
Die deutsche Delegation in Nagasaki. Foto: Laura Wunder / IPPNW
3. Oktober 2025, Tag 2 des IPPNW-Weltkongresses in Nagasaki
Wir starten den Tag mit einem Gruppenfoto der deutschen Delegation. Nach und nach kommen die Teilnehmer an, die teilweise noch am Vorabend in verschiedenen Kreisen Nagasaki erkundet haben oder mit anderen Friedensaktiven aus der ganzen Welt Freundschaften geknüpft und vertieft haben.
Der Tag ist regnerisch und die Temperaturen etwas gesunken, was nach den letzten schwülen Tagen recht angenehm ist. Was auffällt: Viele Teilnehmer:innen sind eloquent gekleidet. Heute steht nämlich nicht nur ein langer Kongresstag mit zahlreichen Inhalten an, sondern auch ein Highlight des Kongresses – Die Dinner Party.
Der zweite Kongresstag wird von den Co-Vorsitzenden eröffnet und geleitet. Ein Schwerpunkt des Tages bildet die Auseinandersetzung mit der Abschreckungslogik. „Nukleare Abschreckung garantiert keine Sicherheit“ ist der Titel des ersten Plenums. Im Vordergrund stehen auch psychologische Phänomene und die enorme Widersprüchlichkeit der Abschreckungslogik, die nach und nach von den Referent:innen auseinandergenommen werden.
Vertreter der Abschreckungslogik, wie Henry Kissinger, haben sich ihr Leben lang in solchen Widersprüchen verwickelt. Eine Konstante ist aber stets erkennbar: Diese Logik geht von einer genuinen Feindseligkeit zwischen Menschen und Völkern aus. Man müsse bluffen, um die Gegenseite einzuschüchtern, um in vermeintlicher Sicherheit leben zu können bzw. seine Dominanzansprüche nicht aufgeben zu müssen. Doch machen die Referent:innen begründet deutlich: Der Bluff ist die eigentliche Gefahr.
Es wird auch viel auf die angespannte Lage im indo-pazifischen Raum hingewiesen. Die Abschreckungslogik hat zu Beginn in diesem Jahrhundert besonders dort eine Renaissance erfahren. Besonders die Perspektive auf Indien und Pakistan, als auch zu den Konflikten zwischen China, Kanada und den USA sind für unsere europäische Sichtweise eine Weitung. Die Atommächte sind dabei, ihre jeweilige Doktrin zum Einsatz von Nuklearwaffen zu verschärfen und es liegt an uns als Friedensbewegung, die Entwicklung umzukehren.
Auch das Aufkommen neuer Technologien und der Künstlichen Intelligenz (KI) seien neue Argumente, die Abschreckungslogik infrage zu stellen. Die Technologie erschwert es zu nehmend, eine Sicherheitsbedrohung klar einzuschätzen. Durch die immer geringeren Vorwarnzeiten verlagert sich die Entscheidungskraft zunehmend in militärische Hände. Auch können moderne Systeme nicht mehr so einfach zwischen einem konventionellen Angriff und einen Angriff mit Atomwaffen differenzieren. Die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation steigt.
Umstritten ist der Beitrag eines Referenten, der eine Perspektive darin sieht, zu einer konventionellen Abschreckung zurückzukehren, um zumindest die Gefahr einer nuklearen Eskalation zu bannen. Doch stellt dies eine Einräumung dar, Feindschaften zwischen den Völkern nicht überwinden zu können. Eine Frage, die später in einem Work-Shop wieder aufgegriffen wird.
Auch die Lage im Nahen Osten wird beleuchtet, wo das israelische Atomprogramm kritisiert wird. Eine Frage, die Anahita Parsa (BASIC) ansprach, hat mir zu denken gegeben: Wie können wir einem Staat vertrauen, keinen nuklearen Genozid zu begehen, der aktuell einen konventionellen Genozid betreibt? Auch wird erneut auf die Widersprüchlichkeit der Abschreckungslogik hingewiesen: In Bezug auf das iranische Atomprogramm verkünden ausgerechnet die Atommächte, dass der Besitz von Nuklearwaffen nur zur Abschreckung nicht glaubhaft sei.
In der ersten Workshop-Phase geht es um die Katastrophe von Fukushima, einen vertieften Blick zu Friedensperspektiven in Indien, dem Zusammenhang von Aufrüstung und Militarisierung sowie um eine Vertiefung der Debatte zur Entmystifizierung der Abschreckungslogik, in dem weitere, religiös verbreitete Glaubenssätze dieser Logik infrage gestellt werden.
Mein persönliches Fazit zu dieser Debatte: Abschreckung ist nicht im objektiven Interesse der Allgemeinbevölkerung, aber im Interesse des militärisch-industriellen Komplexes. Über dieses Profitinteresse im Hintergrund und über die Gestaltung eines friedlichen Zusammenlebens der Völker aufzuklären, ist genuine Aufgabe der internationalen Friedensbewegung. Die Geschichte der menschlichen Zivilisation zeigt immer wieder: Gegen die Gier einiger Wenigen konnten wir immer wieder die Freundschaft zwischen den Völkern realisieren. Und auch wenn wir heute vor einer frustrierenden Realität stehen: Die Geschichte geht weiter und wir haben die Wahrheit auf unserer Seite.
Weitere Themen des heutigen Kongresstages sind die konkreten Gefahren eines nuklearen Krieges und Winters und dem damit einhergehenden potenziellen Leid und der Zerstörung, über die wir aufklären müssen gegen jede Desinformation und Verharmlosung.
Weiter geht es mit einem Plenum zum Nichtverbreitungsvertrag – denn wir wollen in einer Welt frei von nuklearer Bedrohung leben. Die internationale Bewegung dafür, besonders im Globalen Süden, ist enorm. Es wird berichtet von den hartnäckigen Auseinandersetzungen nicht zuletzt in den Vereinten Nationen, die von zivilen Kräften aus aller Welt forciert werden.
Es folgen Paneldiskussionen zu den medizinischen Folgen von Radioaktivität, dem Zusammenhang zwischen Klimakrise, nuklearer Bedrohung und Gesundheit und den Gefahren der neuen KI-Entwicklung mit Blick auf Nuklearwaffen. Besonders das Aufkommen neuer KI-Systeme beunruhigt viele Kongressteilnehmende und wird als neue Bedrohung eingeschätzt, mit dem sich die IPPNW in neuer Qualität auseinandersetzten muss. Auch hier finde ich zentral: Wer profitiert von solchen Systemen zu welchen Zwecken?
Zum inhaltlichen Abschluss finden noch zwei inoffizielle Arbeitsgruppen statt. Eine Gruppe beschäftigt sich mit Klimafragen, die andere nochmal speziell mit dem Thema der KI.
Der heutige Tag schließt ab mit der Dinner Party. Dort gibt es noch Gelegenheit, sich mit Menschen aus aller Welt über die anregenden Inhalte des bisherigen Kongresses und die zahlreichen Aktivitäten der internationalen Friedensbewegung in heiterer Stimmung auszutauschen. Morgen geht es mit den Inhalten weiter, für heute Abend bleibt die Freude über die internationale Reichhaltigkeit unserer Bewegung. Eine gelebte Freundschaft, die einmal mehr zeigt: Wir Menschen können in Frieden zusammenleben – produktiv, kreativ und zivil.
Hesam Jozvebayat ist stellvertretender International Councillor der IPPNW.