Das Schicksal der Familie Senyasar und das türkische Recht

Foto: IPPNW

Familie Senyasar, die Eltern und vier Söhne, hatten einen Laden in Suruc, einer Stadt an der syrischen Grenze, gegenüber von Kobane. Während des Wahlkampfs 2019 betrat eines Tages ein Parlamentsabgeordneter der AKP mit seinem Sohn und mehreren Leibwächtern das Geschäft der Familie Senyasar und wollte dort Wahlflugblätter auslegen. Die Familie verweigerte das, da sie HDP-Wähler seien. Daraufhin wurden sie von den Besuchern mit Waffen bedroht. Einer der Söhne rief seinen Bruder in der Stadt zu Hilfe. Der Bruder war bewaffnet und es kam zu einem Schusswechsel, bei dem alle vier Söhne und einer der Männer aus der AKP-Gruppe verletzt wurden.

Die Verwundeten wurden mit Ambulanzen in verschiedene Krankenhäuser gebracht. Zwei der Söhne kamen ins Regierungskrankenhaus von Suruc. Auf dem Weg dorthin wurde der Krankenwagen beschossen. Die Eltern folgten dem Krankenwagen ins Krankenhaus, wo laut der Twitternachricht eines Arztes die verwundeten Söhne und der Vater vor den Augen der Mutter mit Sauerstoffflaschen erschlagen wurden. Weiterlesen

Individuelle und kollektive Traumata – wie gehen Aktivist*innen der Zivilgesellschaft damit um?

Zu Besuch beim Bürgermeister von Dersim

Auf den verschiedenen Stationen unserer diesjährigen Reise und den Besuchen bei Gruppen der aktiven Zivilgesellschaft trafen wir immer wieder auf Menschen, die an den Folgen der seit vielen Jahren bestehenden Gewalt und Repression leiden. Nun waren wir zwei Jahre nicht hier und erleben eine deutliche Vertiefung der traumatischen Wunden, besonders bei den Aktiven. Weiterlesen

Zu Besuch bei Stadtteilinitiativen in Berlin

Zu Besuch bei der Initiative „Yekmal“ in Neukölln

Wir sind weiter mit unseren Gästen aus Diyarbakir in Deutschland unterwegs. Die zweite Woche waren wir in Berlin.

Überall wurden wir freundlich empfangen und die Diskussion mit den engagierten jungen Leuten aus dem kurdischen Teil der Türkei stieß auf großes Interesse, z.B. bei der BAfF, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Behandlungszentren für Flüchtlinge und Folteropfer oder bei der Bundesärztekammer.

Über zwei Besuche in Neukölln möchte ich hier etwas ausführlicher berichten, weil sie zeigen, wie unterschiedlich Kurden und Türken in Deutschland weiter behandelt werden und wie sich der türkisch-kurdische Konflikt auch hier auswirkt. Der Sozialarbeiter Mustafa Altintop hat während seiner Ausbildung als Praktikant in Berlin beim Verein Yekmal e.V. (den Eltern aus Kurdistan) gearbeitet und dort für uns einen Termin vereinbart.

Zum einen bieten sie im Auftrag des Jugendamtes ambulante Hilfe bei der Erziehung an und haben in diesem Arbeitsbereich ca 40 Mitarbeiter*innen. Die Hauptprobleme, auf die sie dabei stoßen, sind das veränderte Rollenverständnis in den Familien, das Abrutschen von Jugendlichen in Drogensucht und Prostitution sowie die Wohnungsnot.

Zum anderen kümmern sie sich um eine bilinguale Erziehung, weil sie überzeugt sind, dass Kinder ihre Muttersprache für eine gesunde Entwicklung brauchen. In 25 Jahren harter Überzeugungsarbeit haben sie erreicht, dass mit Unterstützung des Senats in sechs Berliner Grundschulen Unterricht in der kurdischen Sprache Kurmanci angeboten wird. Sie betreiben inzwischen zwei bilinguale Kindergärten und hoffen, in Kürze auch eine bilinguale Grundschule eröffnen zu können, in der dann in Arbeitsgemeinschaften auch die anderen kurdischen Sprachen unterrichtet werden sollen.

Muttersprachlicher Unterricht wird in der Regel über die jeweilige Botschaft organisiert, was in Bezug auf die kurdische Sprache von der türkischen Botschaft verweigert wird. Serif, ein ehemaliger Kollege von Serra aus der Stadtverwaltung in Diyarbakir lebt seit drei einhalb Jahren in Berlin und leitet die Yekmal-Akademie, in der Lehrmaterial für die kurdische Sprache erstellt wird. Yasar, ein Sprachwissenschaftler arbeitet daran, Yekmal in weiteren Bundesländern zu etablieren. In Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz gibt es schon Ansätze.

Im Anschluss sind wir bei einer zweiten Stadtteilinitiative zu Gast. Die Mitglieder besuchen die Familien von Zugewanderten und Geflüchteten, sprechen mit ihnen über ihre Sorgen und motivieren die Eltern, ihre Kinder in den Kindergarten zu schicken, um ihnen einen guten Start in die deutsche Gesellschaft zu vermitteln. Auch hier spielt Sprachunterricht eine zentrale Rolle – die rein türkische Mitarbeiter*innenriege machte uns allerdings unmissverständlich klar, dass Kurdisch für sie nicht zum muttersprachlichen Programm gehört. Trotz der gegenseitigen Versicherung, die Politik bei unserem Gespräch außen vor zu lassen, kam es schnell zu einem heftigen Streit zwischen einer der Türkinnen und der Dolmetscherin über politisch aufgeladene Begriffe. Letztere wollte daraufhin nicht weiter übersetzen. Es war nicht leicht, das Gespräch wieder in Gang und einigermaßen gesittet zu Ende zu bringen. Die Dolmetscherin war noch lange sehr aufgebracht und meinte, sie sei es leid, sich immer wieder für ihr Kurdentum rechtfertigen zu müssen. Zum erstenmal äußerte sie die Befürchtung, dass ihnen diese Begegnung bei ihrer Rückkehr schaden könnte. Es tat mir leid, sie dem unwissentlich ausgesetzt zu haben.

Ich teile die Überzeugung, dass die Muttersprache eine wichtige Basis für eine gesunde Entwicklung und eine starke Identität ist, besonders in der Diaspora. Wenn aber jede Bevölkerungsgruppe das für sich organisiert, besteht doch die Gefahr, dass sie unter sich bleiben und den Weg in unsere bunte Gesellschaft nicht finden.

Dr. Gisela Penteker leitet die Reisen von IPPNW-Mitgliedern in die Türkei.

In der Pandemie brauchen wir körperliche Distanz und soziale Solidarität

Istanbul 2014. Foto: photolupi / CC BY-SA 2.0

Istanbul 2014. Foto: photolupi / CC BY-SA 2.0

Gespräch mit Dr. Metin Bakkalci, dem Vorsitzenden der Menschenrechtsstiftung TIHV in Ankara und Osman Isci vom Menschenrechtsverein IHD am 21.4.2021

Zu Beginn erinnert Dr. Bakkalci an unsere langjährigen Kontakte, besonders auch an die professionelle Unterstützung von Nesmil Ghassemlou, die Schulungen und Supervision für die Mitarbeiter*innen der Stiftung durchgeführt hat, solange das möglich war.

Er bedankt sich für unseren Einsatz für Dr. Serdar Küni, den Kollegen aus Cizre, den wir mit Briefen an das Berufungsgericht in Gaziantep unterstützt haben. Sein Fall ist inzwischen an das Kassationsgericht (die letzte Instanz) verwiesen worden. Sie planen gerade, wie weitere Unterstützung aussehen könnte und werden uns gegebenenfalls informieren. Wir bitten ihn, uns auch über Verfahren anderer Kolleg*innen zu informieren, falls wir sie unterstützen können. Der Ausgang der Verfahren sei nicht vorhersehbar So sei heute Serkan, ein Sozialarbeiter der Stiftung in Diyarbakir, der vor einem Jahr verhaftet worden war, freigesprochen worden. Weiterlesen