Wahlkampf in der Türkei

In Istanbul auf Schritt und Tritt begegnen uns auf Schritt und Tritt die überlebensgroßen Wahlplakate der AKP zur Kommunalwahl 2019. Foto: IPPNW

Reise von Friedensaktivist*innen in die Türkei

Nach unkompliziertem Flug und Passkontrolle trafen wir uns alle am vereinbarten Platz des Atatürk Flughafens. Vielleicht zum letzten Mal, denn Präsident Erdogan und seine Regierung bauen einen neuen riesigen Flughafen weit außerhalb der Stadt. Er soll der Größte der Welt werden. Was uns in Istanbul auf Schritt und Tritt begegnet, sind die überlebensgroßen Wahlplakate der AKP mit „IHM“, „ein großes Land braucht einen großen Führer“. Sie finden sich an Hochhausfassaden und an den vielen Bauzäunen. Vereinzelt gibt es kleine Plakate der CHP, von der oppositionellen HDP sehen wir kein Einziges. Später erfahren wir, dass sie immer wieder abgerissen werden.

Oberflächlich betrachtet ist Istanbul an diesem sonnigen Frühlingstag eine lebendige, quirrlige, bunte und anstrengende Stadt. Alle Einwohner und viele Touristen scheinen sich auf der Einkaufsstraße Istiklal zu drängen. Wenn man nicht wüsste, wieviele Menschen aus ihren Berufen entlassen worden sind, wieviele Menschen in Gefängnisse geworfen worden sind, wenn man nicht die Bilder der gewaltsam aufgelösten Frauendemonstration vom 8. März im Kopf hätte, dann könnte man von einer sehr friedvollen Atmosphäre sprechen. Nur die vielen Wasserwerfer an bestimmten Stellen stören dieses Bild. Den Taximplatz, den symbolischen Platz der laizistischen Republik und ihrer sozialen Proteste, überragt eine neugebaute riesige Moscheekuppel als Symbol der neuen Macht.

Später erfahren wir bei unserem spontanen Besuch im IHD-Büro, dass die „Samstagsmütter“ sich nicht mehr an prominenter Stelle vor dem Galataserail-Lyceum treffen dürfen, sondern in der engen Seitenstraße vor dem IHD-Büro unter strenger Polizeikontrolle.

Obwohl unangemeldet und sonntags treffen wir im Büro auf einen Lehrer, der in der Kommission für Kinderrechte arbeitet. Sie geben alle drei Monate einen Bericht zu den Kinderrechten in der Marmara-Region heraus. Dabei geht es um Missbrauch in religiösen Internatsschulen für Jungen. Über Missbrauch an Mädchen wird nicht gesprochen, die Regierung propagiert, dass Mädchen heiratsfähig sind, sobald sie menstruieren. Die Kommission bietet Workshops in sozialen Brennpunkten wie im Stadtteil Gazi an und organisiert in jedem Juni ein Kinderfestival. Sie arbeiten an der Selbstermächtigung von Kindern. Die Kinderarbeit sei ein zunehmendes Problem, besonders in der Textilindustrie. Auch die Gewalt unter Kindern nehme zu.

Inzwischen sind wir in Van angekommen. Davon berichten wir dann im nächsten Blog.

Dr. Gisela Penteker ist IPPNW-Mitglied und Türkei-Beauftragte der IPPNW. Sie ist Teilnehmerin einer Reise von IPPNW-Ärzt*innen und Friedensaktivist*innen in die Türkei.

Ein Gedanke zu „Wahlkampf in der Türkei

  1. Vielen Dank, dass Sie diese Reise unternehmen, um über Ihre Erfahrungen zu berichten. Christa Blum

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