Newroz in Diyarbakir

Newroz-Fest in Diyabakir 2019, Foto: IPPNW

Morgens vor unserem Hotel in Diyarbakir strahlt die Sonne über die hohen Häuser in unsere Gesichter. Schnell reichen wir noch die Tube mit der Sonnencreme Faktor 50 herum. Eine wichtige Vorsichtsmaßnahme für den langen Tag in der Sonne – denn wir sind auf dem Weg zum Newroz Fest. Letztes Jahr wurden die Feierlichkeiten erst ganz kurzfristig genehmigt. Die recht spontan erfolgende Mobilisierung, sehr umfangreiche und unfreundliche Polizeikontrollen, sowie strikte Verbote und Beschlagnahmung von kurdischen Symbolen führten zu einer ziemlich verhaltenen, angespannten Veranstaltung. Dies wurde durch die Geschehnisse in Afrin natürlich noch weiter verstärkt.

Zu unserer großen Freude zeigt sich bereits im Bus, dass das dieses Jahr wieder anders ist. Eine Gruppe junger Menschen steht dicht gedrängt und singt ein Lied nach dem Anderen. Bei „Bella Ciao“ können wir auch mit einstimmen. Der Fußweg von der Bushaltestelle zum Festplatz ist an den Seiten gesäumt von kleinen Verkaufsständen. Wo letztes Jahr ein fast leerer Korridor zu den Polizeiabsperrungen führte, gibt es jetzt Cay-Stände, kunstvoll aufgetürmte Sesamkringel, würzig duftende Köfte-Rollen, Obststände – und auch kurdische Festkleidung sowie Tücher und geflochtene Bänder in den kurdischen Farben rot-grün-gelb zu kaufen.

In der Hoffnung, die Bänder dieses Jahr durch die zwei Kontrollen zu kriegen, kaufen wir einige davon. Und tatsächlich nehmen uns nach dem großen Gedränge, Geschiebe und Geschubse an den schikanösen Einlasskontrollen die zumeist sehr jungen Polizist*innen zwar Stifte, Notizbücher und Labellos ab – nicht aber die bunten Bänder. Der generelle Umgang der Polizei mit der Masse der Besuchenden ist gelassener als letztes Jahr. Auch den anderen Menschen scheint weniger abgenommen zu werden. Dort türmten sich Berge von Tüchern, Büchern, Stiften, Fahnen neben den Absperrungen – heute sind es nur kleine Haufen. Dabei ist das Vorgehen der Polizei weiterhin sehr willkürlich.

Mit der großen, relativ gelöst gestimmten Menge strömen wir auf den Festplatz und bahnen uns den Weg bis zu einem Aussichtspunkt auf die riesige Bühne. Immer wieder erregen wir das Interesse der Umstehenden, werden freundlich begrüßt und auf Gruppenbildern verewigt.

Auf der Bühne wechseln sich Bands mit lauter, stimmungsvoller Musik und politische Redebeiträge ab. Von allen sieben kurdischen Parteien und Plattformen, die für die am 31. März 2019 anstehenden Wahlen ein Wahlbündnis mit der HDP gebildet haben, sprechen Vertreter*innen. Zentrales Thema ist bei allen die Bedeutung dieses Bündnisses. Noch bei der letzten Wahl war dies nicht möglich, da die Differenzen zwischen den kurdischen Gruppierungen zu groß waren. Jetzt – mit größerer Einigkeit – könne ein deutliches Signal nach Ankara gesendet werden, dass die Kurd*innen in der Lage sind gemeinschaftlich zu regieren.

Mit dem Signal sollen auch gleich die Zwangsverwalter*innen nach Ankara geschickt werden. Die große Hoffnung ruht auf dem Gewinn der Wahlen – und darauf, dass dann die Stadtverwaltung wirklich von der kurdischen Koalition besetzt werden und demokratisch regiert werden kann.

Andere Sprecher*innen wie Ayse Gülkan von der Bewegung der Freien Frauen nehmen direkten Bezug auf den seit 130 Tage andauernden Hungerstreik von Leyla Güven. Die türkische Regierung wird aufgefordert, die Isolationshaft von Öcalan und allen anderen Gefangenen zu beenden. Denn das türkische Strafgesetz benenne Isolationshaft als menschenunwürdige Behandlung und sähe vor, dass Gefangenen Zugang zu ihren Familien und juristischen Beiständen gewährt würde. Erst wenn die türkische Regierung ihre eigenen Gesetze anwenden würde, wären Frieden und Demokratisierung für die Türkei möglich.

Drei HDP-Abgeordnete im Hungerstreik wollen durch den Protokolleingang auf die Bühne,  um die Anwesenden zu grüßen. Zuerst wird ihnen von der Polizei der Zutritt zur Bühne verweigert – nach kurzer Diskussion mit den Veranstalter*innen dann aber doch erlaubt. Ein Jahr nach der gewaltsamen türkischen Besetzung von Afrin, ist die Lage dort heute kein Thema auf der Bühne.

Mehrfach stimmen Redner*innen den Ruf „Es lebe Apo – es lebe Kurdistan“ an. Die Moderator*innen weisen daher immer wieder auf die Auflagen der Polizei für diese Veranstaltung und die darin enthaltenen Verbote von bestimmten Symbolen und Gegenständen hin. Die Besucher*innen haben sich augenscheinlich auch an die Verbote gehalten: Wir sehen keine Bilder von Abdullah Öcalan, kaum große Fahnen, kaum jemand ist in YPG-Uniform. Die Stimmung bleibt insgesamt friedlich und relativ entspannt.

Gegen 14 Uhr wird das große Newrozfeuer auf dem Platz angezündet. Bis dahin haben sich geschätzte 800.000 Menschen versammelt. Selbst als wir gehen, strömen immer noch junge Menschen, alte Leute und Familien hinzu. Jetzt kommen auch viele derjenigen öffentlich Angestellten, die wie jedes Jahr schriftlich versichern mussten, dass sie zu Newroz arbeiten. Und auch die Jugendlichen, die grade heute in der Schule noch Prüfungen schreiben mussten.

Abends zurück im Hotel erfahren wir von unserer Übersetzerin, dass es eine größere Anzahl an Festnahmen gab, wie viele ist noch unklar. Einige davon tatsächlich wegen des Tragens der Bänder in den kurdischen Farben, über deren Behalt wir uns so gefreut haben. Ansonsten blieb es wohl bis zum Ende friedlich.

Unsere Übersetzerin ist selbst überrascht vom heutigen Tag und vermutet, dass die Polizei und die Behörden so kurz vor der Wahl auf keinen Fall größere Provokationen herbeiführen wollten. Ihrer Ansicht nach hat die AKP in dieser Gegend zwar keine Hoffnungen auf einen Wahlsieg – dennoch will die Regierung nicht noch mehr an Ansehen verlieren. Aufgrund der insgesamt sehr angespannten politischen Situation und aus dem aktuellen Anlass des Suizids des 19-jährigen Zül Küfgezen, kam es früher in dieser Woche bereits zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Polizei. Weitere solche Zwischenfälle sollten wohl verhindert werden.

Das heutige Verhalten der Polizei ist also als politisches Kalkül vor der Wahl zu werten – nicht als Anerkennung der Bedeutung von Newroz für die kurdische Bevölkerung.

Dr. Gisela Penteker ist IPPNW-Mitglied und Türkei-Beauftragte der IPPNW. Sie ist Teilnehmerin einer Reise von IPPNW-Ärzt*innen und Friedensaktivist*innen in die Türkei.

Ein Gedanke zu „Newroz in Diyarbakir

  1. Schön, dass ihr wenigstens ein friedliches Fest erlebt habt. Viele offene Türen auf eurem weiteren Weg wünscht euch Rainer Kohlhaas

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