Wir brauchen einen sofortigen Waffenstillstand und Friedensgespräche

Object War Campaign, Kundgebung in Berlin am 8.12.22. Foto: Karl Felix Schulz

Redebeitrag von Kyryl Molchanov auf der Kundgebung vor der Europäischen Kommission in Berlin am 8. Dezember 2022

Guten Tag, ich vertrete die Ukrainische Pazifistische Bewegung. Wir haben uns 2019 bei Straßenprotesten gegen den grausamen Zwang zum Kriegsdienst gegründet. Unsere Aktiven sind wegen ihrer abweichenden Meinungen ständig Repressionen der Behörden ausgesetzt.

Lassen Sie mich einige Worte zum Krieg und den Aussichten auf Frieden sagen: Mehr als 6.500 Zivilpersonen wurden bisher im Jahr 2022 getötet, Bereits in den Jahren 2014 bis 2021 wurden es nach Angaben der UN 3.106 im Krieg getötet.

Die russische Offensive und die ukrainische Gegenoffensive in der Ostukraine dauern an. Friedensgespräche sind ausgesetzt; beide Seiten wollen bis zum Sieg kämpfen; auf beiden Seiten gibt es Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und schwere Verluste. Russland, die Ukraine, die USA und die NATO-Staaten bereiten sich auf einen mehrjährigen Krieg vor.

Was sind die Ursachen der Eskalation? Ein wesentliches Motiv ist der übergreifende Ost-West-Antagonismus. Ost und West stehen sich gegenüber, angetrieben durch die rivalisierenden Ideologien des Atlantizismus und Eurasianismus. Es fehlt eine echte Friedenskultur und wirklich wirksame Friedensbewegungen.

Wir sehen eine Militarisierung der wirtschaftlichen und politischen Systeme und eine Kultur der Gewalt. Die seltenen Proteste gegen den Krieg in Russland und in der Ukraine wurden von den Regierungen als Provokationen des Feindes abgetan.

Unter dem Kriegsrecht geschahen in der Ukraine Menschenrechtsverletzungen. In mindestens vier Fällen verurteilten Gerichte Kriegsdienstverweigerer, weil sie sich dem Militärdienst entzogen hatten.

Allen Männern im Alter von 18-60 Jahren ist verboten, ohne Genehmigung der Militärbehörden ins Ausland zu reisen oder den Wohnsitz zu wechseln; diese Politik ist nicht mit den Menschenrechten vereinbar; Petitionen dagegen wurden abgelehnt.

Ausgebildete und berufstätige Frauen, z. B. Medizinerinnen und Ingenieurinnen werden diskriminiert. Im Gegensatz zu anderen Frauen müssen sie sich beim Militär registrieren lassen, um rekrutiert werden zu können.

Es gibt Repressionen wegen kriegsfeindlicher Äußerungen. Ukrainische Kriegsdienstverweigerer suchen nach Möglichkeiten, das Land zu verlassen und Zuflucht zu finden, Es gibt mehr als 8.000 solcher Fälle.

Wie kann man echten Widerstand unterstützen? Ich meine damit nicht den Widerstand gegen den sogenannten Feind, sondern den Widerstand gegen den Krieg?

Sagen Sie den Mächtigen die Wahrheit: Krieg und Wettrüsten sind ein Problem, keine Lösung; der dämonische, existenzielle Feind ist eine Fiktion und ein totaler Sieg ist nicht erreichbar; der Weg zum Frieden führt über Diplomatie, Waffenstillstand, einen umfassenden, alle Seiten einbeziehenden Friedensprozess. Frieden kann nur geschaffen werden über eine globale und regionale Versöhnung zwischen Ost und West, Russland und der Ukraine.

Investieren Sie in eine Friedenskultur: Entwicklung von Friedenserziehung und -forschung, Friedensjournalismus, Friedenswirtschaft und -politik überall. Schaffen Sie eine Infrastruktur für gewaltfreie Regierungsführung und unbewaffneten Schutz der Bürger.

Sorgen Sie für Hilfe für Bedürftige: Kriegsopfer, Verletzte, Vertriebene, Menschen, deren Existenz vernichtet ist; Flüchtlinge, Kriegsdienstverweigerer und Deserteure aus Russland, Belarus und der Ukraine.

Und zum Waffenstillstand. Wege zur Deeskalation: Wir brauchen einen sofortigen Waffenstillstand und Friedensgespräche. Das bedeutet, dass es eine pragmatische Zusammenarbeit geben muss, wie es sie z.B. bei der Schwarzmeer-Getreide-Initiative gibt.

Wir brauchen wirtschaftlichen, politischen, akademischen und kulturellen Brückenbau und Friedensstiftung.

Diplomatie muss auf mehreren Gleisen umgesetzt werden, durch die Bemühungen von Drittstaaten, internationalen Organisationen und Zivilgesellschaften.

Wir müssen eine weltweite Friedensbewegung entwickeln, die in der Lage ist, Druck für den Frieden und eine Friedenskultur auszuüben, die strukturelle Veränderungen in den sozialen Systemen bewirkt.

Wir brauchen eine Zusammenarbeit von Experten und Expertinnen, eine gemeinsame Friedensforschung sowie Friedenserziehungsprogramme.

Der Friedensplan wird immer siegen! Für den Frieden!

Kyryl Molchanov ist Mitglied der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung.

 

 

Spielt die Atomfrage nicht schon für die russischen Kriegsgründe eine Rolle?

AKW Saporischschja. Blöcke Nr. 4, 5, 6 und Sondergebäude. Foto: Maxim Gavrilyuk/Wikipedia/GNU

Messen wir dem Thema genügend Aufmerksamkeit zu?

Den Einmarsch und den Krieg Russlands gegen die Ukraine als völkerrechtswidrig zu kennzeichnen und darin eine schwere Belastung für die weitere Entwicklung nicht nur in Europa zu erkennen – das sollte uns nicht daran hindern, die verursachenden Faktoren hierzu gerade auch auf Seiten der NATO und deren Führungsmacht USA zu benennen. Zitat des NATO-Generalsekretärs Jens Stoltenberg, im Gespräch mit der Zeitung Welt vom 24.8.:  „Die Ukraine ist vollkommen abhängig von unserer Unterstützung“. Wir erleben also deutliche Elemente eines Stellvertreter-Krieges – Russland vs. NATO. Weiterlesen

Atomwaffen oder Ethik

Rede auf dem Anti-Atomwaffen-Spaziergang am Fliegerhost Büchel

Friedensaktivist*innen spazieren um den Atomwaffenstützpunkt Büchel, 09.07. 2022. Foto: E. Börger

Liebe Mitstreitende und Aktivistis, ich wurde gebeten, hier im Angesicht eines Atomwaffenstützpunktes etwas über Atomwaffen und Ethik zu sagen. Ich muss zugeben, dass mir das sowohl emotional als auch gedanklich schwerfällt. Emotional ist es schwer, weil einerseits dieser Zaun in seiner dünnen Durchsichtigkeit das von ihm verborgene Gewaltpotential nicht recht darstellen kann, eigentlich vergleichsweise harmlos wirkt; und andererseits, weil das Bewusstsein über die apokalyptische Funktion dieser Anlage eigentlich verbietet, sie mit Reden zu ehren, sondern eher Ächtung und Widerstand herausfordert. Dazu kommt außerdem die gedankliche Schwierigkeit, dass diese emotionale Verwirrung auch aus der Entfernung allenfalls verdrängt, nicht aber wieder gänzlich geordnet werden kann. Die Möglichkeit, durch menschliches Handeln, oder sogar einfach durch tadellosen Dienst nach Vorschrift vom einen
auf den anderen Moment eine menschliche Apokalypse einläuten zu können, ist in einer absurden Weise grauenvoll. Und dieses absurde Grauen stört jede nüchterne Überlegungbei manchen sogar so weit, dass sie es für einen Frieden im Gleichgewicht des Schreckens halten.
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Waffenlieferungen und Eskalationsrisiko

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde, liebe IPPNW-Mitglieder, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

die Bundesregierung und besonders der Bundeskanzler Olaf Scholz stehen unter massivem Druck, schwere Waffen in die Ukraine zu liefern.

Der Angriffskrieg Russlands und die schrecklichen Bilder unsäglichen Leids von Zehntausenden Menschen in der Ukraine lösen heftig Empörung aus
und den Ruf nach Gegenwehr, nach Waffen und nach schweren Waffen.

Aber welche Risiken und welche Nebenwirkungen sind mit Waffenlieferungen verbunden? Weiterlesen