Ungebrochener Widerstand in Cizre

Im Büro der HDP in Cizre begrüßen uns wie in den letzten Jahren viele versammelte Aktivist*innen. Die Co-Vorsitzende der Partei Güler Tunҫ berichtet, dass die Partei seit drei Jahren „nichts mehr auf der Straße machen kann. Aber die Menschen nehmen unsere Programme an, wenn wir sie besuchen“. Sie ist sehr sicher, dass die HDP in Cizre erneut einen Wahlsieg erringen wird. Auch wenn sie nur einen Tag regieren könnten, sei das ein wichtiges Zeichen ihres Überlebenskampfes und ihrer Legitimation.

Schnell wird klar, dass wie in Sirnak auch in Cizre, die Konfrontation zwischen Staat und Gesellschaft unerbittlich geführt wird. Die mehrfach militärisch gesicherten Straßensperren haben uns gezeigt, wie sehr die Region abgeriegelt und kontrolliert werden kann.

Frau Tunҫ schildert uns, dass während der Ausgangssperre, die Bürger*innen Cizres nur in die umliegenden Dörfer geflohen sind und darum vielfach Zeug*innen der Angriffe und Zerstörungen wurden. Als wir nach der Situation der Kinder fragen, erzählt sie uns, dass sie hochschwanger war, als ihr Mann in den Kellern von Cizre verbrannt wurde. Ihr heute dreijähriger Sohn frage jetzt immer wieder „Wie haben sie meinen Vater ermordet? Wie haben sie ihn beerdigt?“

Die Parlamentsabgeordnete von Sirnak Nuran Imir, die auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und Deutschland als ihre dritte Heimat bezeichnet, berichtet, dass viele entlassene Lehrer*innen in der Gewerkschaft Egitim Sen organisiert waren und vor ihrer endgüligen Entlassung zu ihnen in den Osten strafversetzt wurden. Sicherheitskräfte dürfen jederzeit Schulen und Klassenräume betreten. Obwohl in den hiesigen Haushalten „zu 100% kurdisch gesprochen“ werde, gäbe es keine Vorbereitungskurse auf die türkischen Grundschulklassen oder Kurse in kurdischer Muttersprache „wie ich das aus einigen Bundesländern in Deutschland kenne“. Wegen ihres kurdisch sprachigen Unterrichtes sei eine Privatschule geschlossen worden.

Auch wenn in der Bevölkerung keinerlei Interessean religiösen Schulen bestehe, seien viele Mittel- und Oberschulen in der Region zu Imam Hatip Schulen erklärt worden. Frau Imir rerläutert, dass die Diskriminierung und Kriminalisierung der kurdischen Bevölkerung durch den türkischen Staat, sich wieder den Methoden der 90er Jahre annähert. Ganz klar seien die Hungerstreikenden vor diesem Hintergrund held*innenhaft.

Sie klagt die Regierungen der EU an, auch auf ihrem Boden Tote zu riskieren und zu den Menschenrechtsverletzungen in der Türkei zu schweigen. Frau Imri fordert Solidarität mit den Hungerstreikenden und für den Kampf gegen die Isolationshaft. Als Beispiel warum „unsere Jugendlichen so in der Sackgasse sind“ und keinen anderen Weg mehr sehen, berichtet sie von ihrem eigenen Bruder Ramazan: Ihre Familie floh Anfang der 2000er Jahre aus Cizre nach Diyabakir. Sie habe dort für den Jugendlichen verzweifelt an 18 verschiedenen Schulen Aufnahmeanträge gestellt. Alle wurden abgelehnt aufgrund seiner oppositionellen kurdischen Haltung. Er ging nach Mahmur in die Berge, bei Kämpfen gegen ISIS verlor er einen Arm. Heute ist er in Straßburg gemeinsam mit fünf weiteren Deutschen am 96ten Tag seines Hungerstreiks.

Dr. Gisela Penteker ist IPPNW-Mitglied und Türkei-Beauftragte der IPPNW. Sie ist Teilnehmerin einer Reise von IPPNW-Ärzt*innen und Friedensaktivist*innen in die Türkei.