Kohle macht krank!

Demonstration am Rande des Braunkohletagebaus Garzweiler, Foto: IPPNW

Health and Climate Justice Konferenz auf dem Klimacamp im Rheinland – ein Bericht ohne Fakten

Warum habe ich mir das nicht viel früher angesehen? Ich komme aus der Gegend, die Tagebaue Garzweiler waren nah und die Kraftwerke von RWE die „Wolkenfabriken“ meiner Kindheit. Mit der arbeitsmedizinischen Exkursion im Studium haben wir dann das Kohlekraftwerk Weisweiler besucht, mit dem Fokus auf die medizinische Versorgung der Mitarbeiter*innen. Danach gefragt, was schon seit den 80ern in den Dörfern rund herum passiert, hat niemand. Ich auch nicht.

„Warum kommt ihr erst jetzt?“ ist darum auch eine völlig berechtigte Frage der Anwohner*innen, zermürbt von mehr als 30 Jahren Sorge um ihre Heimat, krank, gebrochen, bereits umgesiedelt oder von Zwangsumsiedlung bedroht. Andere fühlen sich bestärkt, endlich gehört zu werden und haben wieder neuen Mut gefunden, sich gegen RWE zur Wehr zu setzen, so wie beispielsweise die „Buirer für Buir“ oder die Initiative „Alle Dörfer bleiben“. Es tat gut zu hören, Menschen, allein durch unsere Anwesenheit, neuen Mut zu machen. So einfach kann es sein. Und Mut brauchen sowohl sie als auch wir. Angesichts des Kraters in der Erde, in dem gerade fünf Bagger gleichzeitig waren, sagte ein Teilnehmer der Demonstration unter Tränen: „Wir vergewaltigen unsere Erde!“ Ungefähr 100 Polizist*innen begleiteten uns knapp 60 Demonstrant*innen entlang des Tagebaus. Diese Aufmerksamkeit „freut“ einen einerseits, da es einem zeigt: das ist das Thema gerade. Hier bewegt sich was. Andererseits macht es aber auch klar: Es geht um Macht, um Geld und es kann jederzeit eskalieren.

Warum kümmert sich niemand um die Krebskranken hier? Warum misst niemand Feinstaub und Quecksilber in den Dörfern? Bei der Podiumsdiskussion „Gesundheitsperspektiven auf den Kohleausstieg“ u.a. mit Antje Grothus (Anwohnerin und Mitglied der Kohlekommission) wurde zwei Stunden lang angeregt und konzentriert über die gesundheitlichen Folgen, internationale Dimensionen, Solidarität und die Systemfrage diskutiert. Die AG Gesundes Klima der Kritischen Mediziner*innen hatte zur dreitägigen Konferenz im Rahmen des Klimacamps eingeladen und die Veranstaltung hat sich sehr gut ins allgemeine Camp integriert. Die persönlichen Kontakte, der Austausch mit Aktivist*innen unterschiedlichen Hintergrunds und das einfache Leben im basisdemokratisch organisierten Camp waren eine heilsame und bereichernde Erfahrung!

Tja, warum war ich nicht früher hier? Ich weiß es nicht. Aber ebenso, wie mich Büchel als besonderer Ort zum Thema Atomwaffen und drohende Auslöschung berührt hat, hat dies Garzweiler in Bezug auf die schon laufende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Ich möchte jedenfalls jede*n bitten, sich einen Tagebau anzuschauen, mit Anwohner*innen zu sprechen und sich einzubringen – wir können alle etwas tun, um die Klimakatastrophe noch einzugrenzen.

P.S. Zahlen und Fakten gibt es genug. Warum Kohle krank macht und das Klima schädigt, ist hinreichend belegt. Der Zusammenhang zwischen der Ausbeutung von Ressourcen und entstehenden gewaltsamen Konflikten ebenso. Ich habe bewusst auf diese Fakten verzichtet, da sie jede*m jedem*jeder zugänglich sind. Persönliches Erleben und Betroffenheit kann jedoch unseren Zusammenhalt stärken, über alle Unterschiede in den zivilgesellschaftlichen Gruppen hinweg.

Dr. Katja Goebbels ist IPPNW-Vorstandsmitglied.

Ein Gedanke zu „Kohle macht krank!

  1. Ohne Betroffenheit, ohne eine emotionale Stärke, ohne das Spüren der Kraft, sich gemeinsam entgegenzustellen, lässt sich kein langer Widerstand durchhalten. Wir brauchen neben den Fakten und allen Tatsachgen aber auch das soziale Erlebnis von Camps, Begegnung, eigener Anschauung, des sich berühren lassen, des Austausches, des persönlichen Gesprächs, aber auch des gemeinsamen Tuns, auch im Zivilen Ungehorsam.. Symbolische Orte wie Garzweiler, Pödelitz, Büchel, Schnöggersburg etc brauchen wir, als Individuum, als Aktivist*in, als politisch wache Menschen, als Bewegung. Schön, dass Ihr im Rheinland ward, während wir in Dresden zur Gerechtigkeit und Menschenrechten auf der Strasse waren. Der gemeinsame Kampf an unterschiedlichen Orten macht uns erst stark. Wo viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten kleine Dinge tun, verändern sie das Gesicht dieser Welt. Danke, dass Du Deinen Bericht so veröffentlicht hast. Elu

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