Ich nenne meinen Beitrag „Von Clausewitz zu Cochrane“. Denn: Es geht darum, die Dominanz des Militärischen in Entscheidungen zu Frieden und Sicherheit zu hinterfragen und die Stimme des Gesundheitssektors hörbarer zu machen – für moderne, evidenzbasierte Vorgehensweisen zum Schutz des Lebens und der Lebensperspektiven für alle. Dafür mögen hier bildhaft diese beiden Namen stehen.
Carl von Clausewitz, geboren 1780, gilt als einer der international einflussreichsten Theoretiker des Krieges und der militärischen Strategie. Archibald Cochrane, Jahrgang 1909, war ein wesentlicher Wegbereiter der evidenzbasierten Medizin und Gesundheitsversorgung. Beide haben übrigens Bezüge zu meiner Heimatregion Sachsen-Anhalt.
Preußische Militärtraditionen haben das moderne Militärwesen fast überall mitgeprägt, und die Theorien von Clausewitz sind weltweit ein zentraler Bestandteil der militärischen Ausbildung. Gleichzeitig gilt der preußisch-deutsche Militarismus als Prototyp für Militarismus überhaupt, als Mitursache für den Weg in die „deutsche Katastrophe“. Über viele Kontroversen hinweg besteht international ein weitgehender wissenschaftlicher und politischer Konsens, dass Militarismus eine Fehlentwicklung darstellt, bei der militärische Denkweisen die zivile Gesellschaft dominieren.
In modernen Gesellschaften, die sich als demokratisch verstehen, ist das „Primat der Politik“ eine grundlegende, auch gesetzlich und verfassungsrechtlich verankerte Norm. Militarismus ist zu unterscheiden von einer dienenden Funktion des Militärischen, das unter politischer Leitung und Kontrolle steht. In der Praxis können Übergänge fließend sein, wenn dem Militär und der mit ihr verbundenen Industrie – Eisenhower sprach vom „militärisch-industriellen Komplex“ – die entscheidende und allein ausschlaggebende Kompetenz zugeschrieben wird, für äußere Sicherheit zu sorgen und geostrategische Interessen zu definieren und durchzusetzen.
Zwischen Militärwesen und Gesundheitswesen besteht traditionell eine enge Verbindung aufgrund der Notwendigkeit, die Einsatzfähigkeit von Truppen zu erhalten und Verwundete zu versorgen. Dabei haben militärische Sanitätsdienste zu einer Verwissenschaftlichung der Gesundheitsversorgung viel beige-tragen. In dieser Tradition stand auch der britische Arzt und Epidemiologe Archibald Cochrane. Seine Erfahrungen als Militärarzt im Zweiten Weltkrieg, auch während seiner Zeit in Kriegsgefangenschaft, prägten seinen späteren Einsatz für das evidenzbasierte Vorgehen in Medizin und Pflege, das heute im Gesundheitswesen die Maßstäbe setzt – zum Beispiel über das Netzwerk „Cochrane Collaboration“.
Der Anspruch des evidenzbasierten, wirkungsorientierten Vorgehens, um Leben zu retten und Lebensqualität zu bewahren, hat sich in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt und ist eingeflossen in präventive und interdisziplinäre Ansätze, für die der Gesundheitssektor eine aufklärende und unterstützende Rolle übernommen hat/ im Idealfall übernimmt. Zu erwähnen ist hier das Konzept „Health in All Policies“, „Gesundheit in allen Politikbereichen“. Ein Beispiel ist die Umsetzung von „Vision Zero“ in der Verkehrspolitik, um die Zahl der Verkehrstoten und Schwerverletzten drastisch zu senken.
Des Weiteren ist die Bedeutung der Gesundheitsberichterstattung auch für intersektorale Zusammenarbeit besonders hervorzuheben: Sie bildet eine unverzichtbare Basis für die Planung von Strategien, die das Bewahren von Leben und Gesundheit in den Mittelpunkt stellen. Seit den 1990er Jahren haben wir die „Global Burden of Disease“ (GBD) Studien, zu Deutsch „Globale Krankheitslast“ Studien. Sie quantifizieren weltweit Gesundheitsverluste – sowohl Todesfälle als auch gesundheitliche Einschränkungen – durch Krankheiten und Risikofaktoren. Eine zusammenfassende Messgröße ist der Verlust, bzw. der Gewinn, an gesunden Lebensjahren, auf die Bevölkerung bezogen. Die Methodik dieser Studien wird auch zu bestimmten Fragestellungen auf nationaler und lokaler Ebene eingesetzt. Die Expertise dafür ist bei nationalen Instituten für öffentliche Gesundheit, bei Universitäten und Netzwerken – wie z. B. dem 2019 gegründeten „European Burden of Disease Network“ – und natürlich, koordinierend, bei der Weltgesundheitsorganisation vorhanden und wird laufend auch weiterentwickelt und zusammengeführt.
An der Schnittstelle von militärischen und zivilen Bereichen hat der Gesundheitssektor wieder sehr aktuell eine herausgehobene Rolle. Zivil-militärische Zusammenarbeit ist eine zentrale Forderung in der Vorbereitung auf moderne Kriege; auch dann, wenn Kriegsbereitschaft in erster Linie der Abschreckung dienen soll. Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und alle Politikfelder sind einbezogen, angefangen mit Einsparungen in öffentlichen Budgets zugunsten des Verteidigungshaushalts bis hin zur Einbindung ziviler Strukturen und der Gesamtgesellschaft in die Unterstützung des militärischen Auftrags.
Wenn in heutiger Zeit, beispielsweise in NATO-Ländern unter dem Eindruck militärischer Bedrohung aus Russland, von zivil-militärischer Zusammenarbeit die Rede ist, so bezieht sich dies in besonderer Weise auch auf den Gesundheitssektor. Ihm würde im Bündnis- oder Verteidigungsfall eine wichtige unterstützende Rolle zukommen. Er soll die Vorbereitung auf die Versorgung einer hohen Zahl von Kriegsverletzten und auf die Bewältigung von CBRN-Situationen – also auf chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren – in seine Funktionen integrieren (Stichwort in Deutschland: gesund-heitlicher Bevölkerungsschutz). Gleichzeitig beschäftigt viele Menschen, auch in wohlhabenden Ländern, die Frage: „Wie viel Gesundheit können wir uns noch leisten?“ – (So lautete der Titel eines deutschen Nachrichtenmagazins vor einigen Wochen.)
Wir dürfen Investitionen für Landes- und Bündnisverteidigung und Investitionen für Gesundheit – oder andere Bereiche der Daseins- und Zukunftsvorsorge – nicht gegeneinander aufwiegen, heißt es oft. Unsere Antwort als Gesundheitsfachkräfte und politisch Verantwortliche im Gesundheitswesen sollte sein: Doch. Das dürfen wir und das müssen wir. Nehmen wir die Polemik heraus und sprechen von „abwägen“, nicht „gegeneinander aufwiegen“. Wenn nicht wir klar und deutlich die konkrete Forderung nach dem Bewahren von Leben und Lebensperspektiven als Leitprinzip in die Politik einbringen, wer sonst? Wir müssen Know-how zur Verfügung stellen – vielleicht manchmal auch ungebeten – um, beispielsweise, zu erreichen, dass die Folgen einer Verschiebung von Ressourcen, materiellen und menschlichen Ressourcen, zur Vorbereitung auf den Kriegsfall datengestützt abgeschätzt werden.
Natürlich gehen in Risikobewertungen und Folgeabschätzungen nicht nur Daten, sondern auch Annahmen und vermeintliche Selbstverständlichkeiten ein. Mit einer strukturierten, interdisziplinären Vorgehensweise können jedoch auch diese transparenter gemacht und besser geprüft werden. Beispielsweise spielen Annahmen über psychologische Faktoren eine entscheidende Rolle, wenn es um militärische Abschreckung geht. Gleichzeitig werden, paradoxerweise, psychologische Faktoren auf anderen Gebieten kaum ernst genommen: Etwa beim Thema Erinnerungskultur, wo sich die Einführung von z. T. geschichtsrevisionistischen Erinnerungsritualen in mehreren Ländern des ehemaligen sowjetischen Einflussbereichs und ein Wiederaufleben des Stalin-Kults in Russland anscheinend gegenseitig hochgeschaukelt haben.
Wir erleben derzeit, dass militärische Gewalt zunehmend wieder als Mittel der Politik gilt, und die Grundsätze und Rolle der Vereinten Nationen in den Hintergrund zu treten scheinen. Vieles, was wir in den letzten Jahrzehnten aus der Friedens- und Konfliktforschung und aus realer Politik der Entspannung, der Rüstungskontrolle und der nachhaltigen Entwicklungsziele gelernt hatten, scheint zu entgleiten.
Wie seinerzeit bei Clausewitz gilt im Krieg aus der rein militärischen Perspektive das Niederschlagen des Gegners als oberstes Ziel – das Bewahren von Leben und Gesundheit hat keinen übergeordneten Stellenwert; nicht einmal in der Bevölkerung, die man militärisch schützen möchte. Glorifizierung des Sterbens im Krieg und des Zusammenhalts in tödlicher Gefahr überlagern diesbezüglich das nüchterne Abwägen. Kommunikation im Krieg – auch schon im Kriegsmodus, Stichwort „hybrider Krieg“ – wird zu einer Domäne der Kriegsführung und zum Gegenstand militärisch dominierter Strategie. Strategische Kommunikation wird reduziert auf einen Krieg der Narrative, setzt auf Emotionen und einfache Feindbilder, ignoriert Wechselwirkungen und Eskalationsdynamiken.
Der Beitrag des Gesundheitswesens ist unverzichtbar, um unsere Sicherheit, unser Leben und unsere Gesundheit mit einem gesamtpolitischen, evidenzbasierten Ansatz zu schützen. Fachkräfte und politisch Verantwortliche im Gesundheitswesen müssen ihre Rolle in der zivil-militärischen Zusammenarbeit als eine nicht dem Militärischen untergeordnete, sondern strategisch mitverantwortliche verstehen und ausfüllen. Dafür brauchen wir:
(1) Aufnahme des Themas „Rolle des Gesundheitssektors in der Friedens- und Sicherheitspolitik“ in Curricula für relevante Studiengänge; angefangen mit Medizin und Public Health;
(2) Foren und Kolloquien für eine starke, qualifizierte Stimme des Gesundheitssektors und der Gesundheitsdiplomatie bei maßgeblichen Entscheidungen zu Friedens- und Sicherheitspolitik.