bisher gestorben.

Sie beobachten, dass offenbar weltweit die Gesundheitssysteme der Pandemie nicht gewachsen sind. Die Regierungen greifen für ihre einschneidenden Beschlüsse nicht auf den Rat der Gesundheitsfachleute vor Ort zurück.

In der Türkei wird der Sinuvac-Impfstoff aus China verimpft. Das Vertrauen in diesen Impfstoff ist nicht gut, besonders hier im Südosten, wo die Menschen der Regierung nicht vertrauen. So haben sich 30% der Beschäftigten im Gesundheitswesen nicht impfen lassen. Bei den über 65jährigen sind es sogar 50%, weil noch die dazu kommen, die es nicht geschafft haben, sich auf die Impflisten setzen zu lassen.

Intransparentes System

Den offiziellen Zahlen ist nicht zu trauen. Das System ist völlig intransparent. Wenn sie als Gewerkschaft eigene Zahlen veröffentlichen, gibt es Druck. Sie werden zur Staatsanwaltschaft bestellt. Soweit sie wissen, sind in Diyarbakir zehn Beschäftigte im Gesundheitswesen nach zweimaliger Impfung erneut infiziert worden. Bei einigen Geimpften sind erhöhte Blutzuckerwerte festgestellt worden. Insbesondere die offiziellen Todeszahlen sind nicht verlässlich. An einem Tag, an dem landesweit 100 Todesfälle gemeldet wurden, starben allein in Diyarbakir 15 Menschen und auch die vom Oberbürgermeister von Istanbul für diesen Tag angegebenen Corona-Toten lassen eine viel höhere Zahl landesweit vermuten. Die beiden SES-Mitarbeiter, die die Meldung über die 15 Toten in Diyarbakir bekannt gegeben haben, wurden zur Staatsanwaltschaft zitiert.

Engagement trotz Repressionen

Die SES kann, ebenso wie die anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen, keine Presserklärungen machen. Megafone sind verboten. Bei dem Versuch kommen auf 10 SES-Mitarbeiter*innen 100 Polizisten. Selbst bei ihrer Arbeit im Krankenhaus werden sie von der Polizei daran gehindert, mit den Angehörigen der Patienten zu sprechen. Die psychische Belastung durch die Pandemie ist sehr hoch für alle. Eine mesopotamische Psychologenvereinigung bietet eine Telefonberatung für Gewerkschaftsmitglieder an, die sie als sehr hilfreich empfinden. Er arbeitet in einer privaten Klinik. Sie sehen sehr viele Patient*innen mit Angst und Panikattacken. Für diese wohlhabenden Menschen gibt es Hilfe, für die anderen ist eine Behandlung nicht erreichbar. Er hat sich mit einem der entlassenen Kollegen zusammen getan, um gegen kleines Entgelt auch armen Patient*innen psychologische Hilfe anzubieten. Es gibt eine ansteigende Selbstmordrate in der Stadt, besonders im Stadtteil Silvan, die der Armut und der Perspektivlosigkeit geschuldet ist.

SES und andere zivile Gruppen versuchen auf vielen Wegen trotz der Repression politisch tätig zu sein. Der früher jährlich stattfindende Mesopotamische Ärztekongress ist seit zwei Jahren nicht mehr möglich, seit der DTK – der demokratische Kongress der Völker – unter Terrorverdacht geraten ist und viele seiner Mitglieder verhaftet wurden. Dr. Adnan Selçuk Mizraklı war einer der wichtigsten Motoren für diesen Ärztekongress. In der Amed-Gesundheitsplattform haben sich sieben Gruppen zusammengeschlossen, Ärztekammer, SES. Psycholog*innen, Sozialarbeiter*inn und Tierärzt*inn, die sich via Zoom treffen und in erster Linie versuchen, Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Sie haben Informationsmaterialien zum Schutz gegen das Virus für die Bevölkerung erstellt, u.a. ein kleines Video. Manchmal treffen sie sich vor dem Forschungskrankenhaus für den Versuch einer Presseerklärung oder zum Gedenken an Verstorbene. Wegen der harten Repressionen hat sich die Wirtschaftskammer aus der Plattform zurückgezogen

Viele sind arbeitslos oder in Haft

Einige der entlassenen Gewerkschaftsmitglieder sind weggezogen, weil sie keine neue Arbeit gefunden haben. Einige sind noch im Gefängnis. Die meisten sind aber in der Stadt geblieben, da sie sich der Gruppe und der Arbeit verbunden fühlen. Die Gewerkschaft zahlt entlassenen Mitgliedern weiterhin 1500 Türkische Lira im Monat. Hülya A., an die wir uns gut erinnern, wurde erst letzte Woche aus der Haft entlassen. Sie organisierte 2016 die Sitzwachen nach den Entlassungen, hat danach in der Stadtverwaltung gearbeitet, wurde zur Ko-Bürgermeisterin in einem Stadtteil von Diyarbakir gewählt und bekam dann als Entlassene aus dem öffentlichen Dienst ihre Akkreditierung nicht. Schließlich wurde sie inhaftiert und war bis jetzt im Gefängnis.

Pressearbeit ist sehr schwierig geworden. Die Medien sind regierungskonform gleichgeschaltet. Die Nutzung sozialer Medien ist gefährlich. Sie führt zu Vorladungen bei der Staatsanwaltschaft oder zu nächtlichen Razzien zu Hause. Es gibt noch die oppositionelle Tageszeitung Jeni Aksam als Nachfolgerin der Özgür Gündem. Die lesen aber nur die Leute, die eh zur Opposition gehören. Sie erreichen nicht Menschen, die andere Überzeugungen haben. Im Türkischen sagt man: “Wir musizieren für uns – wir tanzen für uns“.

Journalist*innen leben unter besonders großem Druck. Viele sind zu hunderten Jahren Gefängnis verurteilt. Vier Reporter, die darüber berichtet haben, dass in Van zwei Männer aus einem fliegenden Hubschrauber gestürzt wurden, stehen vor Gericht.

Im Schatten von Corona

Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker gibt es in Diyarbakir nicht. Die Menschen haben zu viele reale Sorgen. Sie haben sehr hart und real das Sterben durch Corona erlebt. In seiner Familie sind mehrere, auch jüngere Leute verstorben, andere waren schwer erkrankt, auch er selbst. Er hat seitdem immer noch Gedächtnisstörungen.

Wir erleben, dass durch dieses Virus die ganze Welt unter Zwang und Kontrolle gestellt worden ist und sollten das sehr ernst nehmen. Sie durften sich nicht mit fünf Personen im Freien treffen, die AKP hat aber in einer geschlossenen Halle mit Tausenden ihren Parteitag abgehalten. Die Pandemie ist eine große Krise, aber was alles im Schatten der Pandemie politisch geschieht, ist ebenso schlimm. Wir müssen das sorgfältig analysieren und gemeinsam dagegen arbeiten. Sonst haben Kinder wie sein zweijähriger Sohn eine noch schlechtere Zukunft.

Trotz der großen Arbeitsbelastung mit nahezu täglichen Videokonferenzen nach dem Dienst war das Treffen heute mit uns für ihn eine große Freude und Ermutigung. „Nächstes Jahr in Diyarbakir.“

Inshallah.

Dr. Gisela Penteker ist IPPNW-Mitglied.