Stoppt den Krieg! Verhandeln statt Schießen!

Simulation eines Atombombenabwurfs auf Hamburg. Quelle: www.nukemap.org / Open Street Map

Rede von Ralph Urban zum Aktionstag der Friedensbewegung am 1. Oktober 2022 in Hamburg

Liebe Friedensfreundinnen und -freunde, ich freue mich, dass ich heute zu Euch, zu Ihnen sprechen darf, dass wir uns hier versammelt haben. Das Kernanliegen der IPPNW ist die Verhütung eines Atomkrieges und die Information der Öffentlichkeit über die Gefahren eines Atomkriegs. Mit dem Ukrainekrieg ist beides wieder hochaktuell geworden. Der Krieg dauert inzwischen über sieben Monate. Er verursacht täglich Leid,
Tod und Verwüstung.

Wir befinden uns schon lange in einer Eskalationsspirale, deren Ende nicht absehbar ist. In diesen Tagen erleben wir weitere Schritte dieser Eskalation. Mit jedem Tag nimmt die Unversöhnlichkeit zu, die Fronten verhärten sich mehr und mehr. Und mit jedem Tag wächst das Risiko, dass sich der Krieg auf andere Staaten ausweitet oder vielleicht bis zum Atomkrieg eskaliert. Die IPPNW sieht JETZT die Notwendigkeit für einen Waffenstillstand und für eine Verhandlungsinitiative. Letzte Woche haben wir die Außenministerin in einem Offenen Brief aufgefordert sich dafür einzusetzen. Notwendig ist eine multilateral getragene und abgestimmte Vermittlung zu einem Waffenstillstand und zu Verhandlungen.

Wann sich ein günstiges Zeitfenster für einen Waffenstillstand öffnet, ist schwer vorherzusagen – und es kann sich auch rasch wieder schließen. Deshalb muss eine solche internationale Vermittlung gut vorbereitet und rasch umsetzbar sein, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Initiativen kamen bisher aus Italien, vom Vatikan und aus Mexiko. China hat von der Ukraine und Russland diplomatische Bemühungen und eine Eingrenzung des Krieges verlangt.

Indiens Premierminister Modi hat erklärt, dass es keine Zeit für Krieg ist. Es ist unstrittig, dass der Angriff Russlands auf die Ukraine völkerrechtswidrig ist. Gleichzeitig tragen die Staaten der NATO durch die Osterweiterung eine Mitverantwortung für die seit den 90er Jahren zunehmenden Spannungen zwischen Russland und der NATO.

Jetzt aber erfordert es gemeinsames Handeln, den Krieg zu beenden. Naledi Pandor, die südafrikanische Außenministerin, hat es so formuliert: „Die Welt hat eine Verantwortung, für Frieden zu sorgen“.

Und wir in Deutschland dürfen uns nicht damit zufrieden geben, dass unsere Außenministerin Friedensgespräche mit dem russischen Präsidenten einfach ausschließt und auf einen militärischen Sieg der Ukraine setzt, statt zu einer Verhandlungslösung beizutragen!

Ich komme jetzt zur Atomkriegsgefahr.
Der russische Präsident hat wiederholt indirekt mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht, zu Beginn des Krieges und jetzt anlässlich der Teilmobilmachung in Russland. Das folgende Szenario wurde Anfang März, also kurz nach Kriegsbeginn, in einer amerikanischen Fachzeitschrift* veröffentlicht:

„Sowohl aus der Europäischen Union als auch aus den Vereinigten Staaten kommen weiterhin frische Waffen und andere Hilfsgüter in die Ukraine und ermöglichen es den ukrainischen Streitkräften, weiter zu kämpfen.“ Der Krieg würde zu einem für beide Seiten schmerzhaften Patt führen. „Dennoch kann man davon ausgehen, dass es für Putin keine Option ist, den Krieg mit der Ukraine zu verlieren […] Eine Entscheidung Putins, taktische Atomwaffen einzusetzen, scheint vielleicht nicht mehr völlig abwegig zu sein.“

Leider zeichnet sich ab, dass die Entwicklung eine entsprechende Richtung nehmen könnte. Die NATO-Staaten sind bereit, die Ukraine auf Jahre hinaus mit Waffen zu beliefern, und die USA wollen dafür „Himmel und Erde“ in Bewegung setzen.

Die Militärdoktrinen der NATO und auch Russlands schließen den Ersteinsatz von Atomwaffen nicht aus. Der Einsatz von Nuklearwaffen ist nach der russischen Doktrin z.B. möglich, wenn die Existenz der Russischen Föderation auf dem Spiel steht, unabhängig davon, ob diese Bedrohung militärisch oder ökonomisch zustande kommt.

Das Risiko steigt, wenn Russland in die Defensive gerät. So steht es im aktuellen Friedensgutachten der vier führenden Friedensforschungsinstitute Deutschlands.

Im Falle einer Eskalation könnten NATO-Einrichtungen in Deutschland und hier stationierte US-Kernwaffen früh zu möglichen Zielen werden. In den letzten zwei Wochen ist es zu einer nochmals verschärften Rhetorik mit Drohungen von Putin und Medwedew und Warnungen von Biden und Scholz gekommen. Wer diese Gefahr als Bluff abtut, spielt mit dem Feuer! Was wären die Folgen einer Atombombenexplosion in Hamburg? Atombomben haben ein extremes Zerstörungspotenial. Bei der Explosion entstehen Temperaturen doppelt so heiß wie die der Sonne. Die radioaktive
Strahlung führt zum raschen Tod oder durch den Fallout über Jahrzehnte zu Krebserkrankungen, Fehlgeburten, Missbildungen oder genetischen Schäden. Davon ist das ganze Ökosystem betroffen.

Bei der Detonation einer Atombombe mit durchschnittlicher Sprengkraft von 100 Kilotonnen über dem Hamburger Hauptbahnhof würden 111.000 Menschen sofort umkommen. Im Zentrum entstünde ein Feuerball mit einem Radius von 380 Metern, in dem alles verglüht. In diesem Bereich liegen die Einkaufszonen der Mönckeberg- und der Spitalerstraße, die Kunsthalle, das Schauspielhaus und vieles mehr.

Die Explosion würde eine gewaltige Druckwelle erzeugen. Sie würde zum unmittelbaren Tod führen oder Verletzungen an Lungen, Ohren und inneren Organen verursachen. In einem Radius von über drei Kilometern käme es zum Einsturz der meisten Gebäude und zu nachfolgenden Bränden. Jeder Mensch in dieser Zone würde verletzt, viele würden sterben. Betroffen wären das Marienkrankenhaus, die Kliniken St. Georg und Fleetinsel Hamburg, sowie das Krankenhaus Jerusalem.

Durch die Hitzewelle würden die Menschen bis zu einer Entfernung von 4,4 km schwere, oft tödliche Verbrennungen erleiden. In dieser Zone liegen drei weitere Kliniken.

Es wäre mit 370.000 Verletzten zu rechnen, aber ein Fünftel aller Krankenhäuser wäre zerstört, es würden nur noch etwa 10.000 Krankenhausbetten zur Verfügung stehen – für 370.000 Verletzte. Ein großer Teil des Gesundheitspersonals wäre tot oder verletzt. Die meisten Bombenopfer blieben sich selbst überlassen.
Wir Ärztinnen und Ärzte werden Euch nicht helfen können!

Ein regionaler Atomkrieg, in dem 100 Atomwaffen eingesetzt würden, hätte – zusätzlich zu den eben geschilderten Folgen – weltweit katastrophale Auswirkungen auf das Klima und die Landwirtschaft. Massen an Ruß würden in die Atmosphäre befördert. Sie würden den Planeten in kurzer Zeit abkühlen, und Milliarden von Menschen wären von Hungersnöten bedroht. Der Einsatz von 1.000 Atombomben würde unseren Planeten unbewohnbar machen. Derzeit gibt es weltweit knapp 13.000 Atomsprengköpfe. Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen werden und darf nie geführt werden!

Zur Vollständigkeit möchte ich auch daran erinnern, dass es zu einem Atomkrieg aus Versehen kommen kann, durch Fehlalarm, durch Unfall, durch technische Fehler, durch Missverständnisse. Der Königsweg zur Verhütung eines Atomkriegs ist die Abschaffung aller Atomwaffen.

Der Atomwaffenverbotsvertrag ist das völkerrechtliche Instrument zur Abschaffung von Atomwaffen. Die Mehrheit aller Staaten will den Besitz von Atomwaffen und die Drohung mit ihnen nicht länger tolerieren! Letzte Woche fünf weitere Staaten den AVV unterzeichnet und zwei weitere haben ratifiziert!

Wir müssen das Ziel eines atomwaffenfreien Deutschlands, wie es im Koalitionsvertrag festgehalten ist, weiter im Blick behalten. Deutschland muss dem Atomwaffenverbotsvertrag beitreten! Von Russland und der NATO fordert die IPPNW den Verzicht auf den Ersteinsatz von Atomwaffen und dass diese Waffen jetzt aus der erhöhten Alarmbereitschaft genommen werden.

Und zum Abschluss noch einmal: Auch wenn es in der jetzigen Situation illusorisch erscheinen mag, jetzt ist er Zeitpunkt, sich über einen Waffenstillstand und Verhandlungen Gedanken zu machen!

Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit!

Quellen:
https://thebulletin.org/2022/03/a-hurting-stalemate-the-risks-of-nuclearweapon-use-in-the-ukraine-crisis/

http://www.friedensgutachten.de/user/pages/02.2022/02.ausgabe/01.Gutacht
en_Gesamt/FGA2022_Gesamt.pdf

Ralph Urban ist Mitglied im Vorstand der IPPNW.