Zunehmende Ungleichheit: Covid-19 und menschliche Entwicklung

Covid-19 and Human Development: Assessing the Crisis, Envisioning the Recovery, Foto: UNDP

IPPNW-Arzt Matthias Jochheim schrieb Ende April: „Scheinbar wie aus heiterem Himmel ist eine Seuche über uns gekommen, verursacht durch SARS-Cov-2-Viren“. Und genau diese Viren beeinflussen nun die globalen Gesundheitssysteme, das Berufsleben, die Bildung und Vieles mehr, und das obschon die genauen Folgen und Beeinträchtigungen zurzeit noch ungewiss sind. Derzeit ist lediglich klar, dass die Welt schwer betroffen ist und speziell Menschen, die bereits zuvor Benachteiligung erfahren haben.

Hieran anschließend stellt sich mir jedoch die Frage: Haben wir nicht bereits vor der Covid-19 Pandemie in einer Welt gelebt, die durch eine omnipräsente Seuche geprägt war? Es ist eine oft unsichtbare, aber trotzdem allgegenwärtige und jedes Land betreffende Pandemie, nämlich die soziale Ungleichheit. Forscher des Deutschen Institutes für Entwicklungspolitik und Weltbankökonomen schätzen, dass aufgrund der Corona-Pandemie weitere 70 Millionen Menschen in extreme Armut geraten werden. Ferner warnen sie vor der global wachsenden sozialen Ungleichheit, welche die Auswirkungen und Langzeitfolgen der Pandemie zu verschlimmern droht. Ungleichheiten werden hierbei nicht nur zwischen Ländern vertieft, sondern auch innerhalb der Länder.

Das Zusammenspiel zwischen der Covid-19 Pandemie und der, bereits davor bestehenden, Ungleichheiten war das Hauptthema des Webinars der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen. Vorträge hielten Heriberto Tapia, Senior Researcher und Co-Autor des Berichts über die menschliche Entwicklung herausgegeben vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), sowie Uwe Kekeritz, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Als besonders besorgniserregend am UNDP-Bericht empfand ich, dass der Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index HDI) zum ersten Mal seit seiner ersten Erfassung 1990 zu sinken droht. Der Index berücksichtigt drei Subindexe: nämlich den Bildungsindex (Dauer der Ausbildung), den Lebenserwartungsindex sowie den Einkommensindex (Bruttonationaleinkommen pro Kopf). Dem HDI drohen schätzungsweise sechs Jahre Rückgang. Die Covid-19 Pandemie könnte also Fortschritte zunichte machen, welche die Welt jahrelange Arbeit gekostet haben. Es wird geschätzt, dass der globale Durchschnitt des Bruttonationaleinkommens in 2020 um 4 Prozent sinken könnte.

Die ungleichmäßigen Auswirkungen der Pandemie zeigen sich unter anderem im Bildungssektor, insbesondere bei den Folgen von Schulschließungen. Laut UNDP hatten 86 Prozent der Grundschulschüler in Ländern mit niedrigen Raten an menschlicher Entwicklung keinen Zugang zu Bildung, verglichen mit nur 20 Prozent der Grundschulschüler in Ländern mit einem hohen Grad menschlicher Entwicklung. Die negativen Langzeitfolgen von Schulschließungen werden erst in Zukunft absehbar sein, doch es wird sie mit Sicherheit geben. Dies verdeutlicht immer noch vorhandene, gravierende Unterschiede beim Zugang zu Internet oder Technik. Äußerst spannend hierbei war Tapia´s Anmerkung, dass eine Schließung der Kluft zwischen Internet-Zugängen essentiell und relativ praktikabel sei. Diese Schließung der Internet-Lücke für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen würde in etwa 1 Prozent der verfügbaren Notfallsteuerprogramme in Anspruch nehmen.

Ein Internetzugang ist bei der Arbeitssuche, Berufsausübung, im Bildungswesen, in der Wirtschaft, im öffentlichen Gesundheitswesen und vielem mehr nützlich oder sogar essentiell. Heute, wo die meisten Dienstleistungen online verfügbar sind, muss der Zugang auch für alle Menschen gewährleistet werden. Tapia argumentierte nachdrücklich, dass dies den Menschen bessere Werkzeuge zur Verfügung stellen würde, um in der heutigen Welt effizienter agieren zu können.

Auch Uwe Kekeritz sprach ausdrücklich die Wichtigkeit der sozialen und kooperativen Komponente an. Die Würde des Menschen müsse an oberster Stelle stehen, auch hier in Deutschland. Eine Lösungsfindung sei abhängig vom gemeinsamen Handeln der Staaten, der Solidarität zwischen ihnen und der allgemeinen Aufhebung von Ungleichheiten während, aber auch nach der Pandemie. Lösungsansätze seien nur plausibel, wenn ein gemeinsames Vorwärtsgehen geplant sei. Es fange auf der nationalen Ebene an, denn solange die Politik die Pandemie(n) nicht ernst nehme, wie beispielsweise in Brasilien oder den Vereinigten Staaten, dann werde auch die Bevölkerung dies nicht tun. „Aber auch auf internationaler Ebene sehen wir, dass beispielsweise Entwicklungsländer den Höhepunkt der Pandemie noch nicht überwunden haben“, so Kekeritz. Für diese Länder werde sich die zweite Hälfte des Jahres als äußerst schwierig und herausfordernd erweisen. Das verdeutliche umso mehr, dass die internationale Zusammenarbeit von enormer Bedeutung sei und dass, wir als Menschheit, von ihr abhängig seien.

Diese Pandemie hat ohne Zweifel viele Schattenseiten. Als Gesellschaft könnten wir jedoch auch das eine oder andere mitnehmen. Das globale „Gefühl der Normalität“, ganz gleich, wo wir uns in der Welt befinden, hat sich grundlegend verändert und wird so nicht mehr wiederkehren. Diese Pandemie könnte aber auch endlich die Überdenkung alltäglicher Macht- und Herrschaftsstrukturen anregen und Fortschritte initiieren, die in Zukunft mehr menschenrechtlichen und ökologischen Standards entsprechen. Ich teile die Hoffnung beider Redner, dass diese Pandemie uns möglicherweise lehrt, unser Zusammenleben mit unseren Mitmenschen und der Umwelt solidarischer zu gestalten, und eine universelle Vision für Entwicklung zu fördern.

Marcela Müggler Corzo studiert Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin und arbeitet zurzeit als Praktikantin bei der IPPNW Deutschland.