Krieg beginnt bei uns!

Die Besetzung wird eingekesselt, Foto: Jens Volle / Gewaltfreie Aktion GÜZ abschaffen

Die Besetzung wird eingekesselt, Foto: Jens Volle / Gewaltfreie Aktion GÜZ abschaffen

Wem ist in unserem Alltag schon bewusst, dass Deutschland seit 20 Jahren in Kriege verwickelt ist – nicht nur durch Rüstungsexporte und ökonomische Unterwerfung, sondern gezielt durch Militär und und Beihilfe zum Töten? Krieg muss geübt werden. Als größter und modernster Truppenübungsplatz Europas dient dazu das Gefechtsübungszentrum (GÜZ) des Heeres in der Colbitz-Lentzlinger Heide nördlich von Magdeburg, jeden Auslandseinsatz vorzubereiten. Dieses Zentrum der Bundeswehr wird auch ausländischen Armeen für Übungen zur Verfügung gestellt. Die Vegetation des 230 Quadratkilometer großen Geländes ist bewusst niedrig gehalten, um die aktuellen Einsatzgebiete zu spiegeln. Das „Kronjuwel“ des Geländes ist allerdings Schnöggersburg. Hier wurde für 140 Millionen Euro eine moderne Stadt in all ihren Details installiert wie z.B. einer U-Bahn, einem Stadion, Kirche, Moschee, Rathaus, 500 Wohnhäusern verschiedener Größen, einem Elendsviertel. In Schnöggersburg wird Aufstandsbekämpfung geübt, denn die Bundeswehr geht davon aus, dass in zukünftigen Kriegen die Infrastruktur des Gegners der zentrale Angriffspunkt ist. Üben lässt sich damit aber auch militärische Aufstandsbekämpfung, das betrifft auch das Inland. Diese doppelte Kriegsvorbereitung wird bisher erfolgreich von der Öffentlichkeit abgeschirmt und mit freundlichem Propagandamaterial abgedeckt.

Während der Besetzungsaktion „GÜZ Abschaffen“ vom 16. -21.9.2020 gelang es gut 20 Menschen aus dem Umfeld von JUNEPA (Junges Netzwerk für Politische Aktion), der Bürgerinitiative Freien Heide und aus dem Spektrum der Gewaltfreien Aktion, gut vorbereitet auf das Gelände des Truppenübungsplatzes vorzubringen und zwei Tage lang und eine Umwidmung in ein Friedensübungszentrum (FÜZ) vorzunehmen. Während dieser Zeit fanden keine Kriegsübungen statt.

Gewaltfreie Aktion GÜZ abschaffen. Foto: © JUNEPA

Gewaltfreie Aktion GÜZ abschaffen. Foto: © JUNEPA

Die Gruppe wählte als Aktionsort das ehemalige Dorf Salchau, das 1934 von den Nationalsozialisten geschleift und dessen Bewohner*innen vertrieben wurden. Auf diesem Gelände wurde die Entwicklung von Kanonen mit größerer Zerstörungskraft und Reichweite für die deutsche Armee vorangetrieben. Heute steht auf dem damaligen Dorfplatz die Imitation einer Siedlung aus ärmeren Ländern, wie sie z.B. im Kosovo, Nahen Osten oder Afghanistan zu finden ist. Statt einer Kirche ist ein Minarett angedeutet. Am alten Friedhof, in unmittelbarer Nähe eines Kriegerdenkmals, haben wir unsere Umwidmungsarbeit begonnen: Blumenbeete wurden angelegt, ein Friedensweg gestaltet, eine Bibliothek eingerichtet, Transparente und Plakate aufgehängt, das Kriegerdenkmal mit einem Banner. „Krieg tötet!“ neu gestaltet.

Nach einigen Stunden griff das Militär mit Unterstützung der Polizei aus Magdeburg in unser Tun ein und forderte uns auf, über den alten Weg das Gelände wieder zu verlassen. Als wir dieser Aufforderung nicht nach kamen, wurden unsere Personalien aufgenommen. Die Polizei gab unsere Daten direkt an das Militär weiter. Eine Räumung blieb aber aus. Wir konnten die Nacht unter Beobachtung der Militärpolizei in unseren Zelten verbringen. Das ist ein Novum in der Widerstandsgeschichte der Freien Heide.

Am nächsten Tag sperrten wir das „Übungsdorf“ Salchau mit Flatterband ab und hängten unsere Botschaften auf. In unseren Workshops hatten wir die Geschichte der Kontinuität von Kriegsvorbereitungen bearbeitet. Dabei konnten wir erfahren, dass dieses Übungsgelände auch ein Ort von schweren Kriegsverbrechen ist. Einer der Todesmärsche gegen Ende des Zweiten Weltkrieges führte quer durch dieses Gelände. Unser Rückweg führte entgegen dem Willen der Militärs über diesen historischen Weg zurück.

Die Mobilisierung im Vorfeld dieser Besetzungsaktion war durch die Einschränkungen durch „Corona“ erschwert, trotzdem konnte gezeigt werden, dass mensch auch mit einer kleinen Gruppe wirkungsvollen Widerstand gegen die aktuellen Kriegsvorbereitungen leisten kann. Die gewaltfreien Besetzungsaktionen und die regelmäßigen Friedenswege der Bürgerinitiative Freien Heide jeden ersten Sonntag im Monat werden fortgesetzt. Als IPPNW-Mitglieder haben wir dieses Jahr teilgenommen und würden uns freuen, wenn im nächsten Jahr mehr Mitglieder unserer Friedensorganisation an einer Besetzungsaktion gegen die aktuellen Kriegsvorbereitungen teilnehmen werden. Dazu laden wir herzlich ein.

Mehr Informationen: www.gewaltfreie-aktion-guez-abschaffen.de
Fotos hier: www.flickr.com/photos/junepa/albums/72157715968298088/

Elke Schrage und Ernst-Ludwig Iskenius sind IPPNW-Mitglieder