Pandemie der Ungleichheit in der Türkei

Egitim Sen (Symbolbild). Original: son tilki / CC BY-NC 2.0

Egitim Sen (Symbolbild). Original: son tilki / CC BY-NC 2.0

Onlinebesuch bei der Bildungsgewerkschaft Eğitim Sen,
Diyarbakir, 10. April 2021

Vor unserem Treffen berichtet Christa Blum von der drohenden Abschiebung von Nazdar Ecevit aus Deutschland in die Türkei. Ecevit saß als HDP-Mitglied fünf Jahre im türkischen Gefängnis, bevor sie vor fünf Jahren in Deutschland Schutz suchte. Grund für die Abschiebung scheint schlicht, dass deutsche Behörden ihr keinen Glauben schenkten. Zur Verhinderung sind Petitionen und Proteste dringend erforderlich.

Von den 22 verhafteten Aktivistinnen nach der Razzia im Frauenverein „Rosa“ berichtet Serra, befänden sich zehn Frauen noch in U-Haft. Die Staatsanwaltschaft habe eine verlängerte U-Haft gefordert. Die anderen seien unter der Auflage entlassen worden, sich wöchentlich auf der Polizeiwache zu melden.

Bildungsgewerkschaft Eğitim Sen in Diyarbakir

Die Treffen mit Eğitim Sen waren bei unseren Besuchen in Diyarbakir oft die lebendigsten. Besonders wenn sie in den Räumen des Dachverbandes KESK stattfanden, habe es vielfältige, auch kontroverse Diskussionen mit und unter den lokalen Gewerkschaftsgruppen gegeben, beginnt Gisela unser heutiges Gespräch. Unsere Gesprächspartner sind Emine Kocyigit, Hasan Citrik und Abdulcebbar Tekin. Sie sind jeweils Teil der Doppelspitzen in einem der drei Büros von Eğitim Sen in der Stadt. Gewerkschaften setzen wie kurdische Parteien und andere Organisationen das geschlechtergerechte Prinzip der Doppelspitze um, senden damit ein Zeichen an die Bevölkerung. In den Gewerkschaften seien häufig neue Gesichter zu sehen. Das habe mit der politischen Situation in der Türkei und der Region zu tun und sei nicht immer freiwillig entstanden.

„Die Karawane geht ihren Weg und lernt dabei“

Emine, Hasan und Abdulcebbar berichten abwechselnd von ihrer Lehrertätigkeit in der Pandemie. Von 500.000 Schülerinnen und Schülern der Stadt hätten über 200.000 in einem Jahr Lockdown gar keinen Unterricht erlebt, „nicht einen Tag.“ Obwohl Gewerkschaft und Lehrkörper früh Digitalisierung gefordert hätten, seien sie nie zu Rat gezogen worden. Erst vor drei Monaten habe das Bildungsministerium zentral aus Ankara 250.000 Tablets nicht nach Bedarf, sondern nach Personalausweisnummern verteilt. Für  500.000 Schüler* innen in der Stadt seien 17.000 Tablets angekommen. Meist in Gymnasien, weniger den Mittelschulen, gar nicht in Grundschulen. Nirgends gab es eine Vorbereitung darauf. Lachend zitieren die drei ein Sprichwort über das autonome Lernen der Karawane. Lehrer*innen hätten sich über Videos selbst kundig gemacht. Eğitim Sen habe einen Bildungs-Beobachtungsrat eingerichtet und eigene Statistiken erhoben. Seit 40 Tagen findet in der Türkei wieder Unterricht in den Schulen statt. Während das Ministerium behaupte, 90% der Kinder nähmen am Unterricht teil, komme die Gewerkschaft nur auf 68%. Mit fallender Tendenz, wenn sich jetzt besonders an den Stadträndern und in den Dörfern ganze Fahrgemeinschaften von Minibussen infizierten und Fahrer akut erkrankten.

Türkei: Dritte-Welt-Land in puncto Bildung

Nach Berechnungen von Eğitim Sen fehlten in der der Türkei heute 186.000 Lehrerinnen und Lehrer. Von den für 2021 zugesagten 40.000 neuen Stellen seien nur 19.000 besetzt worden. Als vor zehn Jahren einmal 10.000 zusätzliche Stellen bewilligt worden seien und davon 9.500 in den Osten kamen, habe sich herausgestellt, dass sie zur Gülenbewegung gehörten und gezielt die Region umgestalten sollten. Anstatt neuer Schulen würden immer mehr Korankurse eröffnet. Zu dem allgemeinen Mangel an Tablets/PCs kämen fehlende Netzzugänge, fehlendes Basiswissen und die Enge in den oftmals großen Familien. In staatlichen Schulen mit Klassenstärken von 40-50 müssten die Kinder sich zu dritt enge Bänke teilen. Selbst bei Wechselunterricht seien die Klassen zu groß für wirkungsvolle Hygienemaßnahmen. In den Privatschulen gäbe es Klassen für 18-20 Kinder. Dass die Regierung in der Pandemie das Recht aufhob, aus einer Privatschule jederzeit wieder in eine staatliche wechseln zu können, sollte die Privaten wohl vor Pleiten schützen und zeige, dass da in der Pandemie auch nicht alles gut gelaufen sei.

Hygiene und Gebäude der Privatschulen seien besser aufgestellt. Die Schüler*innen würden auffällig bessere Noten erhalten. Die Gehälter und die Motivation des Lehrkörpers seien aber nur halb so hoch wie an staatlichen Schulen. Absolvent*innen von Privatschulen schnitten bei den Unizugängen deshalb regelhaft schlechter ab. Wie die vorbestehende wirtschaftliche Spaltung auch, habe die Pandemie das Bildungsgefälle in der Region, aber auch innerhalb der Türkei verschärft. Dass unsere Gegenüber von der Türkei als einem Dritte-Welt-Bildungsland sprechen, mag zunächst irritieren. Ihre Beispiele von rückständigen Materialien und Methoden, dem Wohlstandsgefälle in Gesellschaft und Regionen zeigen aber auf, wie die Bevölkerungsmehrheit in Armut und Bildungsmangel gehalten wird. Besonders für die kurdischen Regionen gäbe es einen Bildungsnotstand, der seit 2015/16 wieder zunehme. Die zentrale Vergabe aller Beamt*innenstellen führe dazu, dass auch Lehrer*innen oft nicht freiwillig in die Region kämen. Während türkische Städte und Regionen auf der offiziellen 40-Orte-Wunschliste der Kandidat*innen namentlich aufgeführt seien, falle ihre Gegend unter Punkt 40: „allgemeine andere Regionen“.

Früher Schläge, heute Diskriminierung

Lehrer*innen aus dem Westen der Türkei seien nicht auf lokale Besonderheiten und Muttersprachen vorbereitet. Hingegen würden „Ostlehrer*innen“ in den Westen versetzt, weil ihr größeres Verständnis für die kurdisch-multiethnischen Schüler*innen nicht erwünscht sei. Im Friedensprozess vor 2015 habe es in den Kollegien eine spürbare Annäherung gegeben. „Westlehrer*innen“ hätten gelassen reagieren können, wenn Schüler*innen in emotionalen Situationen oder zum schnelleren Verständnis ihre kurdische Sprache benutzt hätten. „Die Atmosphäre war lockerer“. Heute würde die Verwendung von Kurdisch selbst in Kindergärten wieder zu Diskriminierung führen. Schläge wie in den 80ern gäbe es dafür nicht mehr. Hasan berichtet, dass er damals selbst als Kind ohne zu wissen, warum von einem Lehrer heftig geprügelt worden sei. Erst Jahre später habe ihm seine Schwester beschämt eingestanden, dem Lehrer verraten zu haben, dass der damals sechsjährige Bruder zuhause Kurdisch spreche. Ein aktuelles Beispiel zeige, wie nicht nur die staatliche Repression und Propaganda die Türkei weiterhin spalte. Vorurteile und Alltagsrassismus seien noch tief in der Gesellschaft verankert. So habe eine Westlehrerin aus Nusaybin an der Grenze zu Syrien gerade in einem Tweet beklagt, wie sehnsüchtig sie auf eine Versetzung hoffe, um „diese schreckliche Sprache Kurdisch nicht mehr um mich herum“ hören zu müssen. Westlehrerinnen in der mehrheitlich kurdischen Regionen seien auffallend häufig Ehefrauen von Militärs und Polizisten, hätten sich mit diesen versetzen lassen und brächten eine dementsprechend staatstreue Haltung und wenig Motivation mit.

Atmosphäre der Angst

Emine, Hasan und Abdulcebbar nennen verschiedene Faktoren, die zu einer Atmosphäre der Angst im Bildungsbereich führten. Die zentrale Aufnahmeprüfung für alle Beamt*innen „Kape Seze“ diene der Gesinnungsprüfung und Sippenhaft. Politisches Wohlverhalten würde bis in die Schul- und Unizeit der Bewerber*innen zurückverfolgt, auch die politische Haltung in der Familie durchleuchtet. So wie die zentrale Vergabe der Stellen und ständige Möglichkeit der Strafversetzung sei auch die einjährige Probezeit ein Droh- und Erpressungsmittel Ankaras für alle Staatsangestellten. Lehrer*innen würden nach drei Kategorien arbeiten: das höchste Gehalt und die beste Altersversorgung stehe Beamt*innen zu. Deutlich weniger erhielten Kolleg*innen ohne Beamtenstatus, aber mit Vertrag, am wenigsten die, die nur stundenweise bezahlt würden. Wer sich wehre, werde strafversetzt oder gekündigt. Vor den häufigen Entlassungen und Berufsverboten mit Bezug zum KHK-Gesetz erfolge zunächst die „Beurlaubung“ bei 30% Gehalt. Diese Spaltungen und Differenzierungen würden eine permanente Bedrohung darstellen. Die gefürchtete „Sicherheitsüberprüfung“ für Staatsangestellte, die nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 eingeführt, dann aber wieder ausgesetzt wurde, sei gerade vor drei Tagen erneut dem Parlament in Ankara vorgelegt worden.

Auf unsere Frage, wer sich unter solcher Angst und Repression noch für gewerkschaftliche Arbeit starkmache, hören wir ein herzliches Lachen unserer Gegenüber. Tatsächlich seien in der Türkei die Eğitim-Sen-Mitgliedschaften seit  2015 von 126.000 2015 auf 72.000 gefallen, in Diyarbakir von 10.700 auf 6.800. Eğitim Sen habe landesweit also 50.000 Austritte erlebt. Viele Verfahren seien gegen Teilnehmende des Dezemberstreiks von 2015 eröffnet worden. Damals hätten Gewerkschaften und Ärztekammern gemeinsam einen Streiktag ausgerufen, Lehrer*innen seien mit Krankmeldung nicht zum Unterricht gegangen. Hintergrund war der damalige Städtekrieg mit Ausnahmezustand, Militärbesatzung und vielen Toten. Die Streikenden hätten nichts anderes als Frieden gefordert. Viele der Verhafteten waren damalige Co-Vorsitzende von Eğitim Sen. Einer von ihnen, der heute gerne in unserer Runde dabei gewesen wäre, sei zu einer 15jährigen Haftstrafe verurteilt worden, wegen seiner Arbeit in der Bildungskommission des DTK, Demokratischer Volkskongress, einer legalen Organisation. Wir bitten sie, ihm unsere Grüße und guten Wünsche auszurichten. Das wollen die drei tun, besuchen dürften sie ihn aber nicht. Vor weniger als vier Monaten habe es über 30 Festnahmen von Gewerkschaftsmitgliedern im Zusammenhang mit kurdischen oder regierungskritischen Äußerungen in den sozialen Medien gegeben. Der wahre Grund sei aber die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft. In den Anhörungen seien „absurde Fragen“ gestellt worden und es sei offensichtlich geworden, dass private Telefonate abgehört worden seien.

Netzwerke sind sehr wichtig

Obwohl sie von belastenden Methoden und Details staatlicher und sozialer Repression berichten, strahlen Emine, Hasan und Abdulcebbar Kraft und Resilienz aus. Die Arbeit am Bildungsauftrag für Kinder und Jugendliche scheint ihnen Sinn und Selbstermächtigung zu geben. Sie betonen zum Abschied die Bedeutung von – auch internationalen – Netzwerken, „damit Menschen uns hören“. Wir verabschieden uns mit einem gegenseitigen „Es war schön mit Euch!“

Dr. Elke Schrage ist IPPNW-Mitglied.