Yad Vashem: Name und Denkmal

Tal der Gemeinden in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Foto: IPPNW

Tal der Gemeinden in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Foto: IPPNW

Am 10. April 2019 ist es sonnig und angenehm warm in Jerusalem, als wir mit dem Bus in Richtung Herzlberg fahren. Dort, am südwestlichen Ende der Stadt, liegt Yad Vashem, die Gedenkstätte, die an den Holocaust erinnert. Wir treffen uns mit Tamar Avraham, einer Historikerin, die lange in Yad Vashem zum Holocaust und zur Nakba geforscht hat.

Das Museum zur Geschichte des Holocaust ist ein zeltartiges Betongebäude, zu dem eine Rampe hinunter führt. Gebaut von dem Architekten Moshe Safdie, symbolisiert die Rampe den Weg ins Grab. Wendet man sich am Eingang nach links, sieht man auf die auf eine dreieckige Außenwand projizierte Filmkollage, die das Leben der Juden in Europa vor der Shoa darstellt. Eine Aufnahme zeigt einen Kinderchor, der das Lied „Die Hoffnung“ singt, das einmal die israelische Nationalhymne sein wird.

Diesen lebendigen Szenen müssen wir den Rücken kehren, als wir uns auf den Weg durch die Ausstellung machen. Hier wird mit vielen Fotos und Videos, Zeitzeugenberichten und Modellen versucht, ein Eindruck von den Schrecken der Judenverfolgung in Europa, dem Leben und den Aufständen in den Ghettos und den Transporten in die Arbeits- und Vernichtungslager zu geben. Die wenigsten Dinge sind für mich neu, aber die Dichte der Eindrücke nimmt mich mit. Die Ausstellung verschwimmt in meinen Kopf mit den Bildern von meinen Besuch in der Gedenkstätte in Auschwitz und dem, was wir in den letzten Tagen immer wieder gesehen haben. Was mir vorher nicht so deutlich klar war, war die Ablehnung, der Antisemitismus und die Gewalt, die den überlebenden Juden entgegen schlug, als sie zum Teil nach der Befreiung der Konzentrationslager versuchten, in ihre alte Heimat in Osteuropa zurück zu kehren.

Tamar Avraham ist sehr gut darin, die Besonderheiten der Ausstellung aufzuzeigen und weist immer wieder darauf hin, wo manche Aspekte stärker betont und andere eher nicht gezeigt werden. So ist die Ausstellung sehr deutlich auf die Verfolgung der jüdischen Menschen fokussiert. Andere verfolgte Bevölkerungsgruppen werden eher am Rande erwähnt. Viele Widerstandskämpfer werden mit kurzen Lebensläufen dargestellt. Falls sie später den Staat Israel kritisiert haben, erfahren wir das aber nur von Tamar Avraham. Die chronologische Ausstellung endet mit der Darstellung der Gründung des Staates Israel und auch hier wird wieder das Lied „Die Hoffnung“ gezeigt, das so eine Klammer um die Ausstellung schließt und illustriert, wie Israel seine Gründungsgeschichte erzählt. Als letztes betreten wir die „Halle der Namen“, ein runder Raum mit einen tiefen Brunnen in der Mitte, in dem in schwarzen Ordnern die Namen der Getöteten aufgeschrieben werden. Hier wird auch noch einmal der Name der Gedenkstätte deutlich. „Yad Vashem“ bedeutet „Name und Denkmal“ nach einem Versprechen Gottes im Tanach, der „hebräischen Bibel“.

Aus der Ausstellung heraus laufen wir wieder eine, diesmal leicht ansteigende Rampe hinauf auf eine Terrasse, von der aus man direkt auf das grüne, bewohnte Land hinausblickt. Eine starke Symbolik für den Aufstieg aus dem Grab und neues Leben im „heiligen Land“. Anschließend besuchen wir die Gedenkhalle, in der symbolisch ein Teil der Asche aus den Vernichtungslagern bestattet wurde und die Namen der Lager in den Boden eingelassen wurden. Die Namen klingen in meinem Kopf fast schon vertraut, immer wieder gehört und in Gesprächen immer wieder fallen gelassen.

Etwas weiter unten am Berg gehen wir in das Tal der Gemeinden. Hier wird jeder der über 5.000 zerstörten jüdischen Gemeinden gedacht. Die Namen sind geografisch sortiert in den Stein gemeißelt. Jeder von uns findet bekannte Namen und seine Heimatstädte. Wir setzen uns in den Schatten und sprechen mit Tamar Avraham über die Geschichte des Holocausts, ihre Forschungen zur Nakba, aktuelle israelische Politik und die Zukunft. Wie bei vielen unser Gesprächspartner herrscht auch hier am Tag nach der Knessetwahl nicht unbedingt Optimismus.

Ich versuche einen Umgang damit zu finden, wie ich mich als Deutsche aber vor allem als Mensch zur Geschichte und zu Israel verhalten soll. Und letztendlich unterscheidet sich das nicht. Als Deutsche haben „wir“ gesagt: „Nie wieder“. Es geht in meiner Generation weniger um Schuld, sondern vor allem um Verantwortung. Verantwortung für das Gedenken und das Wachhalten der Erinnerung und vor allem Verantwortung für das „Nie wieder“. Ich sehe dabei meine Verantwortung nicht nur meinen jüdischen Mitmenschen gegenüber, sondern gegenüber jedem Menschen, der unter Krieg, Verfolgung und Unrecht leidet.

Später im Bus fragen wir Tamar Avraham, wie sie es schafft, das alles in sich zu vereinen, ihre Herkunft, die Forschungen zum Holocaust und den Versuch, der israelischen Gesellschaft, die palästinensische Nakba (Katastrophe) in Erinnerung zu rufen. Sie lacht und sagt, sie sei noch nie für den unkomplizierten Weg gewesen.

Friederike Bröderhausen ist Mitglied der IPPNW und hat an der Begegnungsreise nach Israel/Palästina teilgenommen.