Streik im Krankenhaus und der Wert der Sorge

Vivantes Klinikum am Urban, Foto: omnola / CC BY-SA 2.0 Foto: omnola / CC BY-SA 2.0

Vivantes Klinikum am Urban, Berlin-Kreuzberg, Dezember 2014 / Foto: omnola / CC BY-SA 2.0

Am 25. und 26. April 2016 wurde im Rahmen der Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst an verschiedenen Standorten der Vivantes Kliniken in Berlin gestreikt. Auch wenn die Streiks im Rahmen der TVöD-Runde stattfanden, ging es um sehr viel mehr als Lohnerhöhungen: Mit ihrer Kampagne ‚Zusammen stehen‘, sowie im Krankenhausalltag, streiten die Beschäftigten für bessere Bedingungen. Sie fordern die Wiedereingliederung der outgesourcten Bereiche, eine Bezahlung nach TVöD aller Beschäftigten sowie mehr Personal im Krankenhaus. Dass letzteres erfolgreich erstreikt werden kann, haben die Streiks an der Charité deutlich gezeigt. Sie leuchten daher den Weg auch für die Beschäftigten bei Vivantes.

Mit der Forderung nach mehr Personal geht es aber auch um die Frage, welcher Wert der Sorge um uns und andere gesellschaftlich zugemessen wird und welche Wertschätzung dieser Sorgearbeit entgegengebracht wird. Im aktuellen System wird Pflege nicht als Arbeit gesehen, die Menschen gesünder und zufriedener macht, sondern nur als Kostenfaktor. Das führt zu Zeitmangel, schlechter Versorgung und Unzufriedenheit bei Beschäftigten, Patient*innen oder Angehörigen. Der Marburger Bund erklärte sich mit dem Streik des Pflegepersonals solidarisch und machte darauf aufmerksam, dass ver.di und der Marburger Bund in der Vergangenheit mehrfach gemeinsam vor einem durch anhaltenden drastischen Personalabbau in den Krankenhäusern gewarnt hätten.

Wenn das Pflegepersonal im Krankenhaus eingespart wird, darf nicht vergessen werden, dass diese Arbeit dann unbezahlt von Angehörigen erledigt wird. Denn pflegebedürftige Menschen werden nach Hause entlassen, bevor sie in der Lage sind sich selbst zu versorgen, mit dem Wissen, dass es nun schon die Angehörigen richten werden.

Obwohl viele Menschen irgendwann in ihrem Leben auf Pflege angewiesen sind und dieser Sorgearbeit in guter Qualität dann einen sehr hohen Wert zumessen, wird sie durch die finanziellen und politischen Rahmenbedingungen abgewertet und schlecht bezahlt. Aufgewertet werden hingegen Zusatzqualifikationen im medizinisch-technischen Bereich; während die zwischenmenschlich hohe Qualität der Pflege unbeachtet bleibt.

Die aktuellen Streiks im Rahmen der TVöD-Runde weisen also längst über diese hinaus: Mit ihrer Forderung nach mehr Personal stehen sie nicht nur für eine Verbesserung der Bedingungen und der Versorgung, sie heben auch die Auseinandersetzung um die Organisation der Gesundheitsversorgung aufs Tableau.

Maren Janotta ist Medizinstudentin und Mitglied des Medibüros Lübeck.