
Foto: Polina Tankilevitch / pexels.com
Bericht über die Veranstaltung am 2. Juli 2026 in Essen
Bis auf den letzten Platz besetzt war die Essener Marktkirche am 2. Juli 2026. Der Kirchenkreis Essen, die Regionalgruppe Essen der IPPNW – Internationale Ärztinnen und Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, die Leserinitiative Publik-Forum und die Evangelische Akademie Rheinland hatten dort zu einer hochspannenden Podiumsdiskussion geladen. Ausgangspunkt des Gedankenaustauschs war die Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von 2025, die die kompetenten Podiumsteilnehmer sehr unterschiedlich bewerteten.
Militärdekan Dr. Roger Mielke begrüsste die neue Denkschrift als realitätstauglich und setzte in der aktuellen Lage auf Prävention durch Herstellung von Kriegstüchtigkeit. Auch Atomwaffen seien dabei zur Abschreckung unverzichtbar. Dagegen bezog Dr. Angelika Claußen, Co-Vorsitzende der Nobelpreisträgerorganisation IPPNW, klar Position. Zwar erkannte auch sie an, dass sich die Bedrohungssituation weltweit verschärft habe, gleichwohl warnte sie eindringlich vor einem fortgesetzten Rüstungswettlauf sowie besonders vor nuklearer Aufrüstung. Androhung und Einsatz von Atomwaffen würden vom Internationalem Gerichtshof als völkerrechtswidrig eingestuft. Deshalb müsse die „nukleare Teilhabe“ im Rahmen der NATO unbedingt beendet und die Bundesregierung endlich dem Atomwaffenverbotsvertrag beitreten.
Als oberster Repräsentant und Leiter der Evangelischen Kirche im Rheinland verurteilte auch Präses Dr. Thorsten Latzel das Konzept der atomaren Abschreckung. Ethisch seien Atomwaffen nicht zu rechtfertigen, gleichwohl müsse man aus Sicht der Kirche in der aktuellen Bedrohungslage aber anderslautende politische Entscheidungen wohl akzeptieren.

Foto: IPPNW
Trotz aller inhaltlichen Differenzen zeichnete sich der Austausch auf dem Podium durch ein faires und offenes Ringen um Ideen zum Erhalt des Friedens aus. Konkrete gemeinsame Ansatzpunkte wurden sichtbar, als Frau Dr. Claußen vehement an die Kirchenvertreter appellierte, sich mit der IPPNW für Verhandlungslösungen und für Rüstungskontrolle einzusetzen. Präses Dr. Latzel bekräftigte daraufhin, dass sich die evangelische Kirche nach wie vor als Teil der Friedensbewegung verstehe: Den Weg des Friedens zu beschreiten entspreche eindeutig dem christlichen Auftrag. Deshalb setze man auf Friedensfähigkeit und Strategien zur vorausschauenden Konfliktlösung. Auch Dr. Mielke plädierte in diesem Kontext entschieden für einen Neustart im Bereich der Rüstungskontrolle.
Konzentriert verfolgten die zahlreichen Teilnehmenden den Austausch der Experten auf dem Podium. Einige von ihnen ergriffen anschließend die Gelegenheit, sich selbst mit engagierten Beiträgen einzubringen. Die Bandbreite der Themen reichte dabei von Unmut über die EKD-Denkschrift bei einzelnen Gemeindemitgliedern bis hin zu unterschiedlichen Beurteilungen der Frage, inwieweit wir inzwischen in einer militarisierten Gesellschaft leben.
Insgesamt ein anregender Abend, der existentielle Themen aufgriff, die heute Menschen bewegen. Es macht Hoffnung, dass hier ein konstruktiver und wertschätzender Austausch möglich blieb, sicher nicht zuletzt dank der sachkundigen und einfühlsamen Moderation von Christoph Fleischmann, Publik-Forum. Fortsetzung dringend empfohlen!
Dr. Bärbel Naderer ist Mitglied der IPPNW-Regionalgruppe Essen.

IPPNW-Stellungnahme zur Friedensdenkschrift 2025 der Evangelischen Kirche in Deutschland: Download | Bestellen